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Titelgeschichte

Vogel in Punk

Vor 15 Jahren wäre der Kiebitz in der Schweiz beinahe ausgestorben. Nun brütet der Vogel des Jahres 2019 wieder – auch im Grossen Moos.

Der Kiebitz fällt vor allem mit seiner lustigen Haube und dem bunt schimmernden Gefieder auf. Bild: zvg/Michael Gerber

Er sieht ein bisschen aus wie ein Punk: Die schwarze Haube, deren Spitze wie mit Gel fixiert in die Höhe ragt. Der schwarze Strich unter den Augen, der dort wie eine Kriegsbemalung prangt. Oder das schwarze Federkleid, das beim Männchen in allen Regenbogenfarben schimmert, sobald ein Sonnenstrahl darauf trifft.

Kurz: Der Kiebitz, den der Vogelschutzverband Birdlife zum Vogel des Jahres gekürt hat, ist ein kleiner Rockstar unter den Vogelarten. Und auch sein Ruf machte den Vogel weltweit bekannt:

«Kiwit it it kiwit».

Es sind diese Laute, die dem Kiebitz seinen Namen gaben. Und es ist dieser Ruf, der ihn neben seinem Aussehen, so unverwechselbar macht.

Vom Aussterben bedroht
Der schillernde Vogel, der sofort alle Blicke auf sich zieht, ist jedoch nicht nur schön anzusehen oder anzuhören. Er ist in der Schweiz auch äusserst selten geworden. Seit mehreren Jahren führt das Bundesamt für Umwelt den Kiebitz auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten. Zusammen mit dem Bartgeier, dem Rebhuhn, dem Wachtelkönig und dem Purpurreiher gehört er dort sogar zu den Vogelarten, die in der Schweiz vom Aussterben bedroht sind.

Wie bei so vielen bedrohten Tierarten ist auch beim Kiebitz das Hauptproblem, dass er hierzulande kaum mehr Lebensräume findet. Die Riedwiesen und Feuchtgebiete, in denen er einst brütete, wurden im 19. Jahrhundert grösstenteils trockengelegt. Auch im Grossen Moos wurden aus Sumpfgebieten riesige Gemüse- und Getreideflächen. Das einstige Paradies, das dem quirligen Vogel hier zu Füssen lag, war durch die beiden Juragewässerkorrektionen innert kürzester Zeit verschwunden.

Der Kiebitz versuchte zwar mit aller Kraft, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. So baute er seine Nester fortan auch auf bewirtschafteten Äckern und zog seine Jungen in brachliegenden Kulturen gross. Doch mit der modernen Landwirtschaft konnte der Vogel irgendwann nicht mehr leben. Die Pflanzenschutzmittel sorgten dafür, dass er auf den Feldern keine Nahrung mehr fand. Und weil die Bauern ihre Felder nun mit grossen Landmaschinen bestellten, wurden die Jungtiere immer öfter auch überfahren.

Ohne Schutz überlebt er nicht
Im Jahr 2005 erreichte die Kiebitz-Population in der Schweiz ihren absoluten Tiefpunkt: 83 Paare wurden damals noch im ganzen Land gesichtet. Das sind über zehnmal weniger als noch 30 Jahre zuvor, als sich rund 1000 Paare auf den Feldern tummelten.

Für den Schweizer Vogelschutzverband Birdlife und die Vogelwarte Sempach war klar: Will man den Kiebitz retten, muss er aktiv geschützt werden. Alleine würde er das nicht mehr überstehen können. Also schickte man Freiwillige im ganzen Land auf die Suche nach verbliebenen Brutpaaren. Sie sollten ihre Nistplätze mit Elektrodraht einzäunen, und die Brut damit vor Räubern wie Füchsen oder Dachsen schützen.

Auch im Grossen Moos wurde vor vier Jahren erstmals ein solcher Zaun aufgebaut: Vier Brutpaare hatten sich auf einem Acker der Anstalten Bellechasse bei Galmiz niedergelassen.

Ein Jahr später gesellten sich acht weitere dazu, insgesamt kamen rund 20 Jungtiere zur Welt. Wie viele Tiere am Ende tatsächlich flügge wurden, konnten die ortsansässigen Vogelbeobachter nicht herausfinden. Doch die Naturschützer werteten bereits die geglückte Brut als Erfolg: Es war das erste Mal seit der Jahrtausendwende, dass im Grossen Moos junge Kiebitze aufgekommen waren. Und die Zeichen standen gut, dass sich auch in den nächsten Jahren wieder Brutpaare in der Region niederlassen.

Population erholt sich
Neben dem Grossen Moos baute der Vogelschutzverband Birdlife seit 2005 in der ganzen Schweiz 20 Standorte auf, an denen die Kiebitze gezielt gefördert und ihre Bruterfolge stets im Auge behalten wurden.

Auch mit den ansässigen Landwirten hat man eine Lösung gefunden: Mittels Verträgen verpflichten sich die Bauern, bis Ende Mai auf den betroffenen Äckern keine Saaten auszubringen. Im Gegenzug werden Ernteeinbussen sowie der Mehraufwand entlöhnt. Im Kanton Bern erhält ein Bauer heute bis zu 1000 Franken pro Hektare, wenn er sich an den Schutzmassnahmen von Birdlife beteiligt.

Dieser Aufwand zahlt sich aus: Im letzten Jahr verkündete Birdlife, dass in der Schweiz wieder 206 Brutpaare gesichtet wurden. Erstmals seit den 90er-Jahren betrug der Bestand damit wieder über 200 Paare. Allein im Grossen Moos hatten sich 50 Kiebitze niedergelassen. Es war die zweitgrösste Kiebitzpopulation im ganzen Land.

Kiebitze wollen die Übersicht
Ist der Kiebitz in der Schweiz also wieder über den Berg? Mitnichten, sagt Raffael Ayé, der bei Birdlife das Programm Artenförderung Vögel Schweiz leitet. Um eine Population aufrechtzuerhalten, müsse jedes Paar pro Jahr im Schnitt 0,8 Jungtiere grossziehen. Aktuell liege der Wert bei 0,5. Das sei zu wenig, als dass sich die Bestände von alleine halten könnten.

Wie schnell es gehen kann, dass eine Population wieder zusammenfällt, zeigt sich bereits in diesem Jahr: So haben die freiwilligen Vogelbeobachter in Ins bisher erst fünf Brutpaare entdeckt, die sich in der Umgebung des Grossen Moos niedergelassen haben. Bisher hat auch nur eines dieser Paare zu brüten versucht. Das Nest mit den Eiern wurde kurzum ausgeraubt. Ob sie ein zweites Mal nisten, ist unklar.

Ein möglicher Grund für den Rückgang ist, dass der Bauer, auf dessen Feld die Tiere zuvor nisteten, in diesem Jahr Winterweizen angesät hat. Dieser steht jetzt schon hoch und das mögen die Kiebitze nicht, weil sie in der Brutzeit lieber die Übersicht haben. Dazu kommt, dass es in diesem Jahr kaum geregnet hat. Auch das mögen die feuchteliebenden Tiere nicht – und suchen sich lieber einen anderen Standort.

Die Vogelschützer im Grossen Moos haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Noch könnten weitere Brutpaare dazu kommen und ihr Glück auf dem Feld versuchen. So oder so wird der Vogel des Jahres in diesem Jahr einiges an Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn nicht mit seinem Bruterfolg, dann immerhin mit seinem Titel. Und vor allem mit seinem quirligen Aussehen. Jana Tãlos

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Kiebitz

- Lateinischer Name: Vanellus vanellus
- Ordnung: Regenpfeiferartige
- Familie: Regenpfeifer
- Gattung: Kiebitze
- Verbreitung: Hauptsächlich auf der Alpennordseite zu finden
- Merkmale: Lange, abstehende Federhaube am Hinterkopf, schwarze, in allen Farben schillernde Oberseite, weisser Bauch, ruft «Kiwit it it kiwit», flieht aus dem Nest und ernährt sich als Jungtier selbst
- Lebensraum: Feuchtgebiete, Seen, Fliessgewässer, Kulturland
- Nahrung: Insekten, Samen, Würmer
- Brutzeit: Ende März bis Mitte Mai jat

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Sie fühlt sich fast überall wohl
Es gib kaum eine Pflanze, deren Pollen die Rostrote Mauerbiene nicht frisst. Auch deshalb hält sich das Insekt des Jahres 2019 gerne in unserer Nähe auf.


Die Rostrote Mauerbiene fällt durch ihren flauschigen Pelz auf. Bild: zvg/Paul Westrich

Sie sieht aus wie ein kleiner Teddybär: der flauschige Pelz um den Bauch, der rötlich-braune Farbton. Die Rostrote Mauerbiene schliesst man schon allein wegen ihres Aussehens sofort ins Herz. Und auch stechen tut das kleine Tier fast nie.

Gerade weil die Biene beim Menschen so beliebt ist, hat sie das Senckenberg Deutsche Entomologische Institut in Münchenberg zum Insekt des Jahres 2019 gewählt. «Wir möchten mit dieser Wahl auch auf das Artensterben der Wildbienen aufmerksam machen», sagt Thomas Schmitt, Direktor des Instituts. Zwar sei die Rostrote Mauerbiene bisher nicht gefährdet. Wie alle anderen Wildbienen habe sie aber eine hohe Bedeutung für unser Ökosystem.

So ist die kleine Biene, die alleine und nicht in einemVolk lebt, für einen Grossteil der Bestäubung der Pflanzen in unserem Siedlungsgebiet verantwortlich. Sie ist eine der Bienenarten, die sich in unserer Nähe auch wohlfühlt. Und es gibt kaum eine Pflanze, deren Pollen sie nicht frisst: Rosen, Salbei, Ahorn, Klee oder Obstbäume – es ist für sie ein Leichtes, im Siedlungsraum an Nahrung zu kommen.

Zudem gibt es hier auch überall ideale Nistmöglichkeiten. Die 8 bis 14 Millimeter grosse Biene bevorzugt Hohlräume in Trockenmauern, Lehmwänden, aber auch in Totholz oder lockerem Gestein. «Nester dieser Biene wurden schon in Türschlössern und sogar in einer Holzflöte gefunden», sagt Schmitt. Weil die Rostrote Mauerbiene wenig Ansprüche hat, ist sie auch ein idealer Bewohner für ein Insektenhotel auf dem Balkon.

Dort kann der Mensch den Lebenszyklus der Tiere hautnah miterleben: Im Frühjahr beginnen die Weibchen, aus Erde und Speichel Nistzellen zu formen. In jede Zelle legen sie ein Ei und einen Vorrat an Pollen, damit der Nachwuchs beim Schlüpfen etwas zu Fressen hat. Bis im August entwickeln sich die Larven zu ausgewachsenen Bienen. Erst im Frühjahr nagen sie sich aus ihren Nestern. Dann geht der Zyklus von Neuem los, und der Mensch kann sich an Bienen erfreuen. Jana Tálos/mt

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