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Literatur

Grütscht. Gheit. Ufgschtange.

Der Bieler Sebastian Steffen bringt mit «Leg di aschtändig a» sein zweites Buch heraus. Zwei ungleiche Brüder begeben sich darin auf eine Wanderung, die zugleich die letzte Reise der Mutter ist.

Krete um Krete, Baum um Baum lassen die beiden Brüder in Steffens Roman hinter sich. Und nähern scih dabei an - wenn man eine Schlägereimit blauem Auge mitzählen will. Bild: Patrick Weyeneth/a

Clara Gauthey

«Leg di aschtändig a», mahnt der eine den anderen Bruder, als er ihn ans Totenbett der gerade verstorbenen Mutter bestellt. Doch nach einer Nacht im komatösen Vollrausch fällt das dem Brüderchen gar nicht so leicht, also kommt er in Badehose, T-Shirt und Badeschlappen. «Ja sorry,» sagt er, nachdem ihn der Bruder abschätzig mustert, «aber mi Wöschtag isch ersch morn.»

Die Familienzusammenkunft am Totenbett mündet beinahe in die erste Prügelei der beiden ungleichen Brüder in diesem Buch. Zugleich fassen sie einen Reiseentschluss: Die sterblichen Überreste der Mutter Esther sollen im Meer verstreut werden. Allerdings muss die Urne zu Fuss dorthin gelangen. Im Rucksack. Als Gepäckteil zweier Wanderer. Und so liefern sich das hypochondrische Weichei und sein machoider Arschlochbruder einen Wettlauf, dessen Ende eine Art Beerdigung im ganz kleinen Kreis sein soll. Aber da sind nicht gerade wenige Faktoren, die es erschweren, dieses Ziel je zu erreichen, müssen doch einige Hürden, sprich Berge, genommen und erklommen werden. Müssen auch Attacken von Unlust, von Unmut und Bruderzwist überwunden werden. Ein Bruderzwist übrigens, in dem sich die beiden Männer nicht eben um die Nachfolge eines Habsburgerthrons klopppen, sondern mehr oder weniger vor dem Nichts stehen: mutterlos und nicht unbedingt reich. Sogar an schönen Kindheitserinnerungen mangelt es zumindest einem von ihnen, während der andere mantrahaft diesen einen Familienurlaub am Meer beschreibt, als sei es die einzige Erinnerung, die dazu taugte, erzählt zu werden.

Diese ganz spezielle Verbindung
Die Erzählung, die den berndeutschen Buchstaben viel Weissraum und damit Wirkungsraum gönnt, lebt von dem überaus unterhaltsamen Konfliktpotenzial, wie es vielleicht nur unter Brüdern zur vollen Entfaltung gelangen kann – weil es Zuneigung und Konkurrenzgebaren unter Männern zugleich abbildet. Es ist diese spezielle Verquickung von Unverständnis und Liebe füreinander, wie sie unter Geschwistern nicht selten anzutreffen ist. Diese sozusagen per Geburt erzwungene Verbundenheit gepaart mit einem Unmut, wie wir ihn nur gegenüber Blutsverwandten empfinden – vielleicht, weil wir an ihrem Leid selbst leiden, weil ihr Unvermögen auch ein Stück weit unser Unvermögen ist. Und gewisse Weisheiten, von denen wir glaubten, sie seien unverrückbar, infrage stellt.

«Wie aut bisch eigetlech?»
In wunderbarem, betont langsamem Seeländer Dialekt erzählt der ehemalige Student des Schweizerischen Literaturinstituts, Sebastian Steffen, von der Ironie männlicher Kommunikationsattitüde – ihre lustvolle Kurzsätzigkeit, ihr beredtes Schweigen, ihre kampfbetonten, verbalen Anrempler: «Du Pussy. Du huere Weichei. Wie aut bisch eigetlech? Zwöufi?» Zwischen Selbstmitleid und Selbstherrlichkeit changierend, ist dieses Brüderpaar sicherlich eines der lustvollsten, mitreissendsten der Schweizer Dichtung. Brutal wie Kain und Abel und doch so liebenswert wie die Klitschko-Brüder, wenn sie in einer Geschichte von Jörg Steiner vorkämen.

So amüsant sie zunächst scheinen mögen, diese Cowboys der Schweizer Berge, so voller Zwiespalte, Abgründe und Aggressionen sind sie. Und während sie die Landschaft, «Schiferplatte. Murmeli.Streifehörnli.», ein jeder auf seine Art vorbeiziehen lassen, der eine mit Unbehagen und Missmut, der andere unter frenetischem Jubel, erzählt sich sozusagen im Vorbeigehen ihr jeweiliges Sein und ihre Beziehung. Der eine: Ein Loser, einSchwächling, ein Angsthase, der vor der Wespe flüchtet wie ein aufgeregtes Hühnchen. Der andere: Stark, clever, ein Frauenheld und Kartenleser, der die Wespe mit gelangweilter Geste und ohne grosse Worte zu machen in der Luft erschlägt.

Der eine ein Anführertyp, der in der Natur zuhause ist. Der andere ein Verlorener, dem Frauen unerklärliche Mysterien sind und der nur neidisch zugucken kann, wie sein «Brüetsch» eine nach der anderen abschleppt. Abgesehen davon, dass ihm all die Ameisen zuwider sind, die in seinem Zelt herumkriechen, überhaupt – «die huere Natur!»

Dieses Buch lebt von grossartiger Ironie. Von einem Erzähler, der ganz genau weiss, wie er Gedanken anlockt, ohne sie allzu laut auszusprechen. Der ein Gespür hat für die Zwischentöne, die den allzu kurzen Dialogen viele unerzählte Geschichten hinzufügen.

Der Weg als Mittel zum Zweck

Ein Augenzwinkern liegt auch in der Aneinanderreihung der Matsche, welche sich die Brüder täglich zum Essen machen auf ihrer Wandertour: «Pampige Riis und Chnoblouch. Chinasuppe. Spaghetti mit Chnobli. Hafergrütze...» Und drumherum zwei Zelte, Kreten, Bäume, Viecher, ein Feuer. Viel Kaffee und Zigaretten. Viel Unmut, Blut, alkoholisierte Wutausbrüche.
Vorsicht, der augenscheinlich Schwächere der beiden hat seine Waffe in der Hinterhand und sorgt damit für einen «grandiose Uftritt», wie ihm der Bruder später attestiert. Und ja, das «machoide Arschloch» ist eben eigentlich einSensibler, wenn er plötzlich sowas sagt wie: «We mir das hie jetzt düreschtöh, de schaffe mir aues. Aute. Mir hei nume no üs.»

Info: Sebastian Steffen, «Leg di aschtändig a», Verlag die Brotsuppe, 25 Franken.

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