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Wieder geht ein Hausarzt in Pension, aber seine Praxis bleibt

30 Jahre lang stand Josef Waltenspül als Hausarzt im Dienste seiner Patienten. Ende Februar übergibt er seine Praxis einem erfahrenen Nachfolger – ein Glücksfall in einem schwierigen Umfeld.

Nach drei Jahrzehnten als Hausarzt freut sich Josef Waltenspül auf den neuen Lebensabschnitt. Bild: zvg

Beatrice Bill

Zeit haben für seine Patienten, das war ihm wichtig. 40 Jahre diente Josef Waltenspül als Arzt für Allgemeine Innere und Manuelle Medizin den Menschen, 30 davon als Hausarzt in Port. «Ich wollte für alle ein offenes Ohr haben, auch wenn sich das Wartezimmer manchmal bis auf den letzten Stuhl füllte», sagt Josef Waltenspül. Doch Ende Februar ist Schluss: Er übergibt seine Praxis in neue Hände. «Ich hatte das Glück, einen kompetenten und erfahrenen Nachfolger zu finden, der meine Praxis in meinem Sinne weiterführt», freut er sich.

Nicht nur in seiner Praxis wirkte Waltenspül: Während 27 Jahren engagierte er sich für die behinderten Menschen des Wohnheimes Pfadfinder Trotz Allem (PTA) in La Neuveville. «Sie sind mir ans Herz gewachsen. Mit ihrer ehrlichen Art gaben sie mir viel gute Energie zurück», sagt er. Waltenspül war Heimarzt im Ruferheim, Schularzt in Port und Nidau, Arzt bei sportmedizinischen Grossanlässen, Lehrarzt der Universität Bern – weitere anspruchsvolle Aufgaben während seiner Berufszeit. Intensiv und belastend waren seine Einsätze für die Polizei: Als Amtsarzt arbeitete er während 17 Jahren für das Institut für Rechtsmedizin. Da kam es vor, dass er nachts bei jedem Wetter bis in den Berner Jura ausrücken musste, um einen Todesfall abzuklären. Am nächsten Tag stand er wie gewohnt in seiner Praxis. «Ohne die Unterstützung meiner Ehefrau Elisabeth und ohne die Hilfe treuer Praxisassistentinnen, hätte ich diese Aufgaben als Hausarzt nie erledigen können», stellt Waltenspül dankbar fest.

Wertschätzung leidet
Auf die Frage, ob er heute wieder Medizin studieren würde, antwortet er überzeugt: «Auf jeden Fall. Es war und bleibt für mich die komplexeste und interessanteste Materie überhaupt. Aber: Ob ich im heutigen gesundheitspolitischen Umfeld noch einmal Hausarzt werden möchte, ist mir nicht klar.» Alle, von den Medien bis zu den Politikern, wüssten besser, was zu tun sei, um das kranke Gesundheitswesen zu kurieren. Die Wertschätzung des Hausarztes leide, auch wenn der Beruf im nächsten Moment von ebendiesen Leuten wieder gepriesen werde. «Es kam öfters vor, dass ich mich tagsüber voll für meine Patienten einsetzte, und abends beim Fernsehen erfuhr, was wir Ärzte wieder angerichtet haben», sagt Waltenspül.

Kosten steigen, Qualität sinkt
Als Waltenspül sich vor 30 Jahren nach einer Praxis umschaute, hatte es zu viele Hausärzte. Jeder Neue war auf das Wohlwollen der umliegenden Arztkollegen angewiesen. Dafür seien die Kollegialität und eine gute Zusammenarbeit selbstverständlich gewesen, sagt Waltenspül. Heute hingegen würden Praxen, Ärztezentren und Notfallstationen eröffnet, ohne dass man sich mit den umliegenden Hausarztpraxen abspreche. Das führe dazu, dass unnötige, teure Abklärungen veranlasst und die Patienten von einem Spezialisten zum andern überwiesen würden, ohne dass der ursprünglich zuständige Hausarzt informiert werde. Was für ihn übrig bleibt, ist vielleicht das Verfassen eines zeitraubenden Berichts für die Versicherung. Fazit: Die Kosten steigen, die Qualität sinkt. Waltenspül ist überzeugt, dass Spezialisten, Hausärzte und Spitexorganisationen viel besser zum Wohle der Patienten zusammenarbeiten sollten.

«Ich will mich neu erfinden»
Anders als andere Hausärzte beschloss Waltenspül, sich mit 66 aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Eine entscheidende Rolle spielte dabei seine Gesundheit, die ihm das Leben nicht immer leicht macht. Dass er problemlos einen Nachfolger fand, erachtet er als Win-win-win-Situation für alle – für sich selbst, den Nachfolger und die Patientinnen und Patienten.

«Ich habe einiges nachzuholen», sagt Waltenspül auf die Frage nach seinen Plänen im Ruhestand. «Ich will mich noch einmal neu erfinden.» Es gibt einige Projekte, die er nie richtig umsetzen konnte: zum Beispiel die Bienen- und Insektenforschung. Als ausgebildeter Imker machte es ihm mehr Spass, seinen Patienten Honig statt Medikamente abzugeben. Er möchte sein Bienenhaus auf Hochglanz bringen und – welch ein Gegensatz – seiner Leidenschaft, dem Kite-Surfen, frönen, vielleicht sogar als Kite-Lehrer auf Sansibar einen Saisonjob annehmen. «Ein Angebot liegt bereits vor», schmunzelt er voll Vorfreude. Etwas ganz anderes steht auch noch auf seiner Wunschliste: ein humanitärer Einsatz zusammen mit seiner Frau in einer ärztlichen Organisation. «Wir sind am Planen. Läuft mir die Zeit davon, um all meine Pläne zu verwirklichen?»

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