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Ausstellung

Schwer und leicht in der Schwebe

Das Neue Museum Biel widmet der bildenden Künstlerin und Malerin Erica Pedretti, die jahrelang in La Neuveville gelebt hat, eine umfassende Retrospektive. Eine eindrückliche Schau mit überraschenden Entdeckungen.

Gips, Draht und Federn bilden die Basismaterialien dieses schwebenden Wesens zvg

Annelise Alder


«Ist das nötig», soll Erica Pedretti gefragt haben, als das Neue Museum Biel NMB mit dem Wunsch an die Künstlerin herantrat, ihr bildnerisches Oeuvre in einer grossen Einzelausstellung zu präsentieren. «Für meine Mutter ist die Arbeit das Wesentliche. Was danach kommt, interessiert sie eigentlich nicht». Das sagt Martigna Pedretti, die Tochter der Künstlerin, anlässlich des Medienrundgangs durch die neue Ausstellung des Neuen Museum Biel.


Erste grosse Retrospektive
Zum Glück hat die mittlerweile 89-jährige Künstlerin in die Ausstellung eingewilligt und wählte das NMB für die Schau das Haus Schwab. In den hellen und hohen Räumlichkeiten kommen die teils sehr grossen Exponate Erica Pedrettis hervorragend zur Geltung. Einen Höhepunkt der Ausstellung bildet der Doppelflügel, der normalerweise über dem Altar der Stadtkirche hängt und nun in der Kuppel des Hauses über den Köpfen der Besucherinnen und Besucher schwebt.
Die erste grosse Retrospektive des bildnerischen Werks der Schweizer Objektkünstlerin und Malerin ist dank dem Zusammenwirken dreier Frauen zustande gekommen. Das sind Martigna, die Tochter Erica Pedrettis, die seit jeher die Mutter in künstlerischen Belangen unterstützt hat. Sie stand Bernadette Walter, der Leiterin des Neuen Museum Biel bei der Einrichtung der Ausstellung zur Seite.
Den Ausschlag für die Schau gab die grosse Monografie zum künstlerischen Schaffen Erica Pedrettis, die vor zwei Jahren erschienen ist. Die Herausgeberin Dolores Denaro zeichnet denn auch als Co-Kuratorin der Ausstellung verantwortlich.


Zwischen Fisch und Vogel
Die Exponate folgen einer klassisch chronologischen Reihenfolge und reichen von frühen Silberschmiedearbeiten, über filigrane Zeichnungen, kräftigen Linolschnitten bis zu meterhohen Objekten aus Stahl, Textil oder Holz. Dabei erstaunt die Vielfalt an Materialien. Doch lässt sie sich auch mit der Biografie der Künstlerin erklären. Die in der damaligen Tschechoslowakei geborene Erica Pedretti kam als Jugendliche zusammen mit ihren Geschwistern, aber ohne Eltern in einem Transportzug des Roten Kreuzes in die Schweiz. Nach der Schule besuchte sie die Kunstgewerbeschule in Zürich und liess sich zur Silberschmiedin ausbilden.
Silberschmiedearbeiten stehen deshalb zu Beginn ihrer künstlerischen Karriere. Es folgten Objekte wie Teller und Krüge in Zinn, die sich gut verkaufen liessen. Schliesslich galt es eine 7-köpfige Familie zu ernähren.
Bereits in den frühen Silberschmiedearbeiten ist ein wichtiges Lebensthema der Künstlerin zu erkennen. Die Wesen zwischen Vogel und Fisch lassen sich nicht richtig verorten. «Meine Mutter war nirgendwo verwurzelt», sagt Martigna Pedretti. Der Verlust der Heimat, Entfremdung, Identität. Diese Themen durchziehen das gesamte Schaffen der Künstlerin und äussern sich in filigranen Arbeiten, die auseinanderzufallen drohen, zerbrechlichen Objekten oder solche, deren Gleichgewicht höchst labil wirkt, im Flügelmotiv, das in unzähligen Objekten und Zeichnungen verarbeitet wird. Trotz der Schwere der verwendeten Materialien wirken die Arbeiten immer leicht und durchlässig.


Entweder Sprache oder Bild
Erica Pedretti, die vor 4 Jahren von La Neuveville nach Celerina gezogen ist, sieht sich primär als bildende Künstlerin. Berühmt wurde sie indes als Schriftstellerin. Auch dieser Seite der Künstlerin widmet die Ausstellung ein paar Räume. «Es war mir extrem wichtig aufzuzeigen, wo es Überschneidungen zwischen den beiden Disziplinen gibt», sagt Bernadette Walter, die Leiterin des NMB. Am offensichtlichsten zeigen sie sich in den Arbeiten auf Zeitungspapier. Erica Pedretti übermalte ganze Seiten mit Kalklasur und schrieb darüber eigene Texte. Der durch die Lasur durchschimmernde, les- oder zumindest erkennbare Zeitungsausschnitt steht nicht selten in einem durchaus provozierenden Widerspruch zu den teils tagebuchartigen Notizen.
Doch solche genreübergreifenden Arbeiten bilden die Ausnahme im Schaffen der Künstlerin. Wenn Erica Pedretti etwas nicht in Sprache fassen konnte, dann setzte sie es bildnerisch um, sagt auch Martigna. Aber sie liefert keine Interpretationen zu ihrer Kunst. Die meisten Exponate heissen schlicht «liegendes» oder «hängendes» Objekt. Viele Arbeiten sind «ohne Titel». Das ist bezeichnend für Erika Pedretti, die nicht gerne über Arbeiten spricht. Sie sagte einmal: «Ich finde, die Betrachter sollen die Werke anschauen und sich ihre Gedanken dazu machen».
So bleibt es also den Besucherinnen und Besuchern überlassen, den ebenso ausdrucksstarken wie zerbrechlich wirkenden Objekten und transparenten Zeichnungen eine Bedeutung abzuringen oder sie einfach auf sich einwirken zu lassen.
Zum Schluss wartet die Ausstellung mit zwei besonderen Exponaten auf: Beim Auflösen von Erica Pedrettis Atelier vor wenigen Wochen in La Neuveville kamen hinter einem grossformatigen Wandgemälde weitere Gemälde zum Vorschein. Dies zur Überraschung selbst der Künstlerin, wie die Tochter Martigna erzählt. Auch sie sind ohne Titel. Doch die bunten Farben scheinen ein letztes Mal den von Erica Pedretti so geliebten Garten in La Neuveville  aufblühen zu lassen.

Erica Pedretti - NMB
16.3.–16.6.2019 Neues Museum Biel
Rahmenprogramm (Auszug)
24.3. 13-16 Uhr: Workshop für alle: Hängeobjekte gestalten aus Draht, Papier und anderen leichten Materialien, 15 Uhr: Führung
3.4., 12.15 Uhr: Stattsehen (30 Minuten in der Ausstellung, anschliessend Imbiss)
11.4., 18 Uhr: Führung durch die Ausstellung mit Martigna Pedretti
16.5., 18 Uhr: After Work: Kunst und Bier (Lesung von Texten Erica Pedrettis in der Ausstellung)
5.6., 12.15 Uhr: Sattsehen
16.6., 15.30-17 Uhr: Last Minute: Führung durch die Ausstellung, anschliessend kleiner Apéro
Link: www.nmbienne.ch  aa

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