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Titelgeschichte

Chinesen in Biel erzählen 
von ihrem wichtigsten Fest

Weltweit feiern Chinesen diese Woche das Neujahrsfest, auch Frühlingsfest genannt, das dieses Mal vom 4. auf den 
5. Februar stattfindet und den Auftakt zum Jahr des Schweins ist. Ein traditionell chinesisches Ärztepaar und eine Chinesischlehrerin aus Biel berichten von dieser Tradition und ihrem früheren Leben in ihrer ursprünglichen Heimat.

  • 1/5 Im Kreise ihrer Geschwister: Ruohhong Ong (Mitte) mit ihren Schwestern und Brüdern am Neujahr 1986. Bild: zvg
  • 2/5 Familientreffen am ersten Tag des Jahres: Das Bieler Ehepaar Hui Lu und Yongjie Wang (hintere Reihe rechts aussen) mit seiner Familie am Neujahrstag in China im Jahr 2005. Bild: zvg
  • 3/5 Laternenfest beim Konfuziustempel in Nanjing im Jahr 2012. Damit endet das 15-tägige Neujahrsfest. Bild: Keystone
  • 4/5 Lu Hui und ihr Mann Yongjie Wang mit einem Glücksbringer auf dem «Fu» steht. Das Wort für Glück. Bild: Peter Samuel Jaggi
  • 5/5 Die Chinesischlehrerin Ruohong Ong-Chen unterrichtet in der Chinesischen Schule in Biel. Bild: Raphael Schaefer
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Deborah Balmer

Vor über zehn Jahren haben Hui Lu und ihr Mann Yongjie Wang ihr Land verlassen und sind aus der chinesischen Provinz Henan in die Schweiz gezogen. Heute lebt das Ehepaar in Biel und führt eine eigene Praxis für traditionell chinesische Medizin. Diese Woche werden sich die beiden wohl ganz besonders mit ihrer alten Heimat verbunden fühlen. Denn am 5. Februar feiert China den ersten Tag des neuen Jahres, das Jahr des Schweins. Ein Jahr, das Glück, Reichtum, Genuss und Zufriedenheit bringen soll. Ein Tag zuvor findet, ähnlich unserem Silvester, von der Wichtigkeit her aber so bedeutend wie Weihnachten, ein grosses Fest statt, mit dem das neue Jahr willkommen geheissen wird. Das Neujahrsfest ist für die Chinesen das wichtigste traditionelle Fest – auch für die Chinesen in Biel.

Etwas vom Wichtigsten an diesem Frühlingsfest ist das Essen: So werden etwa Fisch, Geflügel und allerlei Früchte aufgetischt. «Wir Chinesen lieben es, zu essen», sagt Hui Lu, lacht und erzählt in der Praxis an der Bieler Bahnhofstrasse von den vielen verschiedenen Speisen, die an diesem Tag serviert werden. Meeresfrüchte und Fisch seien ganz besonders wichtig, denn sie sind ein Symbol für Geld. Geflügel stehe für Glück. Und in den meisten Familien darf am Neujahrsfest der Reiskuchen nicht fehlen.

Es heisst, das chinesische Neujahr sei der Auslöser für die weltweit grösste Völkerwanderung. Die einzelnen Familienmitglieder reisen jeweils aus ganz China und auch aus dem Ausland zu ihren Familien.

In der Schweiz haben Hui Lu und Yongjie Wang sich in der Vergangenheit an diesem Tag schon mit Bekannten getroffen, die in der traditionell chinesischen Medizin tätig sind. Zurück nach China haben sie es aber nie mehr geschafft. «Dieses Mal werden wir wohl einfach für uns daheim feiern und etwas kochen», sagt Hui Lu.

Von Henan nach Biel
Ihr Mann Yongjie Wang ist 2005 in die Schweiz gekommen, Hui Lu hat China zwei Jahre später verlassen. Beide arbeiteten früher in der Provinz Henan in einem Spital. In der Schweiz waren sie zuerst in Fribourg, dann in Montreux tätig. Seit 2013 lebt das Ehepaar in Biel.

Die traditionelle chinesische Medizin unterscheidet sich von der klassischen Medizin in vielerlei Hinsicht: Der Mensch wird ganzheitlicher, ein medizinisches Problem nicht nur lokal betrachtet. Akupunktur, Phytotherapie und Schröpfmassagen gehören zum Alltag der beiden Chinesen.

Sie sind nicht die Einzigen, die in Biel eine traditionell chinesische Praxis führen, auch Schweizer Ärzte haben die Vorzüge der chinesischen Medizin entdeckt. Die Konkurrenz ist deshalb nicht klein. «Wir wären manchmal froh, es würde noch etwas mehr laufen bei uns», sagt Hui Lu ganz offen, die wie ihr Mann, das Leben in der Schweiz sehr mag.

«Ein Land wie ein Foto»
Sie erinnert sich gut an die erste Zeit im neuen Land: Anfangs sei ihr vor allem die Ruhe aufgefallen, die überall herrsche. Manchmal war es fast zu ruhig. «Dass am Sonntag die Läden geschlossen sind, war für uns sehr ungewohnt», sagt sie. «In China sind am Sonntag alle Geschäfte geöffnet, was es natürlich einfacher macht, noch etwas zu besorgen.»

Die Schweiz haben beide vom ersten Moment an sehr schön gefunden, wie sie erzählen. «Die vielen Blumen, die vielen Bäume überall, es kam mir vor wie eine Fotografie», sagt Hui Lu. Auch die Freundlichkeit der Menschen sei ihnen positiv aufgefallen.

Der Kulturschock blieb also aus? Der Unterschied von China zur Schweiz sei riesig, sagt sie. «In den ersten Monaten war es für uns schwierig, etwas zu essen zu finden, das uns wirklich schmeckte». Yongjie Wang mochte zum Beispiel kein Rindfleisch und hat deshalb zu Beginn fast nur Fisch gegessen. Ebenfalls ungewohnt war, dass es viel weniger grünes Gemüse gibt als in China. «Und Käse mochten wir beide gar nicht», sagt Lu. «Heute geht es besser und wir essen manchmal ein wenig davon.»

Ihrem Mann gefolgt
Nicht nur Hui Lu und Yongjie Wang, auch die Bieler Chinesischlehrerin Ruohong Ong-Chen denkt nächste Woche an ihr Land, aus dem sie vor vielen Jahren in die Schweiz kam. Mehr als das: Sie wird wie jedes Jahr die alten Traditionen aufleben lassen. 1989 ist sie als 26-Jährige in die Schweiz gekommen. Sie folgte damals ihrem Mann, ebenfalls ein Chinese, der 1980 in die Schweiz floh, weil 1979 an der Grenze zwischen China und Vietnam Krieg herrschte. Schon in ihrer Heimat unterrichtete die ausgebildete Lehrerin Chinesisch.

In Biel gab sie die Sprache dann zuerst nur ihren beiden Kindern weiter, die mittlerweile erwachsen sind. Heute unterrichtet sie jeweils am Mittwochnachmittag und am Freitagabend an der Chinesischen Schule Biel, die es seit den Nullerjahren gibt. Zuerst kamen vor allem die Kinder der lokal ansässigen Auslandchinesen zu ihr in den Unterricht. «In den letzten Jahren konnten wir aber auch Schüler ohne Chinesischkenntnisse und jeden Alters bei uns willkommen heissen», sagt Ong. Dabei geht es nicht nur um das Lernen von chinesischen Schriftzeichen, sondern auch darum, in die chinesische Kultur und die Traditionen einzutauchen.

Als Ong in die Schweiz kam, fiel auch ihr besonders auf, wie sauber die Schweiz ist und wie freundlich die Menschen sind. «Blumenland» nennt sie das Land noch heute. «Aber das Essen», sagt sie und lacht. «Käse, Brot und Butter kannte ich vorher nicht, und Reis mit viel Gemüse fehlte mir.» Anfangs mochte sie Salat nicht, bis heute kann sie kein Rindfleisch essen.

Mit ihrem Mann pflegt sie heute einen Gemüsegarten und pflanzt dort chinesisches Gemüse an. «Die Samen haben wir aus China mitgebracht», sagt sie.

Rote Umschläge
Für das chinesische Neujahr von nächstem Dienstag hat sich Ruohong Ong schon vor längerer Zeit neue Kleider gekauft, weil das Glück bringt. Feiern wird sie mit ihrer Familie. Serviert wird gebackene Ente, und auch bei ihr darf Fisch nicht fehlen, weil das Glück bringt. Zum Schluss gibt es den süssen traditionellen Neujahrskuchen aus Klebreismehl. «Wir pflegen auch in der Schweiz den Brauch, rote Geldumschläge zu verteilen. Weil unsere Kinder erwachsen sind, erhalten wir die Umschläge nun von ihnen.»

Und auch die digitale Welt macht nicht Halt vor den chinesischen Traditionen: Ong und ihre Familie ist mit einem Chat mit ihren Verwandten in China verbunden. «An Neujahr schicken wir uns fleissig elektronische rote Geldumschläge und wünschen uns alles Gute für das neue Jahr.» Auch über Video-Call ist sie am Neujahrsfest mit ihrer Familie in China verbunden. Ong schaut manchmal von der Schweiz aus die chinesische Neujahrsshow, die jedes Jahr während Silvester über den nationalen chinesischen Sender ausgestrahlt wird.

Sie feierte auch schon im grösseren Rahmen: 1990 wurde von Landsleuten ein Verein gegründet, deren Mitglieder Südostasiaten mit chinesischer Herkunft sind und deren Vorfahren aus China ausgewandert sind. Der Verein pflegt die chinesischen Bräuche. Jedes Jahr wird für Neujahr ein Gemeindesaal gemietet.

Ong hat sehr viele schöne Erinnerungen an das chinesische Neujahr in ihrer Heimat, das sie jeweils mit ihren Geschwistern feierte. Meist in Rot gekleidet, fröhlich zusammensitzend. In Südchina, wo sie herkommt, war es Tradition, sich an Neujahr Mandarinen zu schenken, weil sich das auf Chinesisch auf Glück reimt. Dort pflegt sie auch den Brauch, am ersten Jahrestag Süsses zu essen und etwa 40 Tage vor Neujahr Narzissenzwiebeln zu pflanzen und sie gut zu pflegen: Blühen die Blumen pünktlich zum Jahreswechsel, bringt das etwas, was sich Chinesen wirklich in jeder Form wünschen: Glück.

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Warten auf das Schwein
In China glaubt man, dass das neue Jahr so wird, wie der erste Tag des Jahres. Deshalb ist Spielen angesagt – und Süssigkeiten essen.

Familie, Feiern, Feuerwerk: Früher feierten die Chinesen das Neujahrsfest, das auch Frühlingsfest genannt wird, einen ganzen Monat lang, auch heute nimmt man sich dafür mehrere Tage frei, und die Schulen bleiben geschlossen. Das chinesische Neujahrsfest ist vergleichbar mit unserem Silvester und dem 1. Januar und es ist in China ein ausgesprochenes Familienfest. Das Fest beginnt immer zwischen dem 21. Januar und dem 20. Februar und richtet sich nach dem Mondkalender. Das heisst, das Fest startet jeweils mit dem Neumond und endet mit dem Vollmond, dauert also genau 15 Tage. Immer am 15. Tag feiern die Chinesen das Laternenfest, an dem rote Laternen vor die Häuser gehängt und die Parks und Strassen schön geschmückt werden. Ein wichtiger Teil des Laternenfests ist das Rätselraten. So enthalten die Darstellungen auf den Laternen entweder bereits Rätsel, oder die Laternenbesitzer kleben Rätsel auf ihre Laternen, damit die Besucher sie abreissen können, wenn sie die Lösung wissen. Wenn die Rätsel richtig erraten werden, gibt es ein kleines Geschenk.

Ein bis zwei Wochen vor dem Neujahrsfest beginnen Chinesen ihre Wohnungen zu putzen: Es wird aufgeräumt, Schränke ausgemistet, Fenster geputzt und Vorhänge gewaschen. Alles Schlechte soll noch im alten Jahr vertrieben und das neue Jahr blitzblank begrüsst werden. Zur Tradition gehört es zudem, dass die Türen mit roten Bändern dekoriert werden, auf denen Sprüche und Worte stehen, die das neue Jahr willkommen heissen.

Manchmal wird das Wort «Fu» (Glück) absichtlich auf dem Kopf aufgehängt, was so viel heisst wie: Glück, komm herein. Die gleiche Absicht steckt dahinter, wenn das Fenster geöffnet und das Licht brennen gelassen wird. Unglück bringt hingegen, wenn man sich während der Neujahrstage die Haare schneidet, weil das chinesische Wort für Haar sehr ähnlich klingt wie das Wort für Wohlstand, den man ja bewahren möchte.

Am chinesischen Silvester sitzen die Familien zusammen und es wird reichhaltig gegessen. Etwa selbstgemachte Ravioli (in Nordchina) oder klebrigen Reiskuchen, sicher aber Fisch, der auf Chinesisch ähnlich heisst wie Reichtum. Denn in China mag man nicht nur Dinge, die gut schmecken, sondern auch solche, die gut klingen.

Traditionell erhalten Kinder von ihren Eltern ein rotes Kuvert namens «Hongbao» mit Geld drin. Ein gleiches Kuvert erhalten die Erwachsenen von ihrem Arbeitgeber. Rot bedeutet in der chinesischen Kultur Glück und Freude. Sind die Kinder erwachsen, beschenken sie ihre Eltern mit roten Kuverts.

Gegen 23 Uhr gehen die Familien nach draussen, um das neue Jahr mit einem Feuerwerk zu begrüssen. Beliebt sind nicht nur Feuerwerke, sondern besonders laute Knaller, die Chinaböller. Am ersten Jahrestag werden dann nochmals Familienmitglieder oder Freunde besucht. Es gibt viele Tricks, um das neue Jahr zu einem glücklichen werden zu lassen: Chinesen glauben, dass es so wird wie der erste Tag des Jahres: Sie geben sich also alle Mühe, um den Neujahrstag in Harmonie zu verbringen. Beliebt ist Spielen und Süssigkeiten essen.

Jedes Jahr steht unter einem anderen astrologischen Zeichen. 2019 wird der Hund vom Schwein abgelöst. Man glaubt, dass, wer im Schwein geboren wurde, im Jahr des Schweins eine besonders schwierige Zeit hat. Um dem entgegenzuwirken, trägt man am besten Rot. Hingegen soll man auf keinen Fall schwarze oder weisse Kleidung tragen, Schwarz ist die Farbe des Unglücks und Weiss die Farbe der Trauer.

In diesen Tagen wird viel los sein in China: Weil Millionen von Chinesen zum Frühlingsfest zu ihren Familien reisen, staut sich der Verkehr auf den Strassen, werden Flugtickets teurer und Bahnbillette schwerer zu kaufen sein. Auch im Ausland wird das chinesische Neujahr gross gefeiert: etwa in Paris, London und New York. Deborah Balmer

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Die Chinesin Yen La ist in Vietnam geboren und kam vor 40 Jahren als Zehnjährige in die Schweiz. Sie ist kulinarisch bestens integriert, sagt aber, dass Chinesen bei ihr auf Besuch nur mit etwas Überwindung Käse essen würden. Besonders ungern in geschmolzener Form.

Yen La, das kommende Jahr ist in China das Jahr des Schweins. Es gibt auch das Jahr des Hundes und der Ratte. Beides soll ja in China als Delikatesse gelten.
Yen La: Das stimmt, ich selber habe aber weder Hund noch Ratte je probiert und es schreckt mich ab, wenn ich diese Tiere in China gehäutet in einer Metzgerei hängen sehe. Obwohl es vergleichbar ist damit, dass wir in der Schweiz Kaninchen essen. Katze gilt in China übrigens auch als Leckerbissen.

Man hört ja immer, Chinesen würden keinen Käse mögen. Können Sie sich erinnern, wie Sie als Kind das erste Mal davon gekostet haben?
Als Kind störte mich das wohl nicht, ich habe jedenfalls keine schlechten Erinnerungen daran. Meine Schwester isst aber bis heute keinen Käse. Auch wenn uns chinesische Verwandte besuchen, tische ich eher kein Fondue oder Raclette auf. Denn wenn der Käse geschmolzen ist, riecht und schmeckt er ja noch intensiver. Das ist für Chinesen abstossend. Und auch sonst wird Käse, jedenfalls zu Beginn, nur mit etwas Überwindung gegessen.

Was tischen Sie denn auf?
Rösti und Bratwurst, das geht.

Was ist das Speziellste, was bei Ihnen aus der chinesischen Küche je auf den Teller kam?
In Hong Kong ass ich früher mehrmals stinkenden Tofu. Leider gibt es den in China heute nicht mehr so oft. Aber mir schmeckte er sehr, und sie können sicher sein, der stinkt genauso wie ein starker Schweizer Käse. Um ihn zu finden, können sie wie in einem Comic einfach der Duftspur nachlaufen.

Feiern Sie das Neujahrsfest nächste Woche traditionell?
Ja, wir werden mit unserer Familie zu meiner Schwiegermutter fahren und dort am letzten Tag des Jahres beten und sehr viel essen. Früher in Vietnam ist jeweils die ganze Familie zusammengekommen, um den chinesischen Silvester und den Neujahrstag zu feiern. Deborah Balmer


Yen La
, Bieler Chinesin

 

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