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Wisent

Das schwierige Comeback der Ureinwohner

Im Solothurner Jura leben vielleicht bald europäische Bisons. Geplant war ursprünglich eine Auswilderung der Tiere. 
Jetzt soll zunächst eine Testherde zeigen, ob eingezäunte Wisente, Menschen und Landwirtschaft zusammenleben können.

Bild: Keystone

Susanne Wagner

E r hat ein dickes, wuscheliges Fell, Hufe und Hörner und sieht trotz der stattlichen Grösse herzig aus. Der Name ist ungewohnt: Der Wisent ist ein europäischer Bison und seit der Ausrottung des Auerochsen das grösste und schwerste wild lebende Landsäugetier Europas. Bis ins frühe Mittelalter lebten Wisente wild in den Urwäldern von West- und Zentraleuropa. Die Pflanzenfresser sind in ausgedehnten Laub und Mischwäldern zuhause und ernähren sich hauptsächlich von Gras, Kräutern, Laub, Rinden und kleinen Trieben. Ein ausgewachsenes Tier vertilgt 30 bis 50 Kilogramm Futter pro Tag. In der freien Wildbahn leben Wisente in Herden von meist etwa 20 Kühen und Kälbern. Bullen leben einzeln oder in kleinen Gruppen.

Die Menschen waren schon in der Jungsteinzeit von diesen kraftvollen Tieren fasziniert, dies zeigen Höhlenmalereien. Darauf waren Wisente häufig neben Mammuts, Wildpferden und Löwen abgebildet. Die Malereien in der Altamira-Höhle in Spanien gehören zu den bekanntesten Wisent-Darstellungen und sind ein Teil des Unesco-Welterbes. Weil die gutmütigen Wisente leicht zu jagen sind, sind sie fast ausgestorben. Schon in der Jungsteinzeit reduzierte sich ihr Bestand. Denn mit der menschlichen Nutzung und Abholzung der Wälder wurde der Lebensraum der Wisente zunehmend kleiner.

 

«Alle sind wieder da»

«Bis ins Mittelalter haben polnische Könige die Tiere in speziellen Jagdgebieten gehalten und sie damit geschützt», sagt Wildbiologe Darius Weber. Der letzte frei lebende Wisent soll in den 20er-Jahren im Kaukasus geschossen worden sein. Nur in Zoos und Wildparks überlebten die Tiere und wurden systematisch gezüchtet. Bereits in den 50er-Jahren gab es erste Wiederansiedlungen von 
Wisenten in Polen, später auch in der Ukraine, in Weissrussland, Russland und weiteren Ländern. Heute leben wieder schätzungsweise 4000 Wisente in freier Natur.

Weber verfügt über ein grosses Fachwissen zum Thema Wisente. Die Idee, dass auch diese Tiere wieder wild bei uns leben könnten, fasziniert ihn: «Das erste Mal seit der Jungsteinzeit ist die Ausrottung von grossen Tieren kein Thema mehr. Alle sind wieder da: das Reh, der Hirsch, das Wildschwein, auch der Bär und der Wolf.» Letztere zwei haben den Weg zurück in die Schweiz selbst gefunden. Der Steinbock, der Luchs und der Bartgeier wurden ausgewildert.

Dass die Wisente in der Schweiz eine Daseinsberechtigung haben, ist aus Webers Sicht unbestritten. «Ich finde, dass wir grundsätzlich allen einheimischen Wildtieren ein Leben in unserem Land ermöglichen sollten», sagt er. Das sei eine Frage der Verantwortung und auch so in unseren Gesetzen angedacht. Zudem ist er überzeugt: Ein europäischer Wald ist ohne Wisent nicht vollständig. «Es ist wie eine Gebirgswanderung ohne die Möglichkeit, Steinböcken und Gämsen zu begegnen.»

 

Wissenschaftlich begleitet

Diese Philosophie verfolgt auch der Verein Wisent Thal, in dem Weber bis vor Kurzem als Projektleiter engagiert war (siehe Infobox). «Den Wisent dem Jura zurückgeben» lautet das Ziel, das auf der Website des Vereins in grossen Lettern prangt. Der Verein wurde 2017 gegründet, um einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Wisente zu leisten und «das grösste verbliebene Wildtier in der Schweiz wieder anzusiedeln». Das Projekt sah zunächst vor, unter wissenschaftlicher Begleitung eine Wisentherde in den Solothurner Jura zu bringen, wo sie zuerst eingezäunt und später frei leben sollten (siehe Karte). Dass die Auswilderung möglich ist, zeigen Projekte im Ausland, etwa in Polen oder im deutschen Rothaar-Gebirge. Die Herde für den Solothurner Jura sollte mithilfe von Fachleuten des Wildnisparks Langenberg zusammengestellt werden, wo heute bereits Wisente leben. Der Tierpark beteiligt sich am europäischen Erhaltungszuchtprogramm. Wichtig ist dabei, dass sie genetisch die richtige Abstammung haben, damit es keine Inzucht gibt.

 

Widerstand der Landwirte

Es sei jedoch nicht sicher, ob die Erfahrungen aus anderen Ländern auf den schweizerischen Jura übertragbar seien, heisst es in der Projektbeschreibung des Vereins Wisent Thal. Mit einer gut überwachten und betreuten frei lebenden Wisent-Testherde aus 10 bis 25 Tieren sollte während zehn Jahren überprüft werden, ob Wisente als Wildtiere im Jura leben können und ob sie in dieser Kulturlandschaft tragbar sind. Der Nordhang der Weissenstein-Kette ist eines der grössten zusammenhängenden Waldgebiete der Schweiz.

Doch das Projekt hatte ein Problem: Es stiess auf erbitterten Widerstand seitens der Landwirtschaft. Es wurde befürchtet, dass die grossen Tiere Schäden verursachen werden, die niemand kontrollieren kann. «Die Wisente als grosse Wildtiere bergen ein hohes Schadenspotenzial für die Land- und Forstwirtschaft wie auch für die übrige Gesellschaft», sagt Edgar Kupper vom Solothurner Bauernverband. Die Landwirtschaft habe bereits heute mit vielen Schäden durch heimische Wildtiere zu kämpfen. «Darum wollen wir Landwirte nicht auch noch die Wisente, die nicht auf natürliche Art einwandern und auch im frei lebenden Zustand dauernde Eingriffe durch den Menschen bedingen.»

Aufgrund der Bedenken aus der Land- und Fortwirtschaft sowie der Jagd änderten die Verantwortlichen des Vereins Wisent Thal das Ziel des Projekts im Herbst 2018: Die Auswilderung der Tiere steht nicht mehr im Zentrum. Viel mehr sollte mit einer Testherde die Tragbarkeit des Wisents im Jura abgeklärt werden. Die Bevölkerung sollte auf diese Weise mit den Tieren vertraut gemacht werden und auch von den Wisenten als touristische Attraktion profitieren. Während fünf Jahren werden maximal 20 Tiere auf einer eingezäunten Fläche von einem Quadratkilometer bei Welschenrohr leben. Das Gelände gehört der Bürgergemeinde Solothurn und dem Landwirt Benjamin Brunner.

Auch das angepasste Projekt stösst beim Solothurner Bauernverband nicht auf Gegenliebe. «Nach wie vor ist als oberstes Ziel die Auswilderung der Wisente definiert», sagt Edgar Kupper. Der Solothurner Bauernverband lehne das Projekt solange kategorisch ab, bis die Auswilderung nicht mehr Ziel des Projekts sei.

Das sei jedoch heute schon so, beteuert Stefan Müller-Altermatt, Präsident des Vereins Wisent Thal: «Die Auswilderung ist nicht Teil des Projekts. Es geht darum, abzuklären, ob Wisente in der heutigen, vom Menschen geprägten und genutzten Landschaft tragbar sind. Es wäre toll, wenn der Bauernverband uns dies glauben und sich mit uns an einen Tisch setzen würde.» Dann könnte man die für den Bauernverband interessanten Fragestellungen ausarbeiten und am Schluss beziffern, wie hoch der Schaden und wie hoch der Nutzen der Wisente ist. «So oder so kann ich heute sagen: Wegen dieses Projekts wird kein einziger Landwirt, der das nicht will, einen Schaden haben», so Müller-Altermatt.

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