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Konzert

An den Meeren, im Innern

Als sie von Berlin genug hatte, lebte Paquita Maria drei Jahre lang an verschiedenen Orten an den Küsten Europas. Dort hat sie wunderbare Lieder geschrieben. Heute Abend spielt sie diese ihrer Heimatstadt vor.

Paquita Maria schreibt nicht vom Überschwang. zvg

Tobias Graden

Dür Tränetäler u sunnigi Fälder
Chnüpft sech Bild a Bild
I mir wird es Bächli schmäler
Es nöis behuetsam quillt

Dini Hut isch o im Rägä
Atem unter mirä Hand
Dankend
Stahni vor dim Land

(aus «Vor dim Land»)

Ist es tatsächlich so, dass ein Lied umso intimer ist, wenn es einem berndeutsch ins Ohr tanzt? Ist es so, dass dieses überdeutlich gesungene Berndeutsch, die Kanten der Wörter scherenschnittartig präzis konturiert wie das Alpenpanorama des Oberlands an einem klarkalten Wintertag, einem alleine wegen seines Klangs nähergeht? Oder ist das Einbildung, Illusion, hat man sich da einfach gerade zu sehr einnehmen lassen von dieser schönen Stimme, die einem so friedlich-lieblich in den Kopf säuselt, dass man darob fast das Klavier überhört, das mit seiner minim schiefen Stimmung den Charme des Gesungenen noch erhöht? War man also deswegen gerade etwas unaufmerksam und hat nicht mal ob dem gestelzten «behuetsam» gestutzt, wo doch ein «süferli» schöner wär?

Bereichernde Begegnungen

Zuerst musste sie noch diese Schule in Biel beenden, wie hiess die nur noch, genau, die Fachmittelschule, doch dann, einfach weg. Den Koffer packen, auf und davon. In Biel in den Zug einsteigen und erst in Berlin wieder aussteigen. Paquita Maria Etter war Anfang 20 und dachte sich, ich versuche das jetzt einfach mal. Zwei Freunde nahmen sie bei sich auf, und von da an streifte sie durch die Stadt und pflückte sich das Glück.
Da war zum Beispiel dieser Schokoladeladen, so heimelig und hübsch, da würde ich gerne arbeiten, dachte sie, trat ein, fragte nach einer freien Stelle und wurde aufgenommen. Da war zum Beispiel das Theater, das Deutsche Theater Berlin, es hatte eine Jugendgruppe, in der spielte sie einfach mal mit, merkte zwar alsbald, dass sie nicht die geborene Schauspielerin war, konnte aber kurz darauf an der Musik für ein Stück mitwirken und sich so am Haus einnisten, in der Theaterwelt, an der Schnittstelle zwischen Musik und Schauspiel. Und da war Benjamin Stein, den sie am Theater kennengelernt hat und mit dem sie bis heute zusammen ist und dem sie künstlerisch, sie betont es am Schluss des Gesprächs, gerade für ihr erstes Album ganz viel verdankt, aber nicht nur. Es lässt sich erahnen wie viel, wenn man das eingangs zitierte «Vor dim Land»hört. Und überhaupt waren da ganz viele wunderbare Menschen, berührende und bereichernde Begegnungen, also eben, es war einiges an Glück da, das sie sich zu pflücken wusste. Nicht jeder Griff sass, aber die Kühnheit half, auch in solchen Fällen nicht zu verzagen.

Leben im Urzustand


Sieben Jahre in Berlin waren genug, Benjamin Stein und Paquita Maria machten sich auf, die nächsten drei Jahre lebten sie an verschiedenen Orten, immer am Meer. Einmal waren die beiden auf La Palma, für ein halbes Jahr, in einem Häuschen, das nächste Dorf über eine Stunde entfernt, lebte inmitten der Natur. Die Wolken, das Meer, die Zeit kriegte eine andere Dimension. Dies zu spüren, den Rhythmus von Ebbe und Flut, jenen der Jahreszeiten, zu spüren wie sich alles zyklisch wandelt, wie es lebt, das ist eine Art Urzustand, in dem es kein richtig und falsch gibt, der einfach ist.
An solchen Orten, in solchen Zuständen entstanden ihre Lieder, komponiert am Klavier, die Texte genährt durch langejährige Lektüre von Lyrik. Wenn ich unbedingt wählen müsste zwischen der Sprache und der Musik, dann würde ich die Musik wählen, sagt sie, aber zum Glück muss ich nicht, weil ich liebe die Wörter.
Zwölf dieser Lieder finden sich nun auf «Recherche», ihrem Debütalbum, und es ist schier eins schöner als das andere. Paquita Maria scheint das Theatralische zu lieben, sie weiss um Effekte, man siehts schon an der schwungvollen Art, mit der sie sich beim Aufstehen das Halstuch um den Körper schlingt, farbig wie es ist, und es ist nicht bloss eines, es sind zwei.  

Burlesques Berlin

Wie sie sich präsentiert auf ihren Bildern, mit diesen seltsam faltigen Kleidern und dem expressiven Schmuck, diesen pfauengefederten Diademen, das gemahnt an die Üppigkeit der Goldenen Zwanziger in Berlin, und das kommt nicht von ungefähr. Sie hat auch Musik geschrieben für Burlesque-Darbietungen, hat selber auch getanzt. Auf gewisse Weise findet sich diese Ästhetik nun in ihrer Musik, in der Instrumentierung – sie liebt Streichinstrumente, insbesondere das Cello –, in den Harmonien. Mühelos wechselt Paquita Maria von Hochdeutsch zu Französisch, und auch auf Berndeutsch blühen die Bilder: «Stiui lerä wi am erschte Tag / Stige dür z’Rad vor Zyt / Metamorphose / Du schmärzschöni ewigi Rose.»
Anderseits sind es nicht Lieder des Überschwangs, des Übertreibens. Sie sind fein ziseliert, und selbst wenn bisweilen Streicher, Klavier, Akkordeon, Gesang, Gitarre und gar etwas Elektronik am Werk sind, so wirken die einzelnen Elemente nicht wuchtig ausgeschüttet, sondern mit der Pinzette gesetzt.

Es zieht sie wieder weg

Die Reise an Europas Küsten war auch eine Reise ins eigene Innere, komponieren wollte sie losgelöst von Vorgaben, schreiben wollte sie von sich selber. Geld verdiente sie als freie Texterin, schrieb am einen Tag über Autofelgen oder Hausverkäufe, am andern Liedstrophen wie diese:«Zyt isch e Schäri / Wo unufhörlech schnyt / Forme Gschichte / Duet si dichte / Du bisch es nackts Blatt / A dir schnyt si sich satt.»
Nun hat sie eine grosse Lust, diese Musik auch zu spielen. Die heutige Plattentaufe in Biel ist dabei eines der ersten Konzerte. Weitere werden folgen. Aber zuerst zieht es sie wieder für ein paar Monate weg, auf Reisen, es geht nicht anders. Schliesslich, sagt sie, war ich doch jetzt ein ganzes Jahr lang hier.


Info: Paquita Maria: «Recherche» (Langusta Entertainment). Plattentaufe heute Abend im CarréNoir, Obergasse 12, Biel.

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