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Barbara Schwickert

«Die Demos betrachte ich als eine Bestätigung unserer Politik in Biel»

Dass die Jungen auf die Strasse gehen und sich für das Klima einsetzen, begrüsst Biels Umweltdirektorin. Das Bewusstsein für den Klimaschutz sei dadurch gewachsen. Themen, für die sie sonst wenig Gehör gefunden hätte, würden nun ernst genommen. Dabei hat für sie das Jahr doch mit zwei gewichtigen politischen Niederlagen begonnen.

Barbara Schwickert in ihrem Büro: Nicht nur der Aussicht wegen würde sie gerne noch einige Jahre in ihrer Direktion bleiben. Bild: Susanne Goldschmid

Interview: Parzival Meister

Barbara Schwickert, Jugendliche auf der ganzen Welt gehen auf die Strasse, um für den Klimaschutz zu demonstrieren. Von Ihrem Büro aus konnten Sie die Demos in Biel hautnah miterleben. Wann haben Sie sich zum letzten Mal auf der Strasse für etwas stark gemacht?
Barbara Schwickert: (Überlegt). Das war letztes Jahr in Zürich, es ging aber nicht ums Klima, sondern um die Gleichstellung von Mann und Frau.

Waren Sie in jungen Jahren eine Aktivistin?
Ich habe jedenfalls viele Anti-AKW-Demos besucht, als ich so zirka 18-jährig war. Im Prinzip wurde ich durch die Anti-AKW-Bewegung politisiert.

Jetzt erleben Sie die andere Seite: Junge Menschen gehen auf die Strasse und stellen Forderungen, die auch direkt an Sie als Biels Umweltdirektorin gerichtet sind. Wie empfinden Sie das?
Ich finde es super, dass die Jungen auf die Strasse gehen. Ich habe das lange Zeit vermisst und mich gefragt: Wo bleibt dieses Revolutionäre bei der Jugend? Ich habe das, was ich aus meiner Jugend kannte, nicht mehr gespürt. Dass die jungen Menschen sich nun für etwas einsetzen, empfinde ich als sehr positiv. Dass es dabei um das Klima geht, sowieso. Ich kann gut mitfühlen, wir gingen ja aus derselben Motivation heraus auf die Strasse. Nämlich, weil wir uns um die Zukunft Sorgen gemacht haben.

Bleiben wir bei Ihrem Rollenwechsel: Als Sie in ihrer Jugend auf die Strasse gingen, waren Sie eine Idealistin. Heute bekleiden Sie ein Exekutivamt und kennen die Grenzen der Realpolitik. Was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie Forderungen von Demonstranten hören, von denen Sie wissen, dass sie nicht so einfach umsetzbar sind?
Ich finde es wichtig, auch in der Exekutive ein Stück weit Idealistin zu bleiben. Wenn ich mich nur noch an politischen Grenzen orientieren würde, ginge viel Elan verloren. Wir in der Exekutive arbeiten viel und es ist nicht immer einfach. Da muss man hohe Ziele und Ideale haben, die man verfolgt. Was die Jugendlichen mit ihren Forderungen tun, ist eigentlich genau das: Sie setzen Ziele. Das kann das Ziel der Klimaneutralität bis im Jahr X sein. Wir müssen dann schauen, wie wir das erreichen wollen. Unsere Aufgabe ist es, den Weg aufzuzeigen und diesen Schritt für Schritt zu gehen. Beim Klimaschutz gehen wir diesen Weg ja bereits. Die Demos betrachte ich als eine Bestätigung unserer Politik in Biel.

Die Klimapolitik des Bieler Gemeinderats profitiert also von den Klimademos?
Ja. Ich spüre bei gewissen Themen, für die ich vor einem Jahr noch weniger Gehör gefunden hätte, dass sie jetzt ernst genommen werden und das Thema viel mehr im Bewusstsein ist.

Zum Beispiel?
(Lacht). Da kann ich jetzt nicht konkreter werden.

Die Realpolitik zeichnet ein anderes Bild. Erst letzte Woche beerdigte der Souverän von Court das vom Energie Service Biel lange geplante Windparkprojekt im Gebiet Montoz-Pré Richard.
Das bedaure ich wirklich sehr. Das Nein kam für uns aus heiterem Himmel. Der ESB stand in engem Kontakt zur Gemeinde, hat Infoveranstaltungen durchgeführt und wir hatten ein positives Gefühl. Das Nein ist eine verpasste Chance. Wir hätten mit dem Windpark rund 10 Prozent des Energiebedarfs der Stadt Biel decken können. Aber nicht nur für Biel ist es eine verpasste Chance, sondern für die ganze Schweiz. In der Energiestrategie 2050 des Bundes spielt die Windenergie eine wichtige Rolle. Ich bin auch nicht dafür, überall Windräder hinzustellen. Aber Court wäre ein guter Standort gewesen und mit dem Nein geht nun erneuerbare Energie verloren.

Ist der Landschaftsschutz das grösste Hindernis beim Ausbau der nachhaltigen Energieproduktion?
Der Landschaftsschutz und der Naturschutz sind Bereiche, die gut zu berücksichtigen sind. Jede Energieproduktion hat ihre Vor- und Nachteile. Wenn man eine Staumauer baut, hat dies starken Einfluss auf Landschaft und Natur. Bei einem Windpark ist dieser Einfluss kleiner. Man kann die Anlagen auch wieder abbauen und dann sieht es in diesem Gebiet so aus wie vorher. Ich denke, bei Windparkprojekten spielt das Optische eine wichtige Rolle. Sie gefallen einem, oder nicht.

Gefallen sie Ihnen?
Mich stören sie nicht. Wichtig ist, dass wir eine Konzentration an bestimmten Standorten erreichen. In Court wäre dies der Fall gewesen, auch durch die Nähe zum Grenchner Windparkprojekt und wegen der sehr guten Windverhältnisse.

Mit sachlichen Argumenten hatte das Ergebnis wohl wenig zu tun, das Nein in Court dürfte eher eine emotionale Entscheidung gewesen sein.
Ich denke auch, dass dies in Court der Fall war. Die Debatte war von Gefühlen geprägt, wie ich vernommen habe. Aber auch das «not in my backyard»-Prinzip hat mitgespielt. Alle sind für den Aufbau von alternativen Energieträgern, aber halt wo anders. Hier sagen wir, baut lieber Staumauern in den Alpen. Und dort sagen sie, Windräder auf dem Jura wären besser. Solche Dinge passieren in der Politik immer wieder. Da müssen wir uns an den Spruch halten: Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten und weitergehen. Man darf sich nicht entmutigen lassen.

Es gibt für Sie auch positive Entscheide: Diese Woche hat der Nidauer Stadtrat entschieden, auf die Konzession für die Seewassernutzung zu verzichten. Somit ist der Weg für den ESB frei, ein Fernwärme- und Kältenetz aufzubauen, bei dem mittels Seewasser Teile von Biel und Nidau geheizt und gekühlt werden können. Die 40 bis 50 Millionen Franken, die das Windparkprojekt gekostet hätte, können anderweitig investiert werden.
(Lacht). Also wir hätten gerne auch beides gemacht. Aber grundsätzlich bin ich natürlich sehr froh über den Beschluss aus Nidau. Sonst wäre das Projekt in Gefahr gewesen. Und dieses Projekt ist sehr wichtig für den Klimaschutz. Es erlaubt uns, erneuerbar zu wärmen und zu kühlen.

Wie gross ist das Potenzial dieses Fernwärmenetzes?
Das müssen wir noch genau eruieren, aber es ist sehr gross. In Nidau wird es einen grossen Teil des Stadtgebietes abdecken. In Biel können wir das Netz bis zum Bahndamm ziehen und dort auch gleich grosse Nutzer bedienen.

Sie sprechen von den sich im Bau befindenden Switzerland Innovation Park und Campus Technik der Berner Fachhochschule. Wird das Seewasser-Fernwärmenetz denn auch rechtzeitig fertig sein?
Es kommt ganz darauf an, was jetzt noch passiert. In Nidau wurde ja ein Vorstoss eingereicht, dass sich die Gemeinde am Fernwärmenetz finanziell beteiligen soll. Je nachdem wie hoch die Beteiligung ausfallen soll, braucht es eine Volksabstimmung. Das alles braucht Zeit. Ausserdem müssen wir beim Kanton die Konzession zur Nutzung des Seewassers einreichen und das Projekt fertig planen. Sicher ist aber: Wenn das Netz nicht rechtzeitig fertig sein sollte, werden wir den Nutzern eine Zwischenlösung anbieten, bis das Netz steht.

Der ESB versorgt Nidau mit Gas, verfolgt aber auch das Ziel, von fossilen Brennträgern wegzukommen. Das Projekt kommt gerade gelegen.
Ja. Aber nicht nur in Bezug auf Gasheizungen, auch für Öl-Heizungen können wir damit eine Alternative bieten.

Was kann der ESB sonst noch tun, um Hausbesitzer dazu zu bewegen, nicht mehr mit fossilen Brennträgern zu heizen?
Das wichtigste ist der Aufbau von erneuerbaren Wärmeverbünden. Das ist von den Kosten her am attraktivsten für Liegenschaftsbesitzer. Ein Beispiel ist das Champagne-Quartier. Dort haben wir letzten Herbst das grösste Grundwasserwärmenetz im Kanton in Betrieb genommen. Wir können damit ein ganzes Quartier beheizen. Ist so ein Netz vorhanden, schliessen wir ganz sicher die Gebäude der Stadt an. Doch wir merken auch, dass Private gerne mitmachen.

Das kantonale Stimmvolk lehnte letzten Monat ein Energiegesetz ab, das den Einsatz von erneuerbaren Energien im Wärmebereich gefördert und den Einbau einer neuen Gas- oder Ölheizung massiv erschwert hätte. Sie wären froh um diese gesetzliche Grundlage gewesen.
Mit dem neuen Gesetz wäre halt einfach alles schneller gegangen, da es Hausbesitzer in die Pflicht genommen hätte. Beim Ziel, den CO-Ausstoss zu verringern, ist der Gebäudesektor nach dem Verkehr der wichtigste Faktor.

Sie haben gesagt, dass viele Private sich gerne einem Wärmeverbund anschliessen. Sollte nicht dieses Vorgehen das Ziel sein: Attraktive Angebote statt einer gesetzlichen Verpflichtung?
Die Menschen sind tatsächlich bereit, etwas mehr zu bezahlen, wenn die Energie erneuerbar ist. Aber wir müssen schneller vorwärts kommen. Wenn jemand jetzt eine neue Ölheizung einbaut, behält er diese für die nächsten 15 bis 20 Jahre. Es wäre wichtig, dass wir in diesem Bereich verbindlich werden könnten. Denn der Klimawandel ist schon Tatsache.

Die Stadt Bern lässt vom Kanton eine Änderung der Bauordnung prüfen, die Hausbesitzer verpflichten würde, sich bei einem Wärmeverbund anzuschliessen, wenn der Heizungswechsel ansteht. Strebt Biel dasselbe an?
Auch die Stadt Biel prüft eine Anschlusspflicht. Ob und wann diese vors Volk kommt, ist noch offen. Die Präsidialdirektion hat den Lead in dieser Frage im Zusammenhang mit der Revision der baurechtlichen Grundordnung.

Sie haben gesagt, viele Leute seien bereit, mehr zu bezahlen, wenn es sich um erneuerbare Energien handelt. Dies aber auch nur in Grenzen. Können sich erneuerbare Energien nur dann flächendeckend durchsetzen, wenn sie zu konkurrenzfähigen Preisen angeboten werden?
Einerseits ja. Andererseits müssten wir bei fossilen Energien mit realen Kosten operieren. Wie auch beim Atomstrom. Dieser ist nur so günstig, weil nicht alle Kosten miteingerechnet werden. Jetzt erst sehen wir, wie teuer uns ein Rückbau eines AKWs zu stehen kommt. Ein Steuerungsmittel ist die erhöhte CO-Abgabe, die hilft, den Preisunterschied zwischen fossilen und erneuerbaren Energien zu verkleinern. Mit dem Aufbau von Wärmeverbünden haben wir die Möglichkeit, erneuerbare Energien zu guten Preisen anzubieten, da sind wir nicht mehr viel teurer als die fossilen Energien.

Betrachten wir das grosse Ganze: Wo wollen Sie Biel als Umweltdirektorin hinführen?
Im Strombereich sind wir schon sehr nah am Ziel. Der Strom, den wir anbieten, besteht zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien. In diesem Bereich würde ich mir einzig wünschen, dass wir mehr Eigenproduktionen aufweisen könnten. Nach Fukushima haben wir hauptsächlich über Strom diskutiert. Das war richtig und wichtig. Doch nun lege ich den Fokus auf die Wärmeproduktion und da orientiere ich mich am Pariser Klimaabkommen.

Die Juso hat einen Vorstoss eingereicht, in dem sie fordert, die Stadt müsse sich an eben dieses Klimaabkommen halten. Sehen Sie dieser Forderung also gelassen entgegen?
Nein. Wir müssen noch sehr grosse Anstrengungen unternehmen, um dorthin zu kommen. Das Ziel sind Netto-Null-CO-Emissionen bis 2050.

Wo stehen wir denn aktuell in Biel?
Der Treibhausgas-Ausstoss ist in Biel in den letzten Jahren gesunken. Im Jahr 2017 zum Beispiel lag der Ausstoss pro Kopf bei 5,99 Tonnen. Sie sehen, wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Aber wir sind auch die erste Generation, die den Klimawandel effektiv spürt. Uns wird bewusst, dass wir eine grosse Verantwortung tragen und jetzt handeln müssen.

Wenn es um den Klimaschutz geht, hört man oft das Argument: Das bringe alles nichts, wenn die USA und China nicht mitziehen würden. Können wir hier in Biel überhaupt etwas bewirken?
Wenn man nur aktiv werden würde, wenn andere sich bewegen, bewegt sich nie etwas. Ich finde es spannender, das Heft selber in die Hand zu nehmen. Wir sind ja nicht alleine. Wir sind eine Bewegung, die wächst. Wir haben hier und heute eine Aufgabe, also packen wir sie an. Auch wenn es schwierig ist, zu sehen, dass anderswo neue AKWs gebaut werden.

Eben: Ist das nicht frustrierend?
Ja. Aber wir dürfen uns davon nicht lähmen lassen. Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt. Wenn wir sagen würden, zuerst sollen die anderen etwas tun, fände ich dies verantwortungslos. Wir können es uns leisten und sind technologisch weit fortgeschritten. Also zeigen wir, was möglich ist.

Wir reden hier grösstenteils von längerfristigen Zielen. 2050 werden Sie wohl nicht mehr in diesem Amt sein. Was wollen Sie erreichen, bis Sie dereinst die Direktion abgeben?
Wichtig ist, dass wir systematische Grundlagen schaffen und den Klimaschutz überall verankern. Wir dürfen dies nicht nur bei einzelnen Projekten tun, sondern in den Gesamtstrategien. Wir müssen in allen Regelwerken der Stadt schauen, wo wir Einfluss nehmen können und diese so ausgestalten, dass wir langfristig nachhaltig handeln. Wichtige Anliegen sind mir zum Beispiel auch die Begrünung der Stadt und dass unser eigener Fahrzeugpark mit Elektro-Motoren ausgerüstet ist.

Sie machen nicht den Eindruck, als dass Sie eine andere Direktion anpeilen würden?
Auf keinen Fall. Zwar sind auch andere Departemente sehr interessant, aber ich mag es konkret und das trifft hier zu. Energie- und Umweltthemen, Verkehr und öffentlicher Raum haben mich schon seit meiner Jugend fasziniert.

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Zur Person

• Barbara Schwickert, 54-jährig, lebt in eingetragener Partnerschaft

• Seit 2009 vollamtliche Gemeinderätin von Biel (Grüne)

• Von 2009 bis 2012 Sicherheitsdirektorin, seit 2013 Bau-, Energie- und Umweltdirektorin

• Von 1993 bis 2008 Stadträtin von Biel, 2005/06 Stadtratspräsidentin, von 2006 bis 2008 Mitglied des Grossen Rats des Kantons Bern

• Ursprünglich ausgebildete Kindergärtnerin und Hortleiterin

• Arbeitete in den 90er-Jahren als Journalistin und von 2000 bis 2007 als Geschäftsleiterin der Volkshochschule Region Biel-Lyss pam

 

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