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Aha, die Frau liest Zeitung, der Mann wickelt das Kind

Sind Sie schon mal bei sich selber eingebrochen? Nicht? Interessante Erfahrung!

Sabine Kronenberg

Es tun sich Welten auf oder Abgründe. Je nach Perspektive. Mir ist es passiert, als ich kurz vor der Abreise bei den Schwiegereltern im Überschwang fand, man könne der Einfachheit halber einfach einen unserer Hausschlüssel bei ihnen lassen. Der Einfachheit halber, um drei Tage später Jack aus der Kindertagesstätte abzuholen und dann eben – einfach – bei uns in die Wohnung zu gehen.

Aus dem schönen Waadtland zurück in Biel merkte ich dann, dass ich den zweiten Schlüssel in der Wohnung 
gelassen hatte. Und das am Sonntagabend um halb acht mit greinendem Kleinen, der seinen Schoppen haben und ins Bettchen will. Wunderbar.

Ich habe mich zuerst für meine Schusseligkeit bei meiner Sippe entschuldigt und dann versprochen, höchstselbst sofort die Lösung des Türproblems zu erwirken. Zuerst: Anruf beim Schlüsseldienst. Antwort: Wir kommen sofort. Schön. Dann zwei Minuten später: «Ah nein, doch nicht, es gibt einen Notfall mit einem eingeschlossenen Kind im Keller. Wir kommen in vier Stunden. Sorry gäu, es ist Sonntag und wir haben nur einen Monteur auf Pikett.»

Argh! Ich komme nicht mal dazu, den Menschen zu erläutern, dass ein Kleinkind mit Bedürfnissen durchaus auch eine Art Notfall ist! Was nun? Kurzerhand klingle ich bei der Nachbarin im Parterre. Sie lässt uns schon mal ins Treppenhaus. Bei unserer Wohnungstür oben versuche ich, die Tür einzudrücken. Ist ein Altbau, kann ja wohl nicht so schwer sein. Die Tür rührt sich nicht. Ich gebe schweissgebadet auf (und nicht unbedingt vom Einbruchversuch, sondern eher, weil das Kind in immer höheren Tönen jault und sich nur noch schwerlich vom Papa beruhigen lässt), klingle abermals bei der Nachbarin und bitte um einen Hammer. «Ich werde jetzt in unsere Wohnung einbrechen.» Sie leiht mir ihren Hammer.

Kurz darauf hat Jack getrunken, ist gepischelet und auf dem Weg in das Land der Träume, während ich in unserem Entrée die Scherben zusammenkehre. Das ist ja alles schon eine ziemliche Robinsonade, aber bizarr wird es zwei Tage darauf, als der Glaser bei uns vorbeikommt, um den Schaden an den hübschen Butzenfensterchen unserer Wohnungstür zu beheben. Wir sind gerade kurz davor zu frühstücken, als der Handwerker klingelt. Oder genauer, mein Mann wickelt den Kleinen in eben demselben Entrée, da dort unser einziger Heizkörper in der Wohnung (eben ein Altbau) steht, und ich sitze in der Küche, lese die Zeitung und trinke einen Kaffee. Der Glaser (um die Fünfzig) erscheint und meint «Oh, ich habe drei Söhne und habe sie nie gewickelt, machen Sie das oft?» als Begrüssung zu meinem Mann. Dann Blick in die Küche: Aha, die Frau liest Zeitung. «Grüessech», sage ich darauf wenig schlagfertig. Er beginnt mit seiner Arbeit und wir frühstücken. Die Glaserei dauert etwa eine Viertelstunde, wie unser Frühstück. Inzwischen steht mein Mann am Herd und kocht den Brei für die Kita. Der Glaser kommt zu uns und verkündet, dass der Schaden behoben sei. Wieder derselbe Blick: Aha, der Mann am Herd. Zuviel des Guten ist es für den Herrn offenbar, als ich ihm bei seinem Smalltalkversuch («Da ist Ihnen wohl die Tür beim Durchzug heftig zugefallen») mitteile, ich selbst sei mit dem Hammer in die Wohnung eingebrochen und ... ich komme nicht dazu, weiterzuerzählen, er winkt ab, atmet heftig, prustet, nimmt sein Werkzeug und zieht ab. Wir drei bleiben perplex zurück, sogar Jack guckt verdutzt. Mein Mann und ich schauen uns an und kringeln uns vor Lachen.

Info: Sabine Kronenberg ist Historikerin und Ausbildnerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Biel.

kontext@bielertagblatt.ch

Stichwörter: Meinung, Neulich, Einbruch, Hammer

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