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Klimaschutz

«Klar ist das utopisch! Aber irgendwo müssen wir ja ansetzen.»

Die Bieler Gymnasiastin Gianna Strobel engagiert sich für die Klimademonstrationen in Biel. Letzten Herbst hat sie beschlossen, keine Flugreisen mehr zu unternehmen. Aber sie sagt: «Man kann nicht von allen verlangen, perfekt zu sein.» Die Verantwortung für den Klimaschutz liege in erster Linie bei Wirtschaft und Politik.

Gianna Strobel: «Die Politik muss in erster Linie an uns Bürgerinnen und Bürger denken, nicht ans Geld.» copyright: peter samuel jaggi/bieler tagblatt

Interview: Tobias Graden


Gianna Strobel, haben Sie nun für dieses Gespräch die Schule geschwänzt?
Gianna Strobel: Nein, das habe ich nicht. Ich hatte gestern einen freien Tag, nächste Woche sind Ferien, darum habe ich heute einen freien Halbtag bezogen, um die Brücke zu machen.

Den im Klimastreik engagierten Jugendlichen wird gerne nachgesagt, es gehe ihnen in erster Linie darum, nicht in die Schule gehen zu müssen.
Wenn ich die Schule schwänzen wollte, könnte ich dies auch von Montag bis Donnerstag tun. Wir schwänzen nicht, wir demonstrieren.

Wann sind Sie zum letzten Mal geflogen?
Im Herbst, nach Helsinki. Zum letzten Mal. Nach diesen Ferien habe ich den Entschluss gefasst, nicht mehr zu fliegen. Von nun an gehe ich mit dem Zug, im Frühling zum Beispiel nach Prag. Und ich werde keine interkontinentalen Reisen mehr unternehmen.

Sie wollen ihr Leben lang nicht mehr nach Amerika reisen? Ein junger Mensch will doch die Welt entdecken.
Das kann ich auch in Europa. Und mit dem Zug kann ich auch nach Asien reisen, dafür brauche ich keinen Flieger. Und was Amerika betrifft: Vielleicht ist dies eben das, was ich nicht mehr erleben werde. Das ist es mir wert, wenn ich dafür meinen Teil zum Klimaschutz beitragen kann.

Sind Sie sicher, dass Sie das in zehn oder 15 Jahren immer noch so sehen?
Ich denke schon. Solange es keine grüne Alternative zum Fliegen gibt, muss ich halt darauf verzichten.
 
Man kann ja fliegen und die Emissionen mittels Klimaticket kompensieren.
Das ist nicht der Sinn der Sache. Sondern die Flugtickets sollten so verteuert werden, dass viel weniger geflogen wird. Es ist ja nicht der Fehler der Jungen, dass sie fliegen. Wenn ein Flugticket nach Berlin bloss 20 Franken kostet, ist es ja klar, dass das Flugzeug genommen wird.

Was sagen Ihre Kolleginnen und Kollegen zu dieser konsequenten Haltung?
In meiner Klasse nehmen mittlerweile fast alle für Reisen innerhalb Europas den Zug. Es findet durchaus ein Umdenken in der Jugend statt.

Kann man als junger, an der Welt interessierter, genussfreudiger Mensch in Mitteleuropa heutzutage überhaupt mit reinem Klimagewissen leben?
Leider nicht. Uns wird ständig gesagt, wir könnten noch besser leben, dabei stehlen sich Wirtschaft und Politik komplett aus der Verantwortung. Diese Woche hat zum Beispiel eine Studie gezeigt, dass UBS und CS in Unternehmen investieren, die zweimal mehr CO2 ausstossen als die Schweizer Bürger insgesamt. Das ist doch nicht der Fehler der Schweizer Bürger! Darum zeigen wir durch den Klimastreik mit dem Finger auf Politik und Wirtschaft.


Doch für eine entscheidende Änderung braucht es nicht zuletzt den Verzicht – weniger Mobilität, weniger Fleischkonsum, weniger Güter. Mässigung und Verzicht von einer hedonistischen Jugend zu fordern, scheint reichlich unsexy.
Ein gesellschaftlicher Wandel kann nur stattfinden, wenn Druck von Politik und Wirtschaft kommt. Ich denke nicht, dass Verzicht per se unsexy ist, aber es braucht Druck von oben, das war schon immer so.

Ich habe die Klimabewegung bislang so verstanden, dass sie von unten Veränderung herbeiführen will.
Es geht vor allem darum, dass Politik und Wirtschaft Verantwortung übernehmen. Es kann nicht sein, dass nur wir Bürgerinnen und Bürger allein Verantwortung tragen sollen. Es ist doch nicht meine Schuld, wenn die Politik wie kürzlich das CO2-Gesetz ablehnt.

Sie sind eine der treibenden Kräfte des sogenannten «Klimastreiks» in Biel. Wie hat die Bewegung in Biel Fuss gefasst?
Angefangen hat’s mit einem Chat. Eine kleinere Gruppe hat dann einen weiteren Chat eröffnet, in dem es ums Organisatorische ging. Dann hat’s mal eine Sitzung gegeben. Es läuft alles komplett basisdemokratisch ab.

Man hat also einfach Greta Thunberg gesehen und gedacht, sowas machen wir in Biel auch?
Aufgekommen ist es nach dem ersten nationalen Klimastreik, da dachten wir, es braucht auch regionale Aktionen, auch in Biel, auch wir hier wollen etwas ändern. Innert weniger Wochen waren wir dann hunderte.

Sind Sie zufrieden mit der Mobilisierung in Biel?
Bei der letzten Demo waren wir etwa 1000 Leute, das finde ich grossartig. Wir hatten aber nur wenig Zeit zum Mobilisieren. Ich gehe davon aus, dass wir beim nächsten Mal im März mehr sein werden.

Mein Eindruck ist, dass viele Schülerinnen und Schüler, die an den Demos mitgehen, dies in erster Linie wegen des Erlebniswerts tun. Wie nehmen Sie das Klimabewusstsein unter Ihren Gleichaltrigen wahr?
Wir führen eine rege Debatte. Ich habe den Eindruck, dass durchaus ein Bewusstsein vorhanden ist. Viele haben gemerkt, dass sie mit den Demonstrationen für ihre Werte einstehen können, und diese Gelegenheit nutzen sie. Es geht nicht einfach ums Schule schwänzen.

Die Tochter eines Arbeitskollegen war kürzlich auf einem Kurztrip per Flugzeug in Wien, einen Tag nach ihrer Rückkehr ist sie an der Klimademo mitgegangen. Wie soll das glaubwürdig sein?`
Man kann nicht von allen verlangen, perfekt zu sein. Wie gesagt: Fliegen ist einfach zu billig und wird darum genutzt. Darum muss seitens der Politik der öV gefördert und es müssen Flugtickets verteuert werden.

Gross angelegte, empirische Umfragen wie das CS-Jugendbarometer oder die eidgenössische Jugendbefragung von 2017 haben zuletzt das Bild einer tendenziell wertkonservativen Jugend gezeichnet, die eher materialistisch eingestellt ist. Wie repräsentativ sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Klimademos für die gesamte Jugend?
Ich denke, Sie sind sehr repräsentativ. Viele von uns Gymelern repräsentieren auch andere Jugendliche, die kleinere Schulen besuchen und sich darum weniger getrauen, streiken zu gehen. Wir stehen nicht nur für uns selber ein, sondern für die ganze junge Gesellschaft. Wir wollen, dass alle ein gutes Leben haben, und dass auch unsere Kinder dereinst ein gutes Leben haben werden.

Die Klimabewegung behauptet von sich, sie sei parteipolitisch unabhängig und wolle sich nicht vereinnahmen lassen. Nun sind jedoch Sie selber Beleg dafür, dass Mitglieder von Jungparteien wie der Juso treibende Kräfte der Demos sind. Wie passt das zusammen?
Es wäre ja komisch, wenn wir nicht dabei wären. Es doch gerade wichtig, dass Juso, junge Grüne und junge GLP mitmachen und zeigen, dass sie Veränderung in der Gesellschaft wollen. Die Jungparteien bringen Erfahrungen mit, wenn es darum geht, Bewilligungen einzuholen, oder sie können Räume bereitstellen für das Malen der Transparente. Aber es geht uns nicht darum, neue Mitglieder zu werben. Es gelten klare Richtlinien: Es sind keine Parteifahnen erlaubt an den Demos und keine Flyer. Als Bewegung unterstützen wir keine Parteien und keine einzelnen Politiker. Wenn Unterstützung kommt, dann einseitig von Seiten der Parteien in Richtung der Bewegung.

Die Bewegung äussert Maximalforderungen. Wie sollen«Netto Null Treibhausgasemissionen» erreicht werden?
Es ist nicht an uns als Bewegung zu sagen, wie dies umgesetzt werden soll. Das ist Sache von Parlament und Bundesrat – es sind ja nicht wir, die in diesen Institutionen sitzen. Wir sind da, um Forderungen zu stellen.

Damit macht man’s sich recht bequem – einfach mal Forderungen in den Raum stellen ohne sich zu überlegen, wie diese zu erreichen sind.
Wir glauben daran, dass es möglich ist, dieses Ziel zu erreichen. Aber wenn der Nationalrat das CO2-Gesetz nicht annimmt, dann sind nicht wir schuld, sondern dann liegt das an der Politik.

Die Bewegung macht sich doch angreifbar, wenn sie keine Gedanken an die Umsetzung der Forderungen verschwendet.
Ich habe eher das Gefühl, die Politiker machen es sich bequem, wenn sie fordern, es sei an uns, ihnen zu sagen, was sie tun sollen. Sie sind ja gewählt, damit sie etwas machen.

Die durch die Schweiz verursachten Treibhausgasemissionen fallen nicht nur hierzulande an, sondern auch im Ausland. Wie sollen diese reduziert werden?
Auch hier: Es liegt nicht an uns zu sagen, wie man dies tun soll. Doch die Klimastreikbewegung ist international, wir werden uns vernetzen, so dass auch andernorts die Emissionen so stark wie möglich reduziert werden.

So gross unser ökologischer Fussabdruck auch sein mag – der Anteil der Schweiz am globalen Klimawandel ist minim. Warum sollen gerade wir unser Verhalten ändern, wenn sich die USA oder Brasilien vom Umweltschutz verabschieden?
Die Haltung, nur weil wir klein seien, lohne es sich nicht, etwas zu verändern, die ist so falsch wie nur irgendwas. Die Schweiz muss ein Zeichen setzen, indem sie den Klimanotstand ausruft und ihre Emissionen reduziert. Die Schweiz kann so Vorbildfunktion haben, und nicht zuletzt würde unsere Wirtschaft davon profitieren. Nur muss sie das zuerst selber merken.

Schliesslich verlangt die Bewegung einen «Systemwandel», sollte ihren Forderungen nicht nachgekommen werden. Was ist darunter zu verstehen?
Es zeigt sich, dass in unserer Marktwirtschaft die Politik nicht zugunsten des Klimas entscheidet, sondern zugunsten der Wirtschaft. Darum braucht es einen Wechsel. Die Politik muss in erster Linie an uns Bürgerinnen und Bürger denken, an die Zukunft, nicht ans Geld.

Das ist reichlich schwammig. Wie soll ein solches System aussehen?
Es hat sicher nicht dieselbe kapitalistische Form wie heute.

Wollen Sie unter dem Deckmantel des Klimaschutzes die Demokratie aushebeln?
Nein, garantiert nicht. Aber: Offenbar können die CO2-Emissionen nicht genügend gekürzt werden, weil die Politik zuvorderst an die Wirtschaft denkt und an die Gewinne. Darum braucht es einen Wechsel in der Politik. Ich meine damit nicht ein antidemokratisches System, aber eines, in dem nicht in erster Linie an die Wirtschaft gedacht wird.

Aber wir wählen ja jene Politiker, die das machen. Diese Politik ist unsere Wahl.
Wir werden im Herbst sehen, was unsere Wahl ist. Es ist Zeit, dass wir etwas ändern.

Die Überwindung des Kapitalismus in zwölf Jahren scheint jedenfalls reichlich utopisch.
Klar ist das utopisch! Aber irgendwo müssen wir ja ansetzen. Wenn das bisherige System gut funktionieren würde, wären wir ja jetzt nicht an dem Punkt, an dem wir etwas ändern müssen, damit wir wieder eine Zukunft haben.

Bis auf demokratischem Wege die Mehrheitsverhältnisse geändert werden, dürfte es noch einige Jahre dauern – zumal die Wahlbeteiligung der jungen Menschen nicht höher ist als im Gesamtdurchschnitt. Sie brauchen Geduld.
Ich weiss nicht, ob wir sehr viel Geduld benötigen. Ich höre jedenfalls in meinem Umfeld, dass jene, die im Herbst zum ersten Mal wählen können, gewillt sind, Politiker zu wählen, welche die Klimapolitik verändern wollen. Wenn ich sehe, was in den letzten Monaten um mich herum passiert ist, glaube ich nicht an das Gerede von der apolitischen Jugend.

Denken Sie, dass das Thema Klimawandel an den kommenden Wahlen eine grosse Rolle spielt?
Ich hoffe es. Und ich glaube es auch. Auch die bürgerlichen Parteien entdecken gerade das Klima als Thema und versuchen, sich darin zu profilieren.

Die bürgerlichen? Jetzt haben Sie sich doch gerade über die Ablehnung des CO2-Gesetzes beklagt.
Schon. Aber angesichts dessen, dass zehntausende Jugendliche auf die Strasse gehen, dürften sie sich durchaus Gedanken über eine Politik machen, die auch die Jungen anspricht. Ich bin optimistisch.

Was muss erfüllt sein, damit Sie die Bewegung als Erfolg werten?
Unsere zwei Hauptforderungen: Die Ausrufung des Klimanotstandes und die Reduktion der Netto-Treibhausgasemissionen auf Null bis 2030.

Mit weniger geben Sie sich nicht zufrieden?
Nein.

Spätestens im Sommer sind die Klimademos wieder abgeebbt, die Jugendlichen werden sich kaum länger damit aufhalten. Was entgegnen Sie?
Angesichts der Beobachtungen in meinem Umfeld wage ich das stark zu bezweifeln. Die Leute fragen, wann die nächste Demo ist, sie tragen sich in den Terminkalendern ein. Ich glaube nicht, dass dies alles im Sommer schon vorbei ist. Das Thema ist so wichtig für so viele von uns, dass wir nicht einfach aufhören werden.

Sie wollen also jahrelang demonstrieren?
Wir demonstrieren, bis unsere zwei Hauptforderungen erfüllt sind.

Abgesehen vom Fliegen: Inwiefern achten Sie selber auf ein klimaverträgliches Leben?
Ich achte auf Veränderungen im Kleinen, und ich engagiere mich politisch. Ich werde für den Nationalrat kandidieren und mich weiter für die Demos einsetzen.

Essen Sie Fleisch?
Nur ganz wenig. Aber es geht eben nicht um meine kleinen Veränderungen, es geht darum, dass sich Politik und Wirtschaft ändern.

Wie sind Sie politisiert worden?
Ich habe an einem gewissen Punkt im letzten Jahr gefunden: Jetzt will ich etwas ändern.

Was war der Auslöser?
Das kann ich gar nicht genau sagen. Ich habe einfach gemerkt: Ich will meine Meinung sagen, ich will mich politisch bilde, äussern und engagieren.

Wo soll dieses Engagement hinführen? Der Nationalrat wäre ein steiler Start.
(lacht) Das weiss ich nicht. Ich tue mein bestes. Ich will die Welt auch im Kleinen verändern. Und auch wenn es 20 Jahre dauern sollte, bis wir einen Systemwandel haben und eine bessere Klimapolitik: Es ist es wert.
 

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