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Rapperswil

Die Dinge hinter den Dingen suchen

Elsbeth Boss ist kreative Malerin, versierte Kurzgeschichtenschreiberin, ehemalige Journalistin und pensionierte Lehrerin. Eben ist «Augenweide – Gaumenfreude» erschienen, das zweite Rezeptbuch mit Bildern von ihr. Ein Besuch im Atelier der 75-Jährigen.

Elsbeth Boss in ihrem Atelier: «Kreative Arbeit setzt vieles in einen grösseren Zusammenhang.» Bild: Raphael Schaefer

Raphael Amstutz

Tintenfische und Lammwürstchen, Schweinssteak und Poulet. Und auf dem Titelbild Fische. In «Augenweide – Gaumenfreude», dem neuen Werk von Elsbeth Boss, ist Fleisch ein Thema. Nichts Aussergewöhnliches – schliesslich vereinigt das Kochbuch über 60 Rezepte aus aller Welt. Aber eben doch überraschend. Denn Boss ist seit vielen Jahren Vegetarierin. «Fleisch und Würste, das sind beim Malen für mich einfach Formen und Farben», erklärt sie.

Dann ging es schnell
So könnten manche Geschichten beginnen, bei denen es um Elsbeth Boss geht. Sie tut gerne das Unerwartete, lässt sich vom Leben einladen und herausfordern. «Der Blick auf die Rückseite interessiert mich, das, was hinter einer Sache, was hinter den Dingen steckt.» Sie ist neugierig und zieht immer auch alternative Sichtweisen in Betracht.

«Lebensmittel malen, das wollte ich eigentlich nie», erzählt sie in ihrem Atelier in Rapperswil, wo die in Uetendorf Aufgewachsene seit Jahren lebt. Der Raum ist voller Bilder und Farben, Worte und Texte, Fundstücke und Werkzeuge. Hier verbringt sie viele Stunden – skizziert und malt, tüftelt und textet, plant und probiert, schneidet und klebt.

Bilder mit Zahlen, Bilder mit Linien und Noten. Musik fürs Auge, Kompositionen, die niemand spielen kann, Bilder mit Frauenkörpern. Dass es nun auch Bilder mit Lebensmitteln gibt, ist reiner Zufall. Jemand wünschte sich ein Bild von Boss für die Küche. Boss überlegte – und sagte zu. Das war der Start. Dann ging es schnell: Der Werd & Weber Verlag wird auf die Werke aufmerksam, zwei Kochbücher folgen.

Die Augen geöffnet
Künstlerisches und fantasievolles Tun liegt ihr seit vielen Jahren. Als sie journalistisch tätig wird und aus familiären Gründen, stellt sie ihr persönliches kreatives Arbeiten zurück. «Ich mache meine Kunst mit ganzem Herzen und vollem Einsatz. Das wäre in dieser Zeit nicht gegangen.»

Nach der Pensionierung richtet sie ein Atelier ein, es folgen Ausstellungen und Aufträge. Einer, der sie besonders freut: Jährlich vergibt die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM-CH) den Menschenrechtspreis. Boss durfte für Preisträgerinnen und Preisträger Bilder malen. So hat sie unter anderem Werke kreiert für die Frauenrechtlerin Marthe Gosteli, die Diplomatin Heidi Tagliavini oder die Islamwissenschaftlerin Saïda Keller-Messali.

Kritisches Engagement ist ihr wichtig. Das galt in pädagogischen Fragen, im Unterricht und im Journalismus, das gilt bei Frauenthemen. Diese sind Boss ein besonderes Anliegen: «Ich male Frauen, weil Frauen eine Geschichte haben. Eine Geschichte, die mich bewegt. Eine Geschichte, gezeichnet vom unermüdlichen Kampf um Gleichberechtigung.»

Als Journalistin schrieb sie oft über Frauenverbände und Frauenorganisationen. «Das hat mir die Augen für die diskriminierende Situation der Frauen in Gesellschaft, Politik und der Wirtschafts- und Arbeitswelt geöffnet.»

Auch das «moderne» Frauenbild beschäftigt Boss. «Frausein heisst heute immer noch hauptsächlich, an Äusserlichkeiten gemessen zu werden. Und so lässt Frau sich Busen und Po vergrössern, verkleinern, umformen. Fett wird abgesaugt, Lippen und Falten werden mit Botox behandelt. Jung aussehen ist angesagt. Nicht die Frau als Mensch zählt, sondern das Phantombild . Wohin mag das wohl führen?»

Auf den meisten ihrer Frauenbilder verwendet sie Schrift als Gestaltungsmittel und als Transportmittel für Gedanken: Wörter und Sätze sind zu lesen, die zum Nachdenken anregen. Da heisst es zum Beispiel: «Frauen denken anders. – Denken verändert die Welt.»

Immer auch an das nicht Naheliegende denken. Nach Vernetzungen suchen, Verbindungen und Zusammenhänge aufdecken, Assoziationen provozieren, das ist ihr Prinzip.

Der grössere Zusammenhang
Boss denkt schnell, spricht klar, argumentiert sorgfältig. Die 75 Jahre sind in keinem Moment zu spüren. «Die künstlerische Auseinandersetzung hilft mir», sagt sie. «Natürlich geht das Alter nicht spurlos an mir vorbei. Beim Malen und Gestalten verblasst das aber. Kreative Arbeit relativiert, setzt vieles in einen grösseren Zusammenhang und tut schlicht und einfach gut.»

Während des Gesprächs fallen viele kluge Sätze. Sie klingen aufs erste Hören einfach und naheliegend, beim Drehen und Wenden werden aber Widerhaken spürbar. «Harmlos ist Sprache nie!» ist ein solcher Satz. Und: «Malerei zeigt, was mit Sprache nicht eindeutig fassbar ist.» Oder: «Früher war nicht alles besser, es war einfach anders.»

«Wichtig ist es, bewusst zu leben, an seine Fähigkeiten und Träume zu glauben und mit sich selber ins Reine zu kommen», ist Boss überzeugt.

Tänzerinnen aus Paris
Zurück zum Fleisch. Elsbeth Boss blättert zur Seite mit dem Lammrack. Wie Finger sehen die Knochen aus. Oder sind es vielleicht die Beine von Tänzerinnen im Moulin Rouge in Paris, an die sich ein Mann erinnert, während er mit seiner Frau ein profanes Stück Fleisch betrachtet? Boss schmunzelt. Zu jedem ihrer Bilder gibt es auch eine hintergründige Lesart, eine Geschichte im Verborgenen. Die Dinge auf den Punkt bringen. Witzig und verspielt, doppelbödig und mit Bedacht. Das tut Boss. Mit Freude an den visuellen und textlichen Möglichkeiten.

Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt. Eines ist sicher: Gestaltungsideen und Geschichten, die gehen Elsbeth Boss nicht aus.

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- «Augenweide – Gaumenfreude», Band 2, 2018, 49 Franken.
- Dazu ein weiteres Kochbuch («Augenweide – Gaumenfreude», Band 1, 2015) und ein Kinderbuch («Traumzirkus», 2017).
- Alle Werke sind im Thuner Werd& Weber Verlag erschienen.
- Zahlreiche Ausstellungen, auch im Seeland. Frauenbilder sind zurzeit im «Löwen» in Messen ausgestellt.
- Lange Jahre BT-Ortskorrespondentin aus Rapperswil.
- Lehrerin, Mitarbeit bei der Konzeption und Illustration von bernischen Lehrmitteln im Fach Zeichnen, Malen, Gestalten.
- 25 Jahre Redaktorin von «Die Landfrau», dem Verbandsorgan der Berner Landfrauen.
- Die pikanten und mit Humor gewürzten Rezeptgeschichten liest Elsbeth Boss «auf Bestellung» zum Beispiel bei Vereinen vor. Interessierte schreiben eine Mail an elsbeth.boss@sunrise.chraz

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