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Atelier Weekend

Kunstmarathon in der Champagne

Die Kunstschaffenden des Champagne Quartiers öffneten am Wochenende Freunden und Fremden ihre Ateliertore. Die sechste Ausgabe des Atelier Weekends war anregend und anstrengend zugleich.

Bei Jérôme Stünzi im Atelier in der Kulturfabrik geht es familiär zu und her. Bild: Patrick Weyeneth

Simone K. Rohner

Und dann sitze ich da plötzlich an einem Tisch mit einem ehemaligen Eishockey-Profi und anderen (bilinguen) Leuten und trinke ein Glas Prosecco und quatsche über Kindererziehung. Es ist nach 18 Uhr und das ist mein letzter Halt für Samstag, habe ich gerade beschlossen. Wie ich denn hier gelandet sei, fragt mich die Gruppe. Alle scheinen sich zu kennen. Ich sei dem Plan gefolgt. Eigentlich wollten sie etwas anderes wissen. Doch am Ende dieses überreichen Atelier-Nachmittags – und mit einem halben Glas Prosecco intus – begreife ich das nicht mehr.

Erster Halt: 
die Künstlerwohnung
Am Anfang dieses ersten Atelier-Tages des Atelier Weekends fühle ich mich noch frisch und aufnahmefähig. Mein erster Halt ist die Künstlerwohnung von Christophe Grimm. Bin ich hier richtig?, frage ich mich immer wieder an diesem Nachmittag. Denn man weiss nie, was einen erwartet. Plötzlich steht man da in einer Wohnung und das erste, was man sieht, ist ein Bett. Aber von Anfang an.

Christophe Grimms Atelier ist auch seine Wohnung. Und sie ist randvoll mit Besuchern. Alle mittleren Alters und aufwärts, mit wenigen Ausnahmen. Schon im Treppenhaus vernehme ich französisches Stimmengewirr. Dann quetsche ich mich auch noch rein in die kleine Vierzimmerwohnung. Grimm ist gerade dabei, einigen Gästen zu erklären, wo er jetzt seit zwei Wochen schläft. Er öffnet eine Türe zu einem zehn Quadratmeter grossen Raum mit einem Bett darin. Denn in seiner Wohnung nimmt die Kunst zweifelsohne den meisten Platz ein. Kein Zentimeter ist frei. Selbst in der Küche stehen noch Bleistiftzeichnungen auf einem kleinen Wandvorsprung. Die Fenster sind mit Karton abgedeckt. Ich schaue mich um. Doch fühle ich mich ein wenig, als hätte ich eine Party gecrasht, zu der ich nicht eingeladen war.

Zweiter Halt: 
ab in die Kulturfabrik
So mache ich mich auf zum nächsten Halt auf meiner wohlüberlegten und sorgfältig vorbereiteten Route. Diese einzuhalten, stellt sich aber als gar nicht so einfach heraus. Das Champagne Quartier ist einfach zu hübsch, um sich auf ein paar wenige Strassen zu beschränken. Immer wieder entdecke ich auf Nebenstrassen Menschen, die aussehen, als gehörten sie auch zu diesem Zirkel der kunstaffinen Bielerinnen und Bieler. Doch mir kommt auch mal ein Mann im Wandertenue entgegen – so richtig mit schweren Schuhen und Stöcken. Praktisch, denke ich.

Die Kulturfabrik ist ein altes Industriegebäude, wie es ein paar davon in der Champagne gibt: Hohe Räume, riesige Fenster. Hier arbeiten Isabelle Richner und Gregor Wyder. Wyders Atelier ist dominiert von der Farbe Orange. Er arbeitet mit Pannendreiecken. In der Mitte des Raumes steht ein Kratzbaum. Ich schaue mich um, ob ich die dazugehörige Katze finde. Nein. Dann muss es Kunst sein, denke ich mir. Auf einem weissen Tisch stehen ein Speckzopf, ein Glas Essiggurken und Wein. Es ist noch niemand sonst da. Isabelle Richner, zwei Räume nebenan, hat unterdessen Besuch bekommen: Pat Noser stellt sich ihr vor. Die beiden Künstlerinnen unterhalten sich kurz. Sie werden beide an einer Gruppenausstellung in Schaffhausen teilnehmen, kannten sich aber noch nicht persönlich. Ob ihr das Atelier Weekend vor allem Freunde ins Atelier hole, frage ich Richner. Sie verneint. «Bis jetzt waren vor allem Leute da, die ich nicht kannte vorher.» Eigentlich will ich weiter zu Jérôme Stünzi. Doch aus unerfindlichen Gründen lande ich stattdessen bei einer Kunstrestauratorin und wieder in einer Wohnung.

Dritter Halt: 
Viele Wege führen zur Kunst
Als Erstes sehe ich ein Bett. Dann begrüsst mich ein Mann. Ich bin verwirrt, denn es ist nicht Stünzi. Valérie sei hinten im Atelierteil der Loftwohnung. Na, wenn ich schon mal da bin... Ein raumhohes Regal gefüllt mit Bilderrahmen trennt einen Teil des Raumes ab. Vorne sind Bilder aufgestellt, die Pfister gerade restauriert. Auf der anderen Seite steht viel Holz rum. Und zwei grosse Kästen mit Pigmenten in kleinen Fläschchen hängen an der hinteren Wand des Ateliers. Die Restauratorin erklärt zwei Frauen gerade ihr Handwerk. Dass sie die Farben richtig hinkriege, das sei das Wichtigste, schnappe ich auf. Alles sehr spannend, doch eigentlich suche ich ja Jérôme Stünzi und seine kuriosen Installationen und Videos. Ich merke, dass sich meine Aufnahmefähigkeit bereits von mir verabschiedet. Hätte ich doch nur bei Wyder ein Stück Speckzopf gegessen!

Vierter Halt: 
Stünzis farbige Spaghetti
Zurück zur zweiten Station also. Im Obergeschoss der Kulturfabrik werde ich endlich fündig. Es plätschert im Raum. Auf dem Sofa auf der linken Seite neben der Kochecke sitzt eine ganze Familie mit Kindern in fast allen Alterstufen. Ein Bébé ist auch dabei. Start them young!, denke ich. In der Mitte des Ateliers steht ein Brett angelehnt an eine dicke Stütze. Aus einem Schlitz hängen blaue und rosa Fäden, darüber läuft Wasser in das Becken, auf dem die ganze Konstruktion steht. Sind das Spaghetti? Ich schaue mich ein Bisschen um. Das Atelier ist gar nicht so, wie ich es erwartet habe, sondern viel weniger bunt und crazy. In der Hoffnung, an diesem Nachmittag noch etwas Wildes zu Gesicht zu bekommen, mache ich mich auf zu Dada Design. Nach fast drei Stunden Atelier-Tour fühle ich mich aber fast so ausgelaugt wie zuletzt beim Wohnungsbesichtigungs-Marathon in Zürich vor ein paar Jahren. Da kommt das Glas Prosecco gerade recht. Ich bin angezählt und gehe in der fünften Runde K.o. Sonntag ist auch noch ein Atelier-Tag!

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