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Biel

Sie schiesst das Schiffchen durch die Fäden

Verena Garcia beherrscht eine uralte Handwerkkunst, die heutzutage nicht mehr viele können: In ihrem Atelier «el Telar» in Biel verarbeitet die Handweberin Wolle, Seide, Leinen und Baumwolle zu hochwertigen Stoffen.

Weben ist Verena Garcias grosse Leidenschaft. Davon leben könne sie aber nicht. Bild: Peter Samuel Jaggi

Denise Gaudy

Es klappert und rattert, quietscht und ächzt. Holz schlägt auf Holz. Der Parkettboden vibriert. Verena Garcia sitzt konzentriert hinter einem der vier Webstühle in ihrem Atelier in einem altehrwürdigen Haus beim Brunnenplatz in Biel. Die rhythmischen Geräusche, die bei der Betätigung der Fusspedale und beim Heranziehen der sogenannten Kammlade mit den Händen entstehen, wirken beruhigend. «Das ist ein 60 Jahre alter Webstuhl der Firma Arm in Biglen», sagt Verena Garcia, während sie das Schiffchen mit dem hellgrünen Garn hin und her durch die Lücke der vor sich aufgespannten weissen Fäden schiesst. «Mit den Tritten werden die Kettfäden gehoben oder gesenkt, je nach Muster des entstehenden Tuchs. Mit der Kammlade wird der Schussfaden an das bereits gefertigte Gewebe angeschlagen», erklärt die Weberin. In der Fachsprache nennt man die Pedale des Webstuhls laut Garcia übrigens Tritte.

Komplexe Technik
Die Webstühle in Garcias Atelier «el Telar» hat sie alle zu einem erschwinglichen Preis erstanden. Es sind Occasionen. Einer davon ist computergesteuert und würde neu etwa gleich viel kosten wie ein Kleinwagen. «Grosse Handwebstühle will kaum jemand mehr», sagt die Textilgestalterin. Zwar sei das uralte Handwerk in der Schweiz nicht gerade am Aussterben, aber die Ausbildung zur Gewebegestalterin werde nur noch selten als Erstberuf gewählt.

Am Webstuhl, an dem Verena Garcia zurzeit arbeitet, entsteht eine ein Meter breite Stoffbahn aus reiner Biobaumwolle in zartem Frühlingsgrün. Der Webstuhl ist eine komplizierte hölzerne Konstruktion und besteht aus einem Gestell mit zwei Walzen zum Aufwickeln der Kettfäden einerseits und des fertigen Gewebes andererseits. Weiter ist das Gerät ausgerüstet mit Kurbeln, Zahnrädern, Zapfen, Hebeln, Stäben und sogenannten Schäften. Das sind Querschienen, an denen ein Fadensystem befestigt ist, die Litzen, womit die Kettfäden so angeordnet werden, dass ein Zwischenraum entsteht. Durch diesen wird das Weberschiffchen geschossen.

Fürs Einrichten des Webstuhls brauchte Verena Garcia zwei Tage. Vorher musste sie eine komplizierte Rechnung anstellen, je nach Muster, Material, herzustellender Stoffqualität und -quantität. An diesem Gerät will sie vier Badetücher im Waffelmuster herstellen mit einer Gewebedichte von zehn Fäden pro Zentimeter Breite. «Um die dafür benötigte Materialmenge zu berechnen, muss ich die Anzahl Meter pro Kilo Garn kennen, die Kettfäden beim Bespannen des Webstuhls genau abzählen und diese je nach Muster am richtigen Ort befestigen», sagt Garcia.

Freude am Designen
Weben sei also auch eine mathematische Angelegenheit und habe viel mit Logik und dreidimensionaler Denkfähigkeit zu tun. Eigentlich liege ihr dieser Aspekt der Webkunst weniger. Vielmehr sei sie der visuelle Typ und ihre Leidenschaft gelte dem Zeichnen von Entwürfen, der Auswahl der passenden Materialien, dem Spiel mit den Farben der Garne und dem Bestimmen der Bindung, wie die Musterung eines Gewebes in der Fachsprache genannt wird.

Dafür hat Verena Garcia ganz offensichtlich ein besonderes Gespür: Auf Tablaren stapeln sich Zierkissen in raffinierten Farbkombinationen aus kerniger Leine mit leichtem Satinglanz. In Regalen liegen bunt karierte Couchdecken aus feinster Merinowolle. An Kleiderbügeln hängen schmucke Halstücher und festliche Stolen. Ein leuchtend türkisfarbener Schal aus Seide in der Kette und Merinowolle im Schuss fällt besonders auf; das dezente Wellenmuster bringt die spezielle Farbe und das edle Gewebe erst richtig zur Geltung. Die Textilkünstlerin stellt aber auch Artikel für den Alltag her, wie robuste Küchen- und Tischtücher in modernem Look oder Badeteppiche aus rezyklierter Bettwäsche.

Arbeiten aus Leidenschaft
Die Artikel aus der Werkstatt «el Telar», Spanisch für Webstuhl, sind keine Serienprodukte. Aufgrund der aufwändigen Herstellung und der qualitativ hochwertigen Stoffe sind sie auch nicht günstig. Die Weberin arbeitet im Auftrag von Privaten oder verkauft ihre Ware auf dem Handwerkermarkt in Biel. Letztes Jahr durfte sie ein Interieur-Geschäft mit einer kleinen Auswahl an Wohntextilien beliefern, worauf ein Hotel im Berner Oberland Interesse bekundet hat an Badetextilien aus der Bieler Manufaktur.

Verena Garcia betont, dass sie niemals alleine vom Weben leben könnte. Vielmehr sei es ihr Hobby, ihre ganz grosse Leidenschaft: «Die Faszination liegt darin, aus vielen einzelnen Fäden einen edlen Stoff zu fertigen. Tausende Varianten sind möglich, um Materialien und Farben zu kombinieren. Der Fantasie und Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.» Inspirieren lässt sich Garcia von der Webkunst auf der ganzen Welt: «Die Peruaner gelten als die ganz grossen Meister. Mir persönlich gefällt aber die japanische Ästhetik am besten. Zudem träume ich von einer Reise auf die Hebriden, wo ich gerne einmal bei der Herstellung des traditionellen Harris-Tweed zuschauen würde.»

Kürzlich ist Verena Garcia auf ein Buch gestossen über Frauen in Iran, die seit Jahrhunderten mit archaischen Webstühlen hauchdünne Wollfäden zu schmalen Stoffbahnen verarbeiten, von denen bis heute nicht bekannt ist, wozu sie verwendet werden. «Diese wunderschönen Textilien versuche ich jetzt nachzugestalten», sagt die Weberin.

Link: www.eltelar.ch,www.textilforum.ch

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