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Afrika

Vibrierende Klänge 
laden zum Tanzen ein

Die äthiopische Musik gehört zum interessantesten, aber unbekanntesten musikalischen Erbe Afrikas. Nicole Bolliger über fahrende Sänger, unbekannte Muskeln, die beim Tanzen mobilisiert werden, und die grosse Läuferlunge des äthiopischen Volkes.

Schlichte Kleidung, wilde Tänze, Bild: Nicole Bolliger
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Nicole Bolliger

D ie schwarzen Haare wippen im Takt der Trommelschläge. Die Schultern bewegen sich nach oben und unten, wobei sie stets rotieren. Dabei gehen die zwei Tänzer seitwärts oder frontal aufeinander zu und kommunizieren auf diese Weise. Immer schneller werden die Trommelschläge, immer schneller die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer. Es scheint, als 
würden Stromschläge durch die jungen 
Körper flitzen, so energiegeladen und extrem sind die Bewegungen. Voller Faszination ertappe ich mich beim Versuch, die Schulterbewegungen nachzuahmen, ohne Erfolg. Es wirkt unkontrolliert, schüchtern und folgt überhaupt nicht dem Rhythmus der Musik.

 

Von der Strasse auf die Bühne

Es ist Freitag, 22 Uhr, und ich sitze mit einer Flasche Honigwein auf einem kleinen Holzhocker in einer der beliebtesten Kulturbars Addis Abebas. Die Musikbar Fendika wurde vom bekanntesten äthiopischen Tänzer 
Melaku Belay gegründet. Als Strassenkind neben dem Kulturinstitut aufgewachsen, wurde Tanzen zu seiner Leidenschaft und führte ihn mit seiner Tanz- und Musikgruppe rund um den Globus. Jetzt widmet er sich der Förderung des Tanzes in Äthiopien und holt Kinder von der Strasse auf die Bühne, wo er sie zu Azmaris ausbildet. Traditionell sind dies fahrende Sänger, Tänzer und Dichter, die bei Feierlichkeiten für Unterhaltung sorgen. Zudem sind sie Künstler 
der Improvisation, die in jeder Situation die passende Spöttelei, das lächerliche Detail und den Witz finden, um auf das Publikum zu reagieren.

Obwohl ich den Text nicht verstehe, kann ich durch ihre schauspielerischen Handlungen, die in den Tanz eingebaut sind, die 
Geschichte hinter dem Lied erahnen. Die zweideutige Musik lässt Raum für Interpretation und war lange Zeit auch Mittel, um politische Missstände aus Perspektive der Kunst anzusprechen. Heute wird das kulturelle Erbe meistens in sogenannten Azmari Bets, also «Cultural Restaurants», aufgeführt und ist bei den Äthiopiern beliebt, um Freunde zum Essen oder auf ein Date auszuführen. Aber auch das Erlernen der Tanzkunst wird bei den jungen Äthiopiern 
wieder beliebter.

 

Eskista, der Schütteltanz

Die äthiopische Musik ist äusserst vielfältig. Ethno-Jazz und Rock, Hip-Hop und die Rastafari-Bewegung mit dem Reggae ergänzen die folkloristische Musik. Die traditionelle Pentatonik (Fünftonmusik) ist geprägt von den unterschiedlichen Klängen und Sprachen der Völker in Äthiopien. Vier oder fünf Musiker mit Schlag-, Blas- und Saiteninstrumenten, begleitet von Gesang und Tanz, spielen Volkslieder aus allen Landesregionen.

Die klassische Tanzart wird Eskista genannt, eine Art Schütteltanz, der von Region zu Region Besonderheiten aufweist. Während im Norden oftmals sehr stark mit dem Oberkörper getanzt wird und die Füsse am Boden bleiben, wird in vielen südlichen Kulturen vermehrt mit den Hüften, Beinen und Füssen getanzt. Besonders fasziniert mich der Schulter- und Kopftanz. Dabei werden Muskeln mobilisiert, von denen ich bislang nicht einmal wusste, dass sie existieren, geschweige denn davon, wie sie zu aktivieren sind.

Unglaublich ist auch der Kopftanz, bei dem die Frauen ihren Kopf in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit ins Rotieren bringen, sodass ich manchmal befürchte, er löst sich vom Hals oder die langen schwarzen Haare fliegen weg. Das Gesicht ist oftmals nicht mehr erkennbar, so schnell wird der Kopf in Form einer Acht bewegt.

 

Trinkgeld auf der Stirn

Im Gegensatz zum Rest Afrikas mit seinen bunten Stoffen und Gewändern wickeln sich die Menschen aus dem Norden und dem Zentrum des Landes in weisse 
Gewänder mit schlichten farbigen Rändern. Und so sind auch die meisten Musiker 
gekleidet – in schlichte weisse Baumwollkleider. Die Tänzer hingegen wechseln ihre Kleidung passend zur Herkunft des Songs. Ganz allgemein sind die Menschen in Addis nicht so farbig angezogen, wie man sich das in Afrika gemeinhin vorstellt. Ein weisser Schal bedeckt oft den Oberkörper der Passanten in den Strassen, und bei Feierlichkeiten und dem Gang zur Kirche tragen die Frauen einen weissen Rock und Schal über dem Kopf und Schultern.

Ein Besuch in einem Azmari Bets ist aber nicht nur Spektakel zum Zuschauen, sondern auch zum Tanzen. Häufig werden die Gäste zum Mittanzen aufgefordert oder sie laden sich gleich selbst auf die Bühne ein. Die Tänze sind physisch anstrengend. Zudem macht sich die Höhe von 2200 Metern über Meer bemerkbar, sodass ich nach einem Tanz ausser Atem bin. Gute Sänger und Tänzer werden mit einer Hunderternote (umgerechnet drei Franken) belohnt. Diese wird auf die Stirn geklebt, wo sie wegen des Schweisses ohne Probleme haften bleibt.

 

Die äthiopische Laufnation

Die Äthiopier sind nicht nur gute Tänzer, sondern auch gute Läufer. Angeführt von den bekannten Namen wie Haile Gebrselassie oder Kenenisa Bekele geniesst die 
Disziplin des Langdistanzlaufes eine grosse Beliebtheit in der Bevölkerung.

Die Sonne ist gerade erst aufgegangen, aber auf dem Meskel Platz, dem Jogger-
Treffpunkt in Addis Abeba, herrscht Hochbetrieb. Die Läufer, einige unter der scharfen Aufsicht eines Trainers, laufen die etwa vierzig 600 Meter langen und einen Meter breiten, terrassenähnlichen Stufen ab, 
welche eine Art Tribüne bilden. Einmal hoch und wieder runter, und der Marathon ist absolviert. Der Anblick gleicht einem Schwimmbad mit seinen Bahnen. Doch bald schon nimmt der Autoverkehr an diesem Hauptknotenpunkt zu und die Luft wird 
stickig.

 

Dabei sein ist alles

Ich bevorzuge deshalb meine Laufrunden auf dem Golfplatz zu drehen, der einzigen etwas grösseren Grünfläche in Addis. 
Jeweils nach halb sechs, wenn nicht mehr so viele Golfbälle durch die Luft fliegen, nehmen ich und mein äthiopischer Kollege die drei Runden in Angriff. Wir sind nicht die Einzigen. Jung und Alt, Mann und Frau betätigen sich hier und im anliegenden 
Fitnessstudio nach der Arbeit physisch.

Schnell bilden sich Gruppen und man 
motiviert sich gegenseitig mit dem Great 
Ethiopian Run als Trainingsziel vor den 
Augen. Der jeweils im November stattfindende elf Kilometer lange Lauf zieht über 30 000 Amateur- und Profiläufer an und gilt als grösster Laufanlass in Afrika. Ob Gehen oder Laufen spielt keine Rolle, Hauptsache man ist dabei. Es gleicht einem Volksfest und die Stimmung ist ausgelassen.

An jeder Ecke wird Musik gespielt als Motivation für Zuschauer und Läufer. Nicht mitzumachen war für mich keine Option. Jedoch litt ich etwas unter der starken Sonne, und meine Lungen hatten sich damals noch nicht ganz wie gewünscht an die dünne Luft akklimatisiert. Aber auch für mich galt: Dabei sein ist alles.

 

Info: Nicole Bolliger ist 27-jährig und kommt aus Nidau. Sie studierte Internationale Beziehungen in Genf und Afrikawissenschaften in Basel. 


Stichwörter: Fernweh, Reisen, Globus, Welt, Seeland, Afrika

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