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Alleinerziehend

Sie trainiert jetzt für den Arbeitsmarkt

Die Bieler Sozialhilfeempfängerin Sonja Gerber* hat es geschafft: Sie arbeitet seit wenigen Wochen im Rahmen eines Arbeitstrainings in einem Kleiderladen in der Stadt – und hat bereits Stammkunden.

Hofft auf eine Anstellung: Sonja Gerber* 
sammelt derzeit Erfahrungen in der Arbeitswelt. 
Bild: Susanne Goldschmid/a
  • Dossier

Deborah Balmer

Irgendetwas ist anders: Sonja Gerber* wirkt lebendiger als bei den letzten beiden Treffen, selbstbewusster. Das BT begleitet die 29-jährige Sozialhilfebezügerin seit letztem Sommer auf ihrem schwierigen Weg ins Arbeitsleben. Damals verriet sie dem BT, dass sie, die als junge Frau eine Lehre als Coiffeuse abgebrochen hat, gerne als Kleiderverkäuferin arbeiten würde. Im Herbst dann hielt sie das erste Mal ein Zertifikat in den Händen: Sie hatte einen Verkaufskurs an einer Fachhochschule für Detailhandel besucht und mit einem Zertifikat abgeschlossen.

Nun sitzt sie da und erzählt mit Enthusiasmus, wie gut es ihr in ihrem Arbeitstraining als Verkäuferin gefällt. «Zurzeit bin ich in der Damenabteilung, ich nehme mir gerne Zeit, die Kunden zu beraten – der Kontakt mit den Menschen gefällt mir», sagt sie und lacht. Mit Freude erzählt sie, dass sie bereits Stammkunden hat. «Jemand sagte zu mir: ‹Wenn ich mit ihnen rede, kaufe ich danach immer etwas›.» Ein älterer Mann, der etwas für seine Frau suchte, sagte ihr, dass man merke, dass ihr die Arbeit Spass mache. Die positiven Rückmeldungen sind Balsam für die Seele der Sozialhilfebezügerin. Auch ihr Chef sei zufrieden mit ihr, habe ihr in Aussicht gestellt, dass sie bald in einer anderen Abteilung lernen werde, wie man die Kasse bedient. Sonja Gerber packt also neue Ware aus, lernt, die Kleider zu sichern und sie korrekt auf die Bügel zu hängen. Daneben berät sie Kundinnen und räumt die Umziehkabinen auf. «Alles soll immer ordentlich aussehen», sagt sie, die alleinerziehende Mutter eines siebenjährigen Sohnes.

Ihr derzeitiger Job ist Teil des sogenannten beruflichen Arbeitstrainings (BAT), das vom Informations- und Beratungszentrums Frac Biel angeboten wird. Seit wenigen Wochen befindet sie sich nun im Programm, in dem es darum geht, dass Sozialhilfebezüger im Arbeitsmarkt unter echten Bedingungen klar kommen. «Weil sie später ja dann genau dort bestehen müssen», sagt Pia Wegmüller. Sie ist Beraterin und stellvertretende Geschäftsleiterin im Frac und betreut dort auch Sonja Gerber. Sie sagt: «Wie ich von ihr gehört habe, läuft es sehr gut für sie im Arbeitstraining. Sie ist sehr motiviert.» Vom Einsatzbetrieb habe sie noch nichts gehört, was aber in der Regel ein gutes Zeichen sei. Zu Beginn des dritten Monats werde dann ein sogenanntes Evaluationsgespräch stattfinden, bei dem die Arbeitsleistung und das Verhalten beurteilt werden.

Sonja Gerber wird sich ab da auch wieder bewerben müssen. Ihr Ziel ist klar: Sie hofft, dank ihrer Erfahrung eine feste Arbeitsstelle als Kleiderverkäuferin zu finden. Würde es mit einer neuen Stelle klappen, könnte sie innerhalb von sieben Tagen dorthin wechseln.

Die Tagesmutter wird bezahlt
Während drei Tagen in der Woche ist sie nun im Arbeitstraining. Möglich ist das nur, weil sie dafür eine Tagesmutter engagieren konnte, die ihr die Sozialen Dienste der Stadt Biel bezahlen. Denn während sie am Abend noch arbeitet, kommt ihr Kind schon längst von der Tagesschule nach Hause.

«Mami, gell, wir haben nun weniger Zeit miteinander», hat ihr Sohn letzthin zu ihr gesagt. Immer denselben Tag in der Woche hat sie frei, und den verbringt sie mit ihrem Kind. Das wird von ihrer neuen Arbeitsstelle akzeptiert. Daneben macht sie aber den Abend- und den Samstagsverkauf mit. Der Einstieg sei «brutal» gewesen, erzählt Sonja Gerber. «Am Abend spürte ich meine Füsse nicht mehr und hatte garantiert über zehn Kilometer zu Fuss zurückgelegt», sagt sie. Für 80 Franken hat sie sich daraufhin neue Schuhe gekauft. Für sie sehr viel Geld.

77 Personen haben teilgenommen
Merkt sie, die ein sehr kleines Budget hat, auch finanziell etwas? 100 Franken Integrationszulagen erhält sie zusätzlich zum Geld von der Sozialhilfe. Dass ihr am Ende des Monats nicht spürbar mehr Geld zur Verfügung steht, nimmt sie in Kauf. «Ich mache das für mich, weil ich so Erfahrungen sammeln kann.»

Wie Sonja Gerber haben letztes Jahr 77 Personen am beruflichen Arbeitstraining des Frac teilgenommen. Das Programm richtet sich an Menschen, die wie Sonja Gerber wenig Chancen haben, auf dem herkömmlichen Bewerbungsweg eine Stelle oder eine Lehrstelle zu finden. Das kann der Fall sein, wenn jemand etwa infolge einer Krankheit oder eines Unfalls über längere Zeit nicht mehr gearbeitet hat, oder über keine in der Schweiz geforderte berufliche Qualifikation oder Berufserfahrung verfügt.

«Frau Gerber hat dank ihren guten Leistungen in ihrem BAT-Betrieb beste Chancen, danach eine Teilzeit-Anstellung zu bekommen», sagt Pia Wegmüller. Als nicht diplomierte Verkäuferin werde sie aber wohl mindestens 80 Prozent, wohl eher 100 Prozent, arbeiten müssen, um vom Einkommen sich und ihren Sohn ernähren zu können. Für eine alleinerziehende Mutter sei es eine grosse Herausforderung, die Kinderbetreuung so zu organisieren, um den Ansprüchen des Arbeitgebers zu genügen. Insbesondere im Verkauf werde natürlich eine hohe Flexibilität bezüglich der Arbeitszeiten erwartet. Wäre sie eines Tages unabhängig, müsste sie die Kosten für die Fremdbetreuung ihres Sohnes selber tragen. «Auch wenn jeweils einkommensabhängige Beiträge berechnet werden, belasten solche Ausgaben ein Budget natürlich stark», sagt Pia Wegmüller weiter. Und sollte sie trotz Anstellung mit dem Lohn noch immer nicht auf das Existenzminimum kommen, würde sie weiterhin Sozialhilfe erhalten.

Für Sonja Gerber zählt vorerst auch ihr Gefühl, das sie dank der neuen Arbeit hat. «Es ist schön, wenn man unter Freunden wieder mitreden und von seiner Arbeitsstelle erzählen kann. Sie wissen dann, dass man wie alle anderen auch, nicht einfach nichts tut.»

* Der Name und einige persönliche
Angaben wurden geändert.

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Über die Hälfte profitiert
Letztes Jahr haben 77 Personen das sogenannte berufliche Arbeitstraining (BAT) absolviert. 43 Personen (55,8 Prozent) haben im Anschluss entweder eine unbefristete Anstellung (29), eine befristete Anstellung (3) oder einen Ausbildungsplatz (11) gefunden.

Das sechsmonatige Training im ersten Arbeitsmarkt wird vom Informations- und Beratungszentrum, Frac, im Auftrag der Fachstelle Arbeitsintegration (FAI) der Stadt Biel, des Sozialdienstes für Flüchtlinge Biel und Zollikofen (SRK) und von Asyl Biel und Region (ABR) vermittelt. Ziel ist es, den vermittelten Personen Türen in den ersten Arbeitsmarkt zu öffnen, indem sie eine Chance erhalten, sich in der Praxis zu bewähren. Zwei Drittel der vermittelten Personen sind Frauen. Dadurch bietet das Frac viele Einsätze in Berufsfeldern wie Verkauf, Pflege, Hauswirtschaft, Reinigung, Gastronomie und im kaufmännischen Bereich an. Eine Mehrheit der Frauen hat Kinder und das BAT dient für sie auch dazu, im realen Arbeitsmarkt zu testen, ob ihre Kinderbetreuungs-Organisation funktioniert.

Bei Männern sind es Berufsfelder wie Logistik, Bauberufe, Hauswirtschaft/Unterhaltsreinigungen, Verkauf und Informatik/KV, an die BAT-Plätze vermittelt werden. Zwei Drittel aller Personen haben keine Schweizer Nationalität, ein Drittel sind Schweizerinnen oder Schweizer. Die grosse Mehrheit (78 Prozent) ist zwischen 26 und 49 Jahre alt. bal

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