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Wockenkommentar

Die Energiereform fördert hiesige Wertschöpfung

Am Samstag gingen in der Schweiz wohl wieder tausende Schülerinnen und Schüler auf die Strasse, viele weitere Menschen werden sich ihnen anschliessen.

Bild: Tobias Graden

Tobias Graden

Manche bürgerliche Politiker mögen ihr Engagement für eine wirksame Klimapolitik als Modeerscheinung abtun, und gerade jetzt, da sich in den Schweizer Bergen die Schneemassen türmen und da halb Nordamerika zufriert, fällt es Politikern wie dem US-Präsidenten Donald Trump besonders leicht, die Klimaerwärmung als Mär abzutun.

Doch die Menschen, die heute demonstrieren, eint eine aufrichtige Besorgnis, und diese Besorgnis ist nicht unbegründet. Es mag Trump noch so zynisch twittern, es mögen Leserbriefschreiber noch so vehement Quellen zitieren, welche die Rolle der Vulkane als wichtiger einschätzen als jene des Menschen: Dass sich das Klima aufgrund des Handelns der Menschheit wandelt, ist ein wissenschaftlicher Konsens auf Basis des heutigen Kenntnisstandes. Und jene Wissenschaftler, die ihn teilen, sind mitnichten nebulöse Philosophen, sondern sie haben ihre Kenntnisse an den besten naturwissenschaftlichen Hochschulen der Welt gewonnen, beispielsweise an den Schweizer ETHs, und sie haben ihre Erkenntnisse mit den neuesten Mitteln gewonnen, die der Wissenschaft zur Verfügung stehen.

Diese Erkenntnisse anzuerkennen ist das eine, sie in konkrete Politik umzusetzen das andere. Denn eine Politik, die den Klimawandel bremsen will, hat notwendigerweise einen gewissen Aufwand zur Folge, sie verursacht Kosten bei praktisch allen Bürgerinnen und Bürgern eines weit entwickelten Landes. Und kaum geht es darum, neue Kosten mittragen zu helfen oder in seiner Freiheit eingeschränkt zu werden, kommt Widerstand auf. Das zeigt sich in der Diskussion um die Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen in Deutschland, nun aber auch bei der Änderung des Kantonalen Energiegesetzes im Kanton Bern.

Diese Änderung hat zum Ziel, dass Gebäude im Kanton Bern künftig mit mehr erneuerbarer Energie betrieben werden können, so effizienter sind und letztlich ihren Teil dazu beitragen, dass die Schweiz die Ziele ihrer Klimapolitik erreichen kann. Es ist nur ein Teil in dieser ganzen Politik, klar. Entsprechend leicht fällt das Argument, dass sich wegen dieses kleinen Teils der regulatorische und bürokratische Aufwand nicht lohne, dem sich Hausbesitzer bei einer Annahme der Gesetzesänderung künftig zu unterwerfen hätten. Doch das ist zu kurz gedacht. Das ganz grosse, weltweite Ziel der Eindämmung des Klimawandels ist schlicht nur durch die Summe unzähliger kleiner Massnahmen vor Ort zu erreichen. Das gilt für den Verkehr, das gilt für die Industrieproduktion, das gilt auch für das Bauen und Wohnen. Wer also, wie der kantonale Hauseigentümerverband, der das Gesetz ablehnt, mit dem Finger auf andere Bereiche zeigt, der schiebt also in erster Linie Verantwortung ab.

Hinzu kommt, dass die Änderung des Kantonalen Energiegesetzes durchaus eine massvolle ist und genügend Zeit für die Umsetzung lässt. Für den Ersatz von bestehenden Elektroboilern ist beispielsweise eine Frist von 20 Jahren angesetzt. Öl- und Gasheizungen in Neubauten sind zwar nicht mehr erwünscht, aber immer noch erlaubt, wenn die Alternativen langfristig betrachtet zu Mehrkosten führen. Ähnliches gilt für den Ersatz bestehender Öl- und Gasheizungen.

Es mag sein, dass das Energiegesetz in Einzelfällen die Mieten verteuert. Doch die Mieterinnen und Mieter sind bereit, diese Kosten zu tragen – der Mieterverband steht hinter der Gesetzesrevision, wie übrigens beispielsweise auch alle Jungparteien ausser der Jungen SVP. Die bürgerlichen Gegner könnten ja auch mal begründen, warum sie ihr Geld für Gas und Öl lieber ins autokratische Russland und in islamistische Golfstaaten schicken, als mit erneuerbaren Energien und grünen Technologien Wertschöpfung in der Schweiz zu fördern. Wer letzteres bevorzugt, der stimmt Ja zur Änderung des Energiegesetzes.

tgraden@bielertagblatt.ch

 

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