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«Der Adrenalinkick beim Sprayen
ist wie eine Droge»

Der Sprayer Zwölf Anzeigen werden im Kanton Bern jeden Tag wegen Graffiti gemacht. An gesprayten Bildern scheiden sich die Geister. Für die einen ist es ein Geschmier. Für andere ist es rebellische Kunst. Zum Beispiel für den jungen R.* aus der Agglomeration Bern.

Aufgezeichnet:
Stefan von Bergen

Meine Ambition ist es, in fünf bis zehn Minuten einen Graffito hinzukriegen, der für Leute aus der Szene nach etwas aussieht und bei dem ich nicht erwischt werde. Wenn ich nachts ein Spraybild male, bin ich voll im Moment, voll konzentriert, der Kopf ist leer. Ich registriere nur noch, wenn ein Auto kommt. Ist es bloss ein Taxi? Oder ist es ein Polizeiauto?

Schon als Kind fiel mir auf Spaziergängen mit den Eltern auf, wenn ein neuer Graffito auftauchte. In der fünften oder sechsten Klasse sprayte ich zum ersten Mal. Ein Kollege und ich wollten das mal ausprobieren. Nachts nach 22 Uhr zogen wir mit Spraydosen los. Von uns beiden war ich der Motiviertere, fortan sprayte ich allein. Ich bin mehr der introvertierte Typ. Ich suche nicht gezielt Leute, denen ich mich anschliessen kann, einer Gang gehöre ich nicht an.

Inspirieren liess ich mich von Graffiti, die mich beeindruckten. Das Handwerk lernte ich auch in Videos auf Youtube oder Vimeo. Für besonders talentiert halte ich mich nicht. Um legale Kunst zu machen, wäre ich zu wenig gut. Das fertige gesprayte Bild ist für mich nicht das Wichtigste. Der springende Punkt ist die Aktion, der Adrenalinkick, die Herausforderung, einen geeigneten Ort zu finden, wo ich mit der Umgebung und der Architektur arbeiten kann. Meine Aktionen poste ich nicht auf Social Media. Aber ich kenne ein paar Leute in der Szene, über deren Feedback ich mich freue.

Ich spüre eine Verbundenheit zu meinem Wohnquartier. Schon als Kind spazierte ich allein herum und erforschte es. Ich kenne die geheimen Wege, über die ich wenn nötig der Polizei entkommen kann. Mit meinen Bildern will ich mein Quartier mitgestalten und dort meine Signatur verbreiten.

Zum Malen brauche ich eine grosse freie Fläche. Ich überlege: Ist die Fläche gut einsehbar? Sieht mein Bild an diesem Ort gut aus? Bleibt es hier lange, oder wird es schnell weggeputzt? Komme ich hier wieder vorbei und kann es anschauen? An einen Neubaublock oder an eine weisse Wand spraye ich nicht. Gut sind Garagentore, sie sind wie ein Bilderrahmen. Bahngeleise sind eine eigene Sparte. Züge, Geleise und Graffiti gehörten schon für die Pioniere in den USA zusammen. Ich weiss, dass es auf Bahngelände gefährlich sein kann. Dann bekomme ich Angst und haue ab.

Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht. Mein Begriff des öffentlichen Raums geht sehr weit. Ich nehme mir das Recht heraus, ihn mitzugestalten, ich gebe ihm meinen Anstrich, ich bringe Farbe ins Spiel. Farbe tut nicht weh, ich zerstöre nichts. Meine Bilder gefallen nicht allen, das weiss ich. Sexistische Werbeplakate gefallen mir auch nicht, und ich werde nicht gefragt, ob ich sie in den Strassen sehen will. Meine Bilder sind auch eine Form des Protestes, sie sind mein Mittel, mich gegen triste Orte oder gegen die Verteuerung eines Quartiers zu wehren. In eine politische Partei würde ich nie gehen, um meinen Protest auszudrücken. Dort muss man sich anpassen und erreicht nichts.

Ich rechnete immer damit, dass ich einmal von der Polizei erwischt werde. Als es passierte, dachte ich: «Muss das schon jetzt sein?» Fast alle Sprayer werden mal erwischt. Beim ersten Mal machte ich alles falsch, ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Als ein Kastenwagen mit mehreren Polizisten auftauchte, hatte ich einen Schrecken. Ich wollte nur noch, dass die Einvernahme möglichst schnell vorbei war. Einige Spraybilder gab ich zu, andere nicht, weil ich fürchtete, dass das teuer werden könnte. Wenn man mal ehrlich ist und mal nicht, verstrickt man sich aber leicht in Widersprüche. Deshalb verweigerte ich die Aussage. Die Polizei soll selber herausfinden, was ich gemacht habe. Ich tue mir keinen Gefallen, wenn ich allzu ehrlich bin.

Die Polizei und die Reaktion meiner Eltern schreckten mich vorerst ab. Als sie mich erwischten, dachte ich aber nicht: «Wie werde ich nun ein ehrlicher Bürger?» Ich sagte mir vielmehr: «Ich habs verbockt, wie mache ich es nächstes Mal schlauer?» Ich machte eine Pause von zwei bis drei Monaten. Dann begann es schleichend wieder. Erst machte ich nur Entwürfe auf Papier. Ich liess sie nicht mehr in meinem Zimmer herumliegen. Denn bei einer Razzia hatte die Polizei einmal Entwürfe bei mir entdeckt.

Als ich zum zweiten Mal erwischt wurde, dachte ich: «Scheisse, du bist immer noch unvorsichtig.» Ich war nun volljährig. Sie nahmen nun DNA-Proben von mir. Ich glaube, dass ich die Sicherheit noch erhöhen kann. Die Polizei ist nicht so schlau. Weil ich Schleichwege kannte, bin ich ihr schon entkommen. Und ich weiss: Es braucht viel, dass sie dir etwas nachweisen können, ohne dass sie dich auf frischer Tat ertappen. Um auf den Spraydosen keine DNA-Spuren zu hinterlassen, trage ich Handschuhe.

Bis jetzt habe ich etwa 10 000 Franken für Anwalts- und Reinigungsrechnungen bezahlt. Hätte mir die Polizei all meine Spraybilder nachweisen können, wären es wohl etwa 100 000 Franken. Natürlich reut mich das Geld. Aber es ist für mich keine Option, nicht zu sprayen. Beim Malen von Bildern denke ich nicht an eine Busse, ich denke nur: «Sie dürfen mich nicht erwischen.» Vielleicht ist das etwas blauäugig.

Die Rechnungen stottere ich mit Hausarbeiten bei meinen Eltern ab, ich bezahle sie aus meinem Lehrlingslohn und vom Sparheft meiner Grosseltern. Wenn ich eine Rechnung von 800 Franken bekomme, muss ich die Geschädigten anrufen und verhandeln, ob ich in Raten zahlen kann. Das wollen nicht alle. Ich weiss, dass ich als Volljähriger nun betrieben werden kann. Das erschreckt mich, aber es schreckt mich nicht ab. Ich möchte eigentlich mal von zu Hause ausziehen, aber im Moment fehlt mir dafür halt das Geld.

Meine Eltern haben mich schon gefragt: «Hat sich das gelohnt?» Sie warnen mich, dass ich meinen Start ins Erwachsenenleben vermassle. Als ich jünger war, versuchten sie mich vehementer zu stoppen. Heute sagen sie: «Das ist dein Scheiss, du musst es selber wissen.» Es lässt mich nicht kalt, dass sie sich wegen mir Sorgen machen. Das tut mir weh. Ihr Blick am Abend, wenn ich rausgehe, belastet mich. Ich versuchte aufzuhören, aber ich brachte die Kraft nicht auf. Das Gespräch auf einer Beratungsstelle brach ich ab, als ich merkte, dass ich den Beratern bloss nach dem Mund redete. Ich wollte ja gar nicht aufhören.

Auf die Hilfe meiner Eltern kann ich immer zählen, sie unterstützen mich. Etwa wenn ich den Überblick mit den Bussen und Schulden verliere. Sie geben mir Struktur. Meine Schulden übernehmen sie aber nicht, auch wenn sie das so nicht ausgesprochen haben. Meine Eltern denken in Kategorien des Berufs und des Verdiensts: Gymer, Lehre, Stelle. Das meine ich nicht als Vorwurf. Ich verstehe, dass Graffiti aus ihrer Perspektive so ziemlich das Gegenteil eines Berufswegs mit Zukunft sind. Es hat was, dass ich irgendwie unbelehrbar bin, ich kann diesen Vorwurf nicht entkräften. Es sieht wie ein Widerspruch aus, dass ich das weiss, es aber nicht ändern kann.

Nein, das Malen von Spraybildern nützt sich nicht ab. Jede Nacht ist wieder anders, man kann sich immer noch steigern. Langweilig wäre es nur, wenn es legal wäre. Was es braucht, damit ich aufhöre? Etwas Besseres. Und das gibt es nicht. Ich sehe derzeit kein Ende. Überhaupt ist es mein Bier, wann ich damit aufhöre. Graffiti begleiten mich länger als ein enger Freund. Und ein anderes Hobby habe ich nicht, das ist meine Kultur, meine Identifikation. Der Adrenalinkick beim Sprayen ist wie eine Droge, Adrenalin ist ja eine Droge. Graffiti sind mein Stück Selbstständigkeit, die ich sonst noch nicht habe.

*Name der Redaktion bekannt