Sie sind hier

Abo

Biel

Bach, das Matterhorn und die Passion

Schmerz und Passion prägten die thüringisch-sächsische Orgeltradition – und sie prägten Johann Sebastian Bach. Gedanken im Hinblick auf das Orgelkonzert von Jean-Claude Zehnder in der Stadtkirche.

Symbolbild: Pixabay

«Den wir nach Gott am meisten verehren…» schreibt eine begeisterte Frau auf Youtoube, nachdem sie die Toccata und Fuge in F Dur angehört hat und meint damit Johann Sebastian Bach. Er würde wohl antworten: «Soli Deo Gloria, Gott allein die Ehre». So hat er ja die meisten seiner Werke überschrieben.

Ich lese den Kommentar und blicke dabei auf das Matterhorn, weil ich gerade im Tal bin zu des Horns Füssen und weiss: Selbst ein so grosses Ding wie das Matterhorn hat sich nicht selbst erfunden. Da bedurfte es der afrikanischen Platte, die auf europäischen Grundsockel stiess und dann überlappte und siehe da, nach vielen Erosionen war es da, Matterhorn aus Afrika. Gestossen, erhoben, rechtzeitig gebrochen.

Der Gedanke, dass Johann Sebastian Bach in der Musikalischen Landschaft so etwas ist wie das Matterhorn – herausragend, hervorragend –, der Gedanke liegt nahe, soll aber eben weitergedacht werden.

Kein Besuch bei Händel
Bach wusste, dass er sich nicht alles selber verdankt. Er wurde zu seiner Zeit gesellschaftlich auch überragt etwa von Telemann oder Händel, der ihm sogar einen Besuch verweigerte. Aber Bach war fleissig, leidenschaftlich, widerständig und offen, beharrlich und irgendwie auch bescheiden. Er besann sich auf seine Herkunft, auf den Ururgrossvater Veit Bach, ein Müller und Bäcker, der zum Geräusch der Kornmühle am liebsten seine Cyster spielte, ein Zupfinstrument spielte. Oder auf dessen Sohn Hans, Teppichweber und Bäcker, der mit Spielleuten ging. 53 Spielleute und Stadtpfeifer beschreibt Johann Sebastian im Stammbaum der Familie.

Bach selber hat nie Komposition gelernt. Er war Autodidakt. Aber er schrieb nächtelang als Vollwaise im Hause seines Bruders Partituren auch von Franzosen und Italienern ab, um deren Handwerk zu verstehen. Zu Fuss wanderte er nach Lübeck, um den Marienorganisten Buxtehude «zu behorchen».

Viele Brüche, viel Trauer
Des Bruders Lehrer war Johann Pachelbel, heute ist er bekannter als es Samuel Scheidt ist. Vermutlich zu Unrecht. Scheidt erhielt ein Armenbegräbnis, obwohl er wegweisend war im Orgelbau, erstmals fünflinige Notationen für Tasteninstrumente erfand, um die Musik aufzuschreiben, ein vielfältiges Werk hinterliess, jedoch fünf Kinder an die Pest verlor und in den Wirren der Zeit konfessionell die ungünstige Seite wählte.

Viele Brüche, viel Trauer, viele gestorbene Kinder und Mütter säumen den Weg der Musiker jener Zeit. Leid und Passion, Schmerz und Leidenschaft, Nachdenklichkeit und Mut prägen die thüringisch-sächsische Orgeltradition.

Mit dieser Tradition ist der Altmeister Jean-Claude Zehnder sehr vertraut. Er hat an der Scuola Cantorum in Basel unterrichtet, gilt als einer der besten Bach-Kenner und -Interpreten, hat viele international bedeutende Organisten zu ihrem Weg ausgerüstet. Er geht in Biel musikalich den Weg durch die Passion, durch Leid und Leidenschaft im Konzert. Andreas Urweider

Info: «Die thüringisch-sächsische Orgeltradition: Scheidt – Pachelbel – Bach», am Palmsontag, 14. April um 17 Uhr in der Stadtkirche Biel. Einführung um 16.30 Uhr. Veranstaltet vom Freundeskreis der Orgelabende Biel.

Nachrichten zu Kultur »