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Biel

Zahnerkrankung mit vielen Fragezeichen

Fleckige, schmerzende oder gar bröckelnde Zähne: Seit einigen Jahren macht eine mysteriöse Krankheit bei Kindern von sich reden. Zahnärzte aus der Region erzählen von einer Zunahme der Erkrankung – über deren Ursache es nur Vermutungen gibt.

Zähneputzen kann für Kinder, die unter MIH leiden, eine schmerzhafte Angelegenheit sein. Symbolbild: Keystone

Sarah Zurbuchen

Es fühlt sich an wie ein schlimmer Albtraum: Die Zähne bröckeln einfach weg wie Kreide. «Kreidezähne» heisst denn im Volksmund auch die Zahnerkrankung, unter der laut der Klinik für Kinderzahnmedizin der Universität Bern 10 bis 19 Prozent der Kinder leiden. Dabei hat das Phänomen nichts mit schlechter Mundhygiene oder Karies zu tun. Der Defekt stammt aus der Schwangerschaft und dem ersten Lebensjahr. In dieser Zeit wird der Zahnschmelz gebildet, die äusserste Schicht eines Zahns. Dazu werden Kalzium und Phosphat in die Zähne eingelagert. Zahnärzte nennen dies Mineralisation. Bei Kindern mit «Kreidezähnen» wurde der Zahnschmelz also nicht richtig entwickelt. «Der Zahnschmelz ist brüchig wie Pergament», erklärt der Bieler Zahnarzt Peter Tschäppät. Oder wie es Matthias Nötzel, Zahnarzt und Oralchirurg im Bieler Medizinischen Zentrum beschreibt: «Die Zähne sind wie Zwieback.»

Auch wenn der Defekt bereits sehr früh im Leben eines Kindes entsteht, äussert er sich erst etwa im sechsten Lebensjahr, wenn die zweiten Zähne durchbrechen. Genauer sind die oberen und unteren Backenzähne (Molaren), seltener auch die Schneidezähne (Inzisiven) betroffen. Daher auch der Name «Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation», kurz MIH.

Höhere Sensibilisierung
MIH wurde 1987 erstmals beschrieben, seit rund 15 Jahren scheint die Anzahl betroffener Kinder stark angestiegen zu sein. Dabei ist aber unklar, ob es tatsächlich mehr Betroffene gibt oder ob dank einer höheren Sensibilisierung der Zahnärzte mehr Fälle von MIH erkannt werden. Früher wurden diese Zähne pauschal unter Karies abgehandelt, bis darin ein eigenständiges Krankheitsbild entdeckt wurde. Zahlen dazu gibt es hierzulande nicht, die Schweiz ist eines der wenigen Länder, für die diesbezüglich noch keine Statistik vorliegt.

Trotzdem ist die Zahnkrankheit zur Genüge bekannt, wie auch die Bieler Kinderzahnärztin und ehemalige Oberärztin der Klinik für Kinderzahnmedizin der Universität Bern, Nathalie Scheidegger Stojan, bestätigt. «Studien zeigen, dass immer mehr Kinder von MIH betroffen sind», betont sie. Das Krankheitsbild ist sehr unterschiedlich. Es kann nur ein Zahn betroffen sein, oder gleich alle bleibenden Backenzähne und/oder Schneidezähne. Bei einer schwachen Ausprägung weist der Zahnschmelz der Zähne weisse, gelbe oder braune Flecken auf. Bei einer starken Ausprägung ist der ganze Schmelz betroffen und der Zahn bröckelt weg. Dies ist glücklicherweise selten. Tschäppat: «In rund 30 Jahren Praxistätigkeit hatte ich nur gerade drei Kinder mit schweren Ausprägungen in Behandlung.» Viele Kinder und ihre Eltern würden von MIH gar nichts mitbekommen, so Tschäppät weiter.

Deutlich alarmierender tönt es vonseiten Matthias Nötzel: «Ich habe keine Statistik erstellt, aber schätzungsweise jedes zehnte Kind, das ich behandle, zeigt Anzeichen von MIH.» Dabei seien manchmal nicht nur bleibende Zähne, sondern bereits die Milchzähne betroffen.

Eltern können nichts dafür
Eine gute Aufklärung der Eltern und des Kindes ist bei MIH sehr wichtig. Erstens gilt es, den Eltern keine Schuldgefühle einzureden, «denn die können definitiv nichts dafür», so Scheidegger Stojan. Ausserdem ist eine akribische Zahnpflege unerlässlich, weil die porösen Zähne anfälliger für Karies werden. Die zerklüftete Oberfläche der Zähne ist für die Kinder schwierig zu reinigen. Ausserdem sind die kranken Zähne häufig temperatur- und berührungsempfindlich, was dazu führt, dass die Kinder erst recht die Zähne nicht mehr richtig putzten, wie die Zahnärztin erklärt. Mit Fluoridpräparaten kann man der fehlenden Mineralisation entgegenwirken und empfindliche Zähne schützen. «Es ist auch möglich, eine präventive Füllung anzubringen, um kleine Defekte zu schliessen», sagt Nathalie Scheidegger Stojan. In ganz ausgeprägten Fällen müsse der Zahn entfernt werden, um so den gesunden Backenzahn nach vorne zu ziehen. In diesem Fall muss das Kind zusätzlich einen Kieferorthopäden aufsuchen.

Ursache unklar
Über die Ursache für MIH gibt es bis anhin nur Vermutungen. Sie reichen von Atemwegserkrankungen in den ersten Lebensmonaten und Antibiotika, die deshalb verabreicht wurden, über Umweltgifte in der Muttermilch (Dioxine) bis zu Weichmachern wie Bisphenol A (BPA). Klar ist: «Je mehr ein Land industrialisiert ist, umso mehr MIH», so die Zahnärztin.

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Karies bleibt das Hauptproblem
Laut Zahnarzt Peter Tschäppät nimmt der Anteil der an Karies leidenden Kinder wieder zu. «Es scheint, als ob die Bemühungen der Eltern, ihre Kinder zum Zähneputzen anzuhalten, wieder zurückgehen.» Ein weiteres Problem sei der versteckte Zucker in Lebensmitteln sowie die zuckerhaltigen Zwischenmahlzeiten. Schliesslich seien viele Kinder mit Migrationshintergrund von Karies betroffen, deren Eltern mit dem Thema Ernährung und Mundhygiene zuwenig vertraut seien. sz

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