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China

Digitales Punktesystem soll Menschen erziehen

Bis 2020 soll flächendeckend ein soziales Punktesystem, das auf persönlichen Daten basiert, eingeführt werden. Auch wenn in die Privatsphäre eingegriffen wird – die meisten sind damit einverstanden.

Big brother is watching you: In China sammeln ganz viele Kameras private Daten, Symbolbild: Keystone

Simon Dick

Eine junge Frau steht an einem Flughafenschalter und freut sich auf die Reise. Doch der Einstieg in das Flugzeug wird ihr von einer Mitarbeiterin der Fluggesellschaft verwehrt. Der Grund: Sie besitzt zu wenig Sozialpunkte und steht somit auf einer schwarzen Liste. Fiktion oder Realität? Diese Szene stammt aus einer Folge der dystopischen Fernsehserie «Black Mirror», wo Menschen mit wenigen Sozialpunkten gesellschaftlich sofort absteigen. Doch die Szene entspricht auch der Realität in China. Was in unseren Breitengraden als fiktionale Unterhaltung dient, ist im Osten bereits Realität geworden.

Internet als Hauptquelle
Seit 2014 gibt es in China ein soziales Punktesystem, das mit ganz vielen persönlichen Daten gefüttert wird. Hat man diesen Versuch zu Beginn noch belächelt und zum Scheitern verurteilt, steht das System vor dem ganz grossen Durchbruch. Was als kleines Pilotprojekt begann, soll im nächsten Jahr flächendeckend eingeführt werden. Das Punktesystem will dabei alle Menschen ab 18 Jahren in gute und schlechte Bürger einteilen. Ziel ist es, die chinesische Gesellschaft zu aufrichtigem Verhalten im Sinne der Partei zu erziehen, so der Grundtenor im Programm. Offiziell will man damit mehr Vertrauenswürdigkeit zwischen den Bürgerinnen und Bürgern schaffen. Wie man es auch dreht und wendet, das Punktesystem in China macht aus den Menschen gläserne Bürger, wie es bereits in vielen düsteren Science-Fiction-Büchern und -Filmen zur Tagesordnung gehört.

Viele Online-Händler kooperieren
Als Hauptquelle für die Ansammlung von Daten dient das Internet. Mit mehr als 770 Millionen Internetnutzern in China wird hier jeden Tag eine riesige Datenmenge angehäuft. Vor allem die virtuellen Bewegungen in den sozialen Medien werden genaustens verfolgt und abgespeichert. Und mit mehr als 180 Millionen Überwachungskameras im ganzen Land wird fast so gut wie jeder Schritt im Alltag begleitet. Als weitere Quelle, die konstant angezapft wird, dienen die vielen Smartphones und Tablets. Egal ob man damit bargeldlos bezahlt, sich im Land bewegt oder bestimmte Webseiten oder Apps besucht, das System speichert alles genau ab und kategorisiert.

Auch viele Firmen, Banken und Online-Händler wie Alibaba kooperieren mit dem Punktesystem. Sie liefern nicht nur massenweise Daten an die Institutionen, sondern werden auch selber durch das soziale Punktesystem bewertet. Für öffentliche Aufträge müssen Firmen beispielsweise ebenfalls das Punktesystem vorweisen, um in die engere Auswahl zu kommen. Auch die Kreditfähigkeit eines einzelnen Bürgers wird durch die vielen Firmen untersucht.

Gute Bürger, schlechte Bürger
Das digitale Punktesystem funktioniert simpel: Jeder und jede startet als guter Bürger, als gute Bürgerin mit 1000 Punkten und ist somit zu Beginn in die Kategorie A eingeteilt. Jetzt gilt es diesen Punktestand zu halten oder gar zu verbessern. Mehr als 1300 Punkte zu erreichen, ist jedoch nicht möglich. Wer den Höchststand erlangt, bekommt zum Beispiel von der Regierung Rabatt bei den Wasser- oder Heizölkosten spendiert und darf sogar mit einer Beförderung in der Arbeitswelt rechnen.

Den Punktestand kann man verbessern, indem man brav und regelmässig seine Rechnungen zahlt, keine Schulden anhäuft, sich im Strassenverkehr unauffällig verhält und regelmässig seine Familie besucht. Auch wer sich sozial engagiert, kann Punkte sammeln. Wer spendet, politisch aktiv ist, den Müll ordentlich entsorgt und mit einem Leihfahrrad statt mit einem Auto herumfährt, ist auf dem besten Weg ein guter Bürger zu werden respektive zu bleiben.

Folglich gibt es Punkteabzug, wenn man politisch auffällt, sich nicht an die Verkehrsregeln hält oder ein Verbrechen begeht. Während bei der Stufe B noch nichts verloren ist, um weiterhin aufzusteigen, ist bei C ein sozialer Wiederaufstieg schon sehr schwierig. Wer beispielsweise betrunken Auto fährt und dabei erwischt wird, landet sofort auf 600 Punkten und somit auf der Stufe C. Wer noch mehr Punkte verliert, landet auf der untersten Stufe D. Hier ist ein Aufstieg so gut wie unmöglich, da man kaum mehr eine Arbeitsstelle oder auch eine Wohnung finden wird und keine Kredite von den Banken mehr zugesprochen bekommt. Und schliesslich ist auf dieser Stufe auch die soziale Vertrauenswürdigkeit nicht mehr existent und man kommt auf eine schwarze Liste, wo es unmöglich wird ein Flugticket oder gar ein Zugbillet zu kaufen. Bis heute wurden bereits mehr als 10 Millionen Menschen durch das Punktesystem daran gehindert ein Flugzeug zu betreten. Tendenz stark steigend. Auch ein verlangsamter Internetzugang als Strafe ist keine Seltenheit in China.

Mehrheitliche Zustimmung
Trotz Überwachung und Eingriff in die Privatsphäre, die meisten Bürgerinnen und Bürger Chinas sind dem Punktesystem nicht abgeneigt und damit einverstanden, dass der gläserne Bürger längst zur Realität geworden ist. Verschiedene Studien haben dies bereits belegt. An der Freien Universität Berlin wurden vor Kurzem mehr als 2200 chinesische Staatsbürgerinnen und -bürger zum Thema befragt. Dabei gab es eine sehr starke Zustimmung. Mehr als zwei Drittel der Chinesen bewerten das soziale Punktesystem in ihrem Land als positiv. In städtischen Regionen liegt die Zustimmungsrate sogar bei 82 Prozent, in ländlichen Gebieten bei 68 Prozent.

Der Westen wie auch vereinzelte Chinesische Medien kritisieren regelmässig das digitale Punktesystem, dem sich bald niemand mehr entziehen kann. Wer sich weigert, muss mit dem sozialen Abstieg rechnen. Warum ist die Akzeptanz dennoch so hoch? Viele befürworten das System, weil sie sich dadurch sicherer fühlen. Korruption, organisiertes Verbrechen und eine generelle Angst in grösseren Städten führen dazu, dass das System gebilligt wird. Der Bankensektor wie auch das Rechtssystem gelten in China zudem als unterentwickelt, und das Vertrauen der Bevölkerung in ein überregulierendes System ist grösser als in traditionelle Einrichtungen, die in vielen Augen als korrupt gelten. Auch die Ermutigung Gutes zu tun, sich generell mehr sozial zu engagieren sowie seine Familie zu ehren und ihr die Freizeit zu opfern, wird als positiv betrachtet. Dafür nimmt man die totale Überwachung und die permanente Ansammlung privater Daten offenbar gerne in Kauf.

Skandal oder eine gute Idee? Wie stehen Sie zum sozialen Punktesystem? Diskutieren Sie via Kommentarfunktion mit!     
 

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