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Literatur

Mehr Erzählfleisch am Nachrichtenknochen

Der Schweizer Philosoph Alain de Botton untersucht in seinem neuen Buch «Die Nachrichten. Eine Gebrauchsanweisung», wie Medien von ihren Nutzern wahrgenommen werden. Seine Analyse fällt allerdings etwas fragwürdig aus.

Verwirrung durch Überfülle? Zeitungsstand in der Schweiz. Copyright: Keystone

von Alice Henkes

Gustave Flaubert hasste Zeitungen. Er glaubte, dass die Nachrichtenblätter, die im 19. Jahrhundert ihren Siegeszug antraten, unter ihren Lesern eine Dummheit erzeugten, die schlimmer sei, als die vorangegangene Unwissenheit.

Alain de Botton erzählt davon selbst. Er weiss sehr wohl, dass sein Gegenstand zwar nicht neu ist, doch von breitem Interesse. Nicht nur die Medien ziehen ein grosses Publikum an, sondern auch die Medienkritik. In seinem Buch «Die Nachrichten - Eine Gebrauchsanweisung» räsoniert de Botton über Medienmacht, Schreckensmeldungen und Bilderflut. Und er geht der Frage nach, was die Fülle der Nachrichten, die aus Zeitungen und Radios, Fernsehkanälen und Smartphones auf die Bürger einprasseln in einem normalen Kopf wohl auslösen. Viel Verwirrung, vermutet de Botton, der sich der Philosophie des Alltagslebens verschrieben hat.

 

Programmheft für Zeitungsleser

Mit seinem neuen Buch möchte de Botton gestressten Lesern einen Leitfaden an die Hand geben, wie Medien zu verstehen sind. Vergleichbar einem erläuternden Saaltext, den man erhält, wenn man eine Ausstellung betritt oder dem Programmheft im Theater. Die Idee ist bestechend und überaus menschenfreundlich. De Bottons nachvollziehbare These: In der Schule lernen wir zwar, «die Macht der Bilder und Worte zu würdigen». Man bringt uns bei, die Gedichte und Geschichten, die Gemälde und Skulpturen längst verstorbener Künstler zu interpretieren. Die Analyse eines Pressefotos stehe aber nur in seltenen Fällen auf dem Unterrichtsplan.

So weit, so plausibel. Auch die Frage, was eine reisserische Nachricht wie «Inzestuöser Kannibale in Sydney angeklagt» beim Leser auslösen kann, ist durchaus berechtigt. Ebenso nachvollziehbar ist die daraus abgeleitete Vermutung, dass solche Nachrichten ein gewisses Misstrauen gegenüber den Mitmenschen befördern.

Diese Zustandsanalysen sind freilich auch nicht ganz neu. Und die Frage, warum in den Medien nie Nachrichten über liebende Mütter, fürsorgliche Ärzte und zarte Wolken, die über das weite Himmelsblau ziehen, wirkt in ihrer dick aufgetragenen Naivität geradezu ärgerlich.

Dabei kann Alain de Botton auch ganz anders. Zwischendurch blitzen in seiner kleinen Nachrichtenfibel Gedanken auf, die brillant und überraschend sind. Wenn er zum Beispiel über die Verwirrung nachdenkt, die das unablässige Stakkato der Nachrichten im Leser-Hörer-User-Hirn erzeugen muss und zu dem Schluss kommt, dass zu viel planlose Information das Publikum weitaus nachhaltiger vom kritischen Denke ablenke als jede Zensur. Einem «zeitgenössischen Diktator» rät de Botton mit prickelnder Ironie, Nachrichten nicht etwa zu beschränken oder zu verbieten, sondern sie in einem erschlagenden Übermass anzubieten. Durchaus interessant und diskutierenswert sind auch die Fragen, die de Botton aufwirft. Zum Beispiel wie Nachrichten ausgewählt werden. Oder warum bei einem Online-Nachrichtendienst die Meldung zu einer Geburt im britischen Königshaus häufiger angeklickt wird, als die über die Veruntreuung von Geldern in Uganda.

Die Antworten, die der in London lebende Schweizer in seinem Brevier bietet, fallen jedoch enttäuschend aus. Die politischen Nachrichten interessierten viele Leser nicht, weil sie zu trocken dargeboten würden, ist der Autor überzeugt. Wie soll man sich über politische Skandale und Wirtschaftskrisen in Weltgegenden interessieren von denen man sonst nichts weiss, fragt er. Und er fordert die Medien auf, mehr darüber zu erzählen, wie das normale Alltagsleben in Afghanistan oder Uganda funktioniert.

De Botton schwingt sich zum Anwalt der Leser auf. Er fordert mehr Hintergrund, mehr Lokalkolorit in den Zeitungsberichten. Jeder Schriftsteller wisse, so schreibt der Schriftsteller de Botton, «dass kein Ereignis, so schockierend es auch sein mag, die Anteilnahme des Lesers garantiert». Man müsse hart dafür arbeiten, den Leser an seinem Stoff zu interessieren. Dazu gehöre es, trockene Geschichten saftig auszumalen.

 

Delikatessen aus der Ferne

Grundsätzlich möchte man de Botton durchaus Recht geben. Ja, im eiligen Geschäft mit News geht es oft mehr um prägnante Schlagzeilen als um detaillierte Hintergrundinformationen über fremde Länder, politische Prozesse, wirtschaftliche Probleme.

Doch oft vergaloppiert er sich und man möchte ihm mit einem «Ja, aber....» entgegentreten. Wenn er beklagt, dass Journalisten beigebracht werde, sich auf Fakten zu konzentrieren und sich mit Meinungen und Stimmungsbildern zurückzuhalten. Oder wenn er den Presseschaffenden die Grossen der Literatur als Beispiele vor Augen führt.

Möglicherweise liest Alain de Botton lieber Romane als Zeitungen. Das ist legitim. Vielleicht glaubt er auch nicht an die Objektivität des Nachrichtenjournalismus. Warum sollte er auch? Dass auch nüchterne Faktendarstellungen weltanschaulich gefärbt sein können, ist längst eine Binsenweisheit. Doch wirft de Botton die oft diskutierte Frage der Objektivität nur kurz auf, um sie dann links liegen zu lassen.

Was also meint Alain de Botton eigentlich, wenn er mehr erzählerisches Fleisch am Nachrichtenknochen fordert? Erhellend ist eine Episode, in der er von einer Reise nach Uganda berichtet. Er möchte herausfinden, warum Nachrichten aus diesem ostafrikanischen Staat ihn so wenig interessieren.

Während der Reise sinniert er darüber, wie fad die Nachrichten aus fernen Ländern geworden sind. Welch rare Delikatesse waren Berichte aus der Ferne, bevor Flugverkehr und Telegrafen die weite Welt zum News-Dorf gemacht haben! Ein Scheibchen Wahrheit ist dran. Doch welcher Schluss lässt sich daraus ziehen? Dass früher alles besser war? Als Analyse der Medienwelt ist das ein wenig dürr.

 

Info: Alain de Botton, «Die Nachrichten. Eine Gebrauchsanweisung», Fischer-Verlag 2015, 253 Seiten, zirka 18 Franken.

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