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Alt und Jung

Udo macht mir Mut

Mit sechsundsechzig Jahren, da hat man Spass daran, da kommt man erst in Schuss, da ist noch lange nicht Schluss …

Bild: Hanspeter Brunner

Hanspeter Brunner

Lieber Udo, ab heute soll also mein Leben anfangen. Ich finde es schön von dir, mir so viel Mut zu machen. Denn in mir drinnen brodelt noch manches Projekt, viele Ideen, ich habe noch einiges vor. So viel sogar, dass ich gar nicht alles nennen darf. Ich fühlte mich stark unter Druck gesetzt. Nicht von oder wegen mir selber, aber der Druck der Anderen: «Du hast doch gesagt ... du wolltest doch noch ...»

Ist das vielleicht auch einer unserer grossen Lebensfehler? Wir leben nicht für uns. Immer wieder hinterfragen wir unser Tun. Was denkt wohl der Nachbar, wie reagieren unsere Familienangehörigen, wie stehe ich vor meinen Kollegen da. Wenn wir Neues unternehmen, Unkonventionelles beginnen, einen verrückten Kurs buchen, sind «die Anderen» oft wichtiger als das «ich».

Wie schön ist es doch, die Jugendlichen zu betrachten, die machen einfach. Heute ist heute, morgen kommt noch früh genug. Und wenn ich es mir recht überlege: Früher trauten wir uns doch auch, haben auch einfach gehandelt. Vielleicht waren es andere Situationen, aber oft war es nicht minder frech. Wir hätten wohl nicht jedes Mal bremsen können, wenn jemand unverhofft auf der Skipiste gestanden hätte. Wenn wir mit dem Velo die Stopp-Signalisation missachteten, dachten wir sicher nie an die Albträume des Automobilisten, wenn er genau in dem Moment die Kreuzung passiert hätte. Ob wir mit dem kahl rasierten Köpfen den Leuten gefielen, war uns egal, wichtiger war, dass wir auffielen.

Wie gerne hätten wir an unserer Hochzeit doch ein Cervelat-Bräteln unter dem Felsvorsprung dem schön dekorierten Speisebüffet im Restaurant am Bielersee vorgezogen. Wir getrauten uns nicht, was hätten die Leute denn gedacht. Dass ich beim Gespräch auf der Grossbank den Raum nicht verlassen habe, als der junge Bank-Schnüffel die ganze Gastronomie-Branche mit dem Risiko eines Exportes nach Nigeria verglich, bereue ich noch heute zu tiefst.

… Ich kauf’ mir ein Motorrad und einen Lederdress und fege durch die Gegend, mit hundertzehn PS.

Ich sing’ im Stadtpark Lieder, dass jeder nur so staunt
 und spiel’ dazu Gitarre mit einem irren Sound …

Lieber Udo, ein Motorrad – nein danke. Mit meinem E-Bike und dem Generalabonnement geniesse ich die volle Freiheit. Ich kann die Schönheiten des Seelandes dank dem Langsam-Verkehr auf mich einwirken lassen. Erreiche mit dem ÖV fast alle Schweizer Ecken problemlos und entspannt. Ein Auto muss ich mir nur in wenigen Situationen ausleihen. Zum andern Vorschlag mit dem Singen und der Band; das lasse ich lieber schon von Anfang an sein. Abgesehen vom Musikhören wäre ich mit meiner Singstimme und irgendeinem Instrument höchstens geeignet, innert kürzester Zeit ein Lokal leerzusingen.

Trotzdem gewinne ich deinem Vorschlag, dass mit 66 das Leben beginnt, etwas ab. Nicht, weil ich mit dem bisherigen Verlauf nicht zufrieden war oder das Gefühl hätte, irgendetwas verpasst zu haben. Ich habe die Jugend genossen, das Leben bestens gemeistert und geniesse den jetzigen Lebensabschnitt des «Machen-dürfen-was-Freude-macht». Aber eines will ich ganz bestimmt nicht. Ich will nicht für die Zukunft leben, sondern hier und jetzt. Gestern war es schön, Morgen wird es schön werden. Heute jedoch will ich leben, den Moment, die Zeit, die Freunde geniessen, mit meinem Leben zufrieden sein.

Info: Hanspeter Brunner ist Vorstandsmitglied des Aarberger Vereins Aarsenior, engagiert sich unter anderem bei Gastro Bern sowie der Seniorenriege Aarberg.

kontext@bielertagblatt.ch

 

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