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Ausstellung

Afrika, lockende Welt

Ausstellung Die Galerie Mayhaus in Erlach gibt in der aktuellen Ausstellung Einblick in eine reiche Sammlung afrikanischer Kunst und stillt kurz das Fernweh im grauen Winter.

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Simone K. Rohner
Schrecklich schön, furchteinflössend expressiv, dann wieder blitzblank glänzend und mit nettem Ausdruck im Gesicht – afrikanische Kunst ist facettenreich. Das zeigt die aktuelle Ausstellung in der Galerie Mayhaus in Erlach. Über 90 Masken, Skulpturen, Fetisch- und andere Figuren sind dort momentan zu sehen. Das Meiste stammt aus West- und Zentralafrika. Denn dort fand die Kunst statt. Oder das, was wir hier als Kunst anschauen. Denn in den Herkunftsländern dienten die Objekte fast immer einem speziellen Nutzen, waren selten «nur» Dekoration.

Erhitzte Museumsgemüter
Frankreich wird mehrere Kulturgüter aus Benin an das Herkunftsland zurückgeben – 26 um genau zu sein. Emmanuel Macron regiert damit auf eine Forderung von Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und Ökonom Felwine Sarr. Diese Entscheidung hat in der europäischen Museumswelt hohe Wellen geschlagen. Ein Umdenken findet gerade statt. Raubkunst stammt nicht nur aus der NS-Zeit. Europäische Museen, die afrikanische Kunst in den Sammlungen haben, fangen endlich an, sich Gedanken darüber zu machen, wo die Kulturgüter herkommen und wie sie genau im Museum gelandet sind. Das Museum Rietberg in Zürich widmet sich dem Thema mit der Ausstellung «Die Frage der Provenienz – Einblicke in die Sammlungsgeschichte».
Zurück nach Erlach. Die fast hundert ausgestellten Objekte aus Zentral- und Westafrika stammen aus der Sammlung des Berners Stefan Nussli (*1955).

Der Sammler
Nussli ist ein Erzähler. Fragt man ihn, woher seine Sammlung stammt, holt er gleich mit der Geschichte seiner Grossmutter und ihrem Bruder aus. Der war während des Zweiten Weltkriegs in Afrika, um dort Entwicklungshilfe zu leisten. Bezahlt wurde er mit Kulturgut. Nussli selbst hatte diesen Grossonkel in seiner Kindheit nur ein paar Mal gesehen. «Er war eine Fantasieperson für mich», erzählt der Sammler.
Und so war die Sammellust entfacht. Dann folgten als Erwachsener unzählige Afrika-Reisen mit seinem weissen Rangerover. Die Sammlung wurde reicher und reicher. Mittlerweile hat er auch ein Hilfsprojekt in Kamerun, in Ngoundoup, einem Dorf in der Nähe von Koutaba im Westen des Landes. Dort baut er zusammen mit dem Metallbauer Daniel Bäumlin und dem Architekten Adrian Wiesmann Brunnen und letztes Jahr stellten sie eine Krankenstation fertig. Im 4000 Seelendorf erkranken und sterben viele Menschen durch verunreinigtes Trinkwasser. Auch viele Kinder.

Das Kulturgut
Seine Sammlung ist noch viel umfangreicher. Nur ein Teil ist ausgestellt. Einige Figuren sehen genau so aus, wie man afrikanische Kunst so kennt. Abstrahierte Darstellungen von Frauen und Männern, aus dunklem Holz und mit prägnanten Geschlechts- und Gesichtsmerkmalen. Andere wirken unheimlicher, unbekannter und düsterer. Wie der Zeremonien-Krug aus Ton, der aus Kamerun stammt(Titelseite). Das Gesicht wirkt entrückt – der aufgerissene Mund mit Zähnen, der als Ausguss dient, ist geradezu angsteinflössend. Die Körperlichkeit der Figur ist irgendwie unmöglich. Ist es ein Mann oder eine Frau? Ist es überhaupt ein Mensch? Viele Stücke werfen beim Betrachten Fragen auf.
Auffallend viele Tanz- und Zeremonien-Masken befinden sich in der Sammlung. Wunderschön sind die zum Teil bemalten Tanzmasken aus Gabun oder von der Elfenbeinküste. Doch eine sticht speziell heraus: eine Bronze-Maske aus Nigeria. Viel naturalistischer gearbeitet als alle anderen, zieht einen ihr ruhiger Ausdruck in den Bann. Wie er zu dieser Maske kam, will er nicht wirklich erzählen. «Man reiste halt… Ich hatte mal Glück, dass ich zu diesem Stück gekommen bin.» Das war vor über 20 Jahren. «Heute bringt man so was nicht mehr aus dem Land. Damals war das anders. Es war ihnen egal, das Geld war wichtiger.» Doch so viel scheint sich nicht geändert zu haben, wie er in seinen Ausführungen schildert. «In Kamerun ist es heute noch so, dass wenn man mit Holzfiguren ausreisen möchte, egal wie alt, dann geht man zur Forstbehörde am Flughafen und verzollt es als Holz.»

Kunst als Botschafter?
Kann man solches Gut aus fremden Kulturen denn heute überhaupt noch so ausstellen? Nussli bejaht. Der aktuelle Umgang mit diesen Kulturgütern und der Provenienzforschung findet er übertrieben. Und auch alles wieder zurückzugeben, darin sieht er keine Lösung. «Das sind ja auch Botschafter für diese Länder», meint er. Und auch heute passiert es noch, dass er auf seinen Reisen beschenkt wird mit Figuren oder Masken. Doch der Sammler ist sensibler geworden im Alter. «Es gibt Sachen, die gehören zum Dorf, die kann man nicht mitnehmen.» Es sind dann auch nicht alle Stücke in der Ausstellung wirklich für Zeremonien benutzt worden oder haben auch für die Bewohner in den Dörfern gestanden. Manche Figuren sind ganz einfach Airport-Art – Kunst, die speziell für Touristen, oder damals für die Kolonialherren hergestellt wurde. «Man erkennt es auch an der Patina», so Nussli. «Ist sie ganz gleichmässig, so wurde die Figur nie für eine Zeremonie benutzt.» Einige dieser Objekte haben erst gar keine Patina, sondern glänzen, wie frisch poliert. An einer Figur kleben hingegen sogar noch Hühnerfedern dran und das Blut des Opfertiers ist noch zu sehen. Das furchteinflössende Stück stammt aus dem Kongo.
Erstaunlich gut passen die vielen Objekte in das alte Haus. Ein Teil des Erlöses der Ausstellung fliesst in Nusslis Projekt in Kamerun. «Mein grösster Wunsch wäre, in Koutaba ein Museum zu bauen und alles runter zu bringen. Aber mit Boko Haram im Norden weiss man nicht, was passieren wird.» Und so bleibt erstmals alles in der Schweiz. Es reue ihn aber jedes Stück, das er verkauft. «Viele Stücke sind Erinnerungen an eine Reise oder an einen Ort. Aber wenn ich weiss, dass es an den richtigen Ort geht, ist der Preis nebensächlich.» In einem Museum würde er das eine oder andere Objekt gerne sehen. «Dort wäre es am richtigen Ort. Dann können es die ja dann zurückgeben.»

Info: «Afrikanische Kunst» bis 17. Februar,  Sa und So, 14 bis 18 Uhr, Galerie Mayhaus, Erlach.www.galerie-mayhaus.ch
 

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