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Ausstellung

Einladung zum Bad in der Kunst

Alle vier Jahre verwandelt sich das stille Môtiers NE in einen grossen Ausstellungsraum, in dem (fast) alles möglich ist. «Art en plein air» ist eine der ältesten Freilichtausstellungen der Schweiz - und eine der humorvollsten und charmantesten obendrein. Der Rundgang durch Ort und Wald ist ein Kunstweg voller Überraschungen.

  • 1/9 Barbara Signer und Michael Bodenmann: «Neumarkt». Bild: zvg/Alain Gérmond
  • 2/9 Vincent Kohler: «Denim». Bild: zvg/Alain Gérmond
  • 3/9 Collectif Indigène (Adréanne Oberson und Jean-Marie Reynier): «La Traversée des chats volants». Bild: zvg/Alain Gérmond
  • 4/9 Christian Gonzenbach: «Pollux». Bild: zvg/Alain Gérmond
  • 5/9 L/B (Sabrina Lang und Daniel Baumann): «Up#2». Bild: zvg/Alain Gérmond
  • 6/9 Denis Savary: «Maldoror». Bild: zvg/Alain Gérmond
  • 7/9 Pavel Schmidt: «Passage - pas sage - ou les neuf muses». Bild: zvg/Alain Gérmond
  • 8/9 David Weisst: «Bains publics». Bild: zvg/Alain Gérmond
  • 9/9 Guillaume Pilet: «Pavillon de la Pensée Sauvage». Bild: zvg/Alain Gérmond
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von Alice Henkers

Am Ortseingang tanzt die Grüne Fee fröhlich um den stolzen Brunnen herum. In den Blumenkästen, in denen normalerweise robuste Geranien blühen, wachsen federige Wermuthpflänzchen. Die Geranien schmollen derweil im Garten der Maison de l’Absinthe. Guido Nussbaum hat diese humorvolle Befreiungsaktion inszeniert. Kleiner Tipp: Wenn man die Wermuthblättchen vorsichtig zwischen den Fingern reibt, entfaltet sich ein angenehm frischer Duft.

Nur wenige Schritte weiter spürt Frank Hesse in einer Garage den Wildkaninchen nach, die Jean-Jacques Rousseau, der zeitweilig in Môtiers gelebt hat, auf der St. Petersinsel angesiedelt haben soll. Die Künstlergruppe RELAX (chiarenza & hauser & co) hat comicartige Porträts von Ungläubigen, Häretikern und anderen Abweichlern auf eine Mauer gepinselt und schirmt sie mit weissen Tüchern auf einer Wäscheleine vor allzu neugierigen Blicken ab.

Nur wenige Schritte durch den Ort Môtiers genügen, um zu sehen: Die Kunst ist wieder da. Alle vier Jahre verwandelt sich die 800-Seelen-Gemeinde in einen abwechslungsreichen und prominent bestückten Kunstparcours unter freiem Himmel.

 

Kokosnüsse und Pfoten

Der Kunstspaziergang, der drei bis vier Stunden in Anspruch nimmt, führt durch den Ort und übers weite Feld, an schattigen Waldgrotten vorbei und über abenteuerliche kleine Brücken. Die Kunst spreizt sich hier nicht sonntäglich steif auf akkurat gemähten Rasenflächen, sondern schwebt hoch oben in Baumkronen, wie die unerreichbare Aussichtsplattform «Up#2» von Sabrina Lang und Daniel Baumann. Oder kauert im Kuhstall, wie die beiden Objekte von Denis Savary, die wie übergrosse Kokosnüsse mit Pfoten aussehen.

Vom waldigen Hügel über Môtiers grüsst orangerot und mit spitzen Katzenohren «Pollux». Weithin sichtbar steht das gigantische Objekt von Christian Gonzenbach vor den dunklen Tannen und breitet wie eine Art Totemtier schützend seine spitzwinkligen Pfoten über Môtiers aus. Dank des so gigantischen wie luftigen Totemtiers haben auch Ortsunkundige keine Mühe, die Ausstellung «Art en plein air» zu finden.

In Zeiten von GPS und Internet ist die geographische Lage des Ortes auch für Besucher aus dem Ausland längst kein Problem mehr. Doch vor 30 Jahren, als die erste Freiluft-Ausstellung in dem kleinen Ort im Val-de-Travers stattfand, sah das noch ganz anders aus. Mancher Kunst-Ausflügler suchte im jurassischen Moutier oder in Môtier am Murtensee vergebens nach der Open-Air-Ausstellung.

Dabei war der Anreiz, in die 800-Seelen Gemeinde nahe der französischen Grenze zu fahren, von Anfang an gross. Pierre-André Delachaux, damals Gemeinderat in Môtiers, gründete die Ausstellung, um ein bisschen Leben in die wirtschaftlich darbende Region zu bringen. Er verliess sich jedoch nicht auf sein eigenes künstlerisches Gespür, sondern bat die Eidgenössische Kunstkommission, einige Kunstschaffende für die sommerliche Schau auszuwählen.

So kam jener Mix aus international renommierten Kunststars und relativ unbekannten Kunst-Neulingen zustande, der bis heute das Gesicht der Ausstellung prägt. So sind auch in diesem Sommer grosse Namen dabei wie John Armleder, Olivier Mosset oder Daniel Spoerri (der übrigens auch das Ausstellungsplakat gestaltet hat).

 

Aufklärer und Gespenster

Auch Kunstschaffende aus Biel sind dabei. Pavel Schmidt hat Strassenlaternen der Belle Epoque als die neun Musen uminterpretiert und im Hof der Maison de l’Absinthe drapiert. Das Duo Haus am Gern hat im Waldesschatten zwei Spiegel aufgestellt, vor denen Passanten sich verfünffachen. Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner führen damit ein Langzeit-Projekt fort, für das sie zahlreiche Kulturschaffende selbfünft fotografiert haben.

«Art en plein air» ist heute eine der ältesten aber auch eine der charmantesten Freilichtausstellungen in der Schweiz. Das liegt zu einem guten Teil an den abwechslungsreichen Kulissen. Aber auch daran, dass die Kunstschaffenden, stolze 65 sind es in diesem Jahr, ihre Werke direkt vor Ort erstellen und dabei oft sehr humorvoll und hintersinnig auf die mit ihm verbundenen Geschichten und Geschichtchen eingehen.

Cécile Hummel, deren fotografische Arbeiten auch gerade im Photoforum Pasquart zu sehen sind, hat in einer Waldgrotte eine Art Geisterstübchen eingerichtet, im Gedenken an Rousseau, der, aller aufklärerischen Gedanken zum Trotz, einen tief sitzenden Gespensterglauben pflegte.

 

Absinth und Gemüse

Jonathan Delachaux und Zoé Cappon haben in einer Höhle ein Monument für den Voodoo-Gott Zâca installiert, der als himmlischer Bauer verehrt wird. In der Mundart des Val-de-Travers indes bedeutet sein Name Schwermut. Jacques Froideveaux vom Duo Plonk et Replonk hat eine Betonskulptur, die Luc Mattenberger 2011 in Môtiers aufgestellt hat, mit einem bunten Sternenmuster dekoriert und so zu neuem Leben erweckt.

Auch das gehört zu «Art en plein air»: Jedes Jahr bleiben einige Werke der Ausstellung als Dauerinstallationen zurück. Der Ort füllt sich mehr und mehr mit Kunst. Zudem ist die anfängliche Skepsis, mit der die Ortsansässigen den künstlernden Gästen begegneten, längst einer freundschaftlichen Neugier gewichen. Heute leben in Môtiers rund 800 Kunstexperten, die sich auf die Sommerausstellungen freuen. Man hilft den Künstlerinnen und Künstlern.

In einigen Garagen wird noch Absinth aus eigener Herstellung oder Gemüse aus dem eigenen Garten angeboten. Und mancher Anwohner lässt sich gar vom künstlerischen Treiben zwischen Feld, Wald und Wiese anregen und bastelt selber ein Objekt. Überall lassen sich kleine, wilde, freche Projekte entdecken, die der Freiluftausstellung eine besondere Würze geben.

Noch ein Tipp zum Schluss: Neben festem Schuhwerk für den 4,5 Kilometer langen Kunst-Parcours durch Wald und Feld sollte man auch Badekleidung mitnehmen. Dann kann man sich in dem von Markus Weiss zum «Bains public» umfunktionierten Brunnen erfrischen.

 

Informationen zur Ausstellung

• Ausstellung bis 20. September
• Geöffnet: Täglich ausser Montag, 10 bis 18 Uhr
• Eintritt: Erwachsene 12 Franken, ermässigt 8 Franken. Kinder von 8 bis 16 Jahren
2 Franken, Kinder bis 7 Jahre gratis
• Anfahrt: Mit dem Auto durchs Val de Travers Richtung Pontarlier. Mit dem Zug ab Neuchâtel mit dem Regionalzug Richtung Fleurier bis Môtiers.

www.artmotiers.ch

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