Sie sind hier

Abo

Samstagsinterview

«Kompromisse werden leider als Wischiwaschi ausgelegt»

Als früherer Direktor des Gemeindeverbandes kann Reto Lindegger Stärken und Schwächen der Region gut beurteilen. Er zeichnet ein positives Bild, allerdings mit einigen Aber. In Nidau hilft er mit, die Scherben in der Verwaltung zusammen zu räumen. Als neuer Präsident der FDP Biel plädiert er für mehr Sachpolitik und weniger Emotionen.

Reto Lindegger. Bild: Nico Kobel

Interview: Bernhard Rentsch

Reto Lindegger, als gebürtiger Aargauer sind Sie mit Ihrer Familie seit vielen Jahren in Biel ansässig. Was hält Sie in dieser Stadt?
Reto Lindegger: Persönlich sehe ich Biel sehr positiv, unsere ganze Familie lebt extrem gerne hier. Für uns als ursprüngliche Nicht-Bieler ist es im Moment keine Option, irgendwo anders zu leben. Es war eine perfekte Wahl.

Sie betonen, dass Sie hier die persönliche Beurteilung abgeben. Gibt es denn auch eine andere, quasi offizielle?
Es ist bekannt, dass Biel gegen aussen mit Imageproblemen kämpft. Das hat sich zwar stark gebessert. Wenn man genau hinsieht, erkennt man die vielen angeblich biel-typischen negativen Geschichten genau gleich in andern Städten. Das sehr düster gezeichnete Bild bleibt aber tatsächlich in vielen Köpfen haften.

Was kann dagegen unternommen werden?
Biel muss insbesondere sich selber bleiben. Eine Industriestadt bleibt eine Industriestadt, die Voraussetzungen werden nie sein wie in Bern, Zürich oder Basel. Das müssen wir akzeptieren. Wir haben keine scheinbar sichere Basis mit Bundesverwaltung, Banken oder Chemie. Biel wird also immer stärker auf wirtschaftliche Schwankungen reagieren. Dies ist aber keine Schwäche. Wir müssen im Gegenteil unsere Stärken herausstreichen.

An was denken Sie?
Biel ist lebendiger als andere Städte. Für eine Stadt in dieser Grösse begegnet man sehr viel Kreativität und Gestaltungslust. Aber auch dem Willen und der Energie, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und sich nicht entmutigen zu lassen.

Als Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbandes hatten Sie einen guten Überblick über die Gemeinden in unserem Land. Wo situieren Sie Biel und das umliegende Seeland als Region?
Da fällt mir als Erstes ein, dass man Biel und das Seeland nicht als Einheit wahrnehmen kann. Es gibt Unterschiede zwischen Stadt und Land, auch wenn ich dies nicht als Graben bezeichnen möchte. In Seeländer Gemeinden trifft man zum Teil auf harsche Kritik, wenn man Biel als Referenz aufführt. Beide Seiten könnten näher zusammenstehen. Ganz vereinfacht: Bieler sollen auf die Landgemeinden nicht von oben herabblicken, die Einwohner der Landgemeinden ihrerseits sollen erkennen, dass in Biel nicht alles falsch gemacht wird. Das Seeland habe ich in meiner früheren Funktion immer als sehr hilfsbereit und offen wahrgenommen. Es war immer eine Idealsituation zwischen urbanen und ländlichen Themen – so etwas wie eine Vorzeigeregion.

Ist der erwähnte Stadt-Land-Graben in unserer Region besonders ausgeprägt?
Dieser Graben ist überall festzustellen. Und er macht mir Sorgen. Wir müssen Sorge tragen, nicht zu weit auseinanderzudriften. Es geht einerseits um die politische Wahrnehmung, andererseits um konkrete Standortattraktivitäten. Es darf nicht sein, dass sämtliche Dienstleistungen aus den Dörfern verschwinden und nur noch zentral angeboten werden. Das darf nicht einer Marktlogik entsprechend geopfert werden. Interessanterweise hat dies auch der neue Postchef bei seinem Amtsantritt angesprochen. Es kommt also Bewegung in die Thematik.

Sie haben in einem Interview einmal die Erfolgsfaktoren für eine Gemeinde auf drei einfach verständliche Faktoren heruntergebrochen: fundiertes Leitbild, Entwicklungsstrategie und Kommunikationskonzept. Gilt das generell für alle Gemeinden?
Das sind in der Tat – natürlich stark vereinfacht – die Grundvoraussetzungen. In diesen Bereichen sehe ich überall Nachholbedarf. Trotz extrem ausgebauten Kommunikationsmöglichkeiten kommen viele Botschaften beim Empfänger nicht an. Ich höre zu oft, dass jemand nicht informiert ist.

Welches sind die grössten Herausforderungen der Zukunft für Biel und die Gemeinden im Seeland?
Das grosse Thema Digitalisierung darf man nicht verpassen, obwohl dieses Thema oft auch überschätzt wird. Die Digitalisierung bringt den Gemeinden nicht nur Aufwand, sondern bietet in der Tat konkrete Lösungen. Der demografische Wandel ist seit Längerem ein Thema. Dabei vermisse ich gelegentlich, dass sich Gemeinden aktiver mit den Fragen auseinandersetzen, wer in 20 Jahren als Einwohnerin und Einwohner zu begrüssen ist. Eine generelle Herausforderung ist zunehmend die Komplexität der Geschäfte. Wenn man zum Beispiel die Anforderungen der Raumplanung betrachtet, sind diese im Milizsystem fast nicht mehr zu bewältigen. Zumal gleichzeitig die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger steigen.

Die Weiterentwicklung wird häufig mit Wachstum angestrebt. Ist Wachstum für eine Gemeinde tatsächlich das wichtigste Kriterium?
Wachstum per se ist nicht negativ. Häufig gibt es dann aber auch ein Erwachen, wenn alle damit verbundenen Zusatzaufgaben für eine Gemeinde sichtbar werden. Ich denke da zum Beispiel an die Schulsituation oder an das Gesundheitswesen. Familien anziehen löst Kosten aus. Da ist man nicht in jedem Fall bereit, B zu sagen. Wachsen als Strategie ist falsch, man muss wissen warum.

Sie haben die Stelle als Direktor des Gemeindeverbandes nach vier Jahren aufgegeben und sind beruflich nach Biel zurückgekehrt. Weshalb?
Ich wollte meine Ellbogenfreiheit zurückgewinnen. Die Aufgabe beim Gemeindeverband habe ich enorm geschätzt. Ich war allerdings sehr eingebunden, sei dies beim 15-köpfigen Vorstand oder bei unzähligen anderen Verbänden. Die vielen Beteiligten erforderten viel Koordinationsarbeit. Es wurde mir zu eng. Die grosse Reisebelastung und die Präsenzen in der ganzen Schweiz waren zudem nicht familientauglich. Auf lange Zeit war das für mich nicht tragbar.

Heute sind Sie in Biel selbstständiger Konsulent unter dem Dach einer Anwaltskanzlei. Was macht ein Konsulent?
Rund die Hälfte meiner Arbeit setze ich ein für Projektleitungen in Städten und Gemeinden. Ich berate diese bei Strategiefragen oder begleite Gemeinderäte bei schwierigen Themen und Projekten. Es stehen zudem aktuell einige Projekte im Zusammenhang mit der Digitalisierung auf meiner Aufgabenliste. Fragestellungen, wie sich Gemeinden in diesem Bereich entwickeln können und sollen, beschäftigen viele. Wir zeigen zum Beispiel in Workshops auf, wie dem Phänomen der Abwanderung aus ländlichen Gemeinden begegnet werden kann.

Ein Auftrag stösst auf Interesse: Aktuell führen Sie unter anderem interimistisch die Abteilung Infrastruktur in Nidau, die nach diversen Abgängen und vielen politischen Diskussionen in Schieflage geraten ist. Ist so ein Mandat nicht ein Risiko?
Die Aufgabe als Springer gehört eigentlich nicht zu meinen Kernaufgaben. Die Aufgabestellung in Nidau reizte mich jedoch, auch im Wissen, dass in dieser Situation Impulse von aussen wichtig sind. Ich glaube, dass ich helfen kann, das Personal wieder zu motivieren und den dringend nötigen Tagesbetrieb aufrecht zu erhalten. Garantien gibt es aber keine und ich werde wohl von einem ordentlich eingesetzten Nachfolger abgelöst, bevor die Arbeiten abgeschlossen sind.

Das Risiko?
Ja natürlich gehe ich in Nidau ein Risiko ein. Dieses Mandat könnte möglicherweise nicht in allen Punkten erfolgreich sein und das eine oder andere anstehende Projekt wird nicht wunschgemäss vorwärtskommen. Nach einigen Wochen intensiver Arbeit mit dem Team und den politisch Verantwortlichen glaube ich aber feststellen zu dürfen, dass sich das angesprochene Risiko stark verringert hat.

Ihre Aufträge sind in der Regel projektartig aufgebaut. Das heisst, sie haben auch einen klar geplanten Abschluss. Wenn‘s läuft, haben Sie Ihre Arbeit gut gemacht und werden nicht mehr gebraucht. Ist es nicht frustrierend, nie die Früchte ernten zu können?
Genau diese projektorientierte Arbeit entspricht mir. Ich bin mir bewusst, dass meine Impulse häufig einen Anfang bilden, und dass ich dann bei vielen Umsetzungen nicht mehr dabei bin. Damit muss man umgehen können.

Mit Blick auf Ihr Mandat in Nidau, aber auch als Bürger von Biel und als guter Kenner der politischen Szene: Das Klima in der Politik ist deutlich kühler geworden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Das ist seit Jahren im ganzen Land zu beobachten. Ich habe Gemeindepräsidenten erlebt, die die Nase voll hatten und den Bettel hingeschmissen haben. Dies nicht nur, weil sie von Bürgerinnen und Bürgern zunehmend unfair attackiert wurden, sondern auch aufgrund des politischen Klimas innerhalb des Gemeinderates oder unter verschiedenen Parteien. Die Diskrepanz zwischen der «Hochglanzpolitik» in den nationalen Räten und der Knochenarbeit in den Gemeinden wird immer grösser.

Diese ungute Entwicklung wird durch die verstärkte Polbildung links gegen rechts verstärkt.
Ich vermisse das Konstruktive. Man zielt zu stark auf Effekte, sprich Wählergewinn, ab. Das beginnt in den Parteien und geht dann in den eigenen Tätigkeiten weiter. Viele Politiker betreiben vor allem Marketing und Kommunikation. Da muss man sich dann nicht wundern, dass die gleichen Effekte auf der Bevölkerung zurückkommen und man plötzlich im Gegenwind steht. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine Konfrontationskultur hineinlaufen, die weitere Entwicklungen in unserem Land blockiert. Die Schweiz ist unter anderem derart stark, weil auch politisch konstruktiv und gemässigt vorgegangen wurde. Das verstärkte Links-Rechts-Schema ist gerade auf kommunaler Ebene gefährlich. Wenn Differenzen aufgrund der politischen Ausrichtung nicht bereinigt werden können, ist dies nicht mehr zielführend. Blockaden führen zum Stillstand. Kompromisse werden leider als Wischiwaschi ausgelegt. Das ist bedenklich.

Trotz dieser ernüchternden Betrachtung der aktuellen Politik haben Sie vor kurzem ein wichtiges Amt angenommen: Sie sind Präsident der Bieler FDP-Sektion. Trotzdem oder eben gerade jetzt?
Es stellt sich auch für mich die Frage: Will ich mich laut positionieren, auf den Putz hauen und damit Wählergewinne realisieren? Oder will man in der Mitte konstruktiv mitarbeiten, ohne sich zu verbiegen? Natürlich geht es auch bei uns nicht ohne Politmarketing. Mir liegt aber insbesondere die Sachpolitik am Herzen.

Reicht dies, um sich in Biel zwischen den zunehmend stärker auseinander driftenden Polen bestehen zu können?
Da bin ich überzeugt. Die politischen Pendenzen und die offenen Fragen hängen im Wesentlichen von dieser Polbildung ab. Man hat es beidseits verpasst, miteinander zu sprechen. Mit einer verstärkten Mitte und neuen Köpfen kann an diesen Mauern gearbeitet werden. Ich bin überzeugt, dass ich mit dieser Haltung auf Echo stosse und etwas auslösen kann. Wenn nicht, bin ich die falsche Person. Verbiegen werde ich mich nicht.

Gemessen werden Sie an konkreten Zielen. Welche Themen gehen Sie prioritär an?
Wichtig ist insbesondere, dass man in der Westast-Frage weiterkommt. Auf beiden Seiten muss die Diskussion versachlicht werden. Das Beharren auf der eigenen Position und die Geringschätzung von anderen Meinungen führten zur aktuellen Situation. Emotionen sind in der Politik kein guter Begleiter. Andererseits überstrahlte der Westast andere wichtige Themen zu stark.

Zum Beispiel?
Der drohende Baustopp beim Campus beschäftigt mich stark und auch das Thema Agglolac hat für unsere Region eine grosse Bedeutung. Die Entwicklung der Innenstadt mit Blick auf die Veränderungen beim Einkaufsverhalten dürfen wir nicht vernachlässigen. Eine lebendige Innenstadt ist für die Identität und für das Wohlfühlen der Bevölkerung wichtig. Dass etwas gehen kann, zeigt das Beispiel der Bieler Altstadt. Der Wandel zu einem Ort, von dem man auch ausserhalb von Biel spricht, ist sehr bemerkenswert.

Das Ziel jeder Partei ist auch, jüngere Menschen für Politik zu interessieren. Wie schaffen Sie das?
Das ist eine grosse Herausforderung. Vernünftige und konstruktive Mittepolitik ist nicht sehr sexy. Trotzdem ist es meiner Meinung nach möglich, auch eine jüngere Wählerschicht anzusprechen. Es braucht dazu wohl etwas mehr Kommunikation. Für mich ist es ein Lichtblick, dass ich an den letzten Versammlungen vermehrt auch jüngere Gesichter sehen konnte. Nur Junge anzusprechen, ist aber falsch. Es braucht die gute Mischung.

Nachrichten zu Biel »