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Gastbeitrag

Taksi, Kahvesi und Sosisli - vom Gleichen und Anderen am Bosporus

Die Bieler Autorin Regina Dürig ist mit dem Bieler Musiker Christian Müller Artist in Residence in Istanbul. In loser Folge hält sie ihre Eindrücke und Erlebnisse für die Leserinnen und Leser des BT fest. Im ersten Teil geht es um Würstchen und Verkehrsprobleme.

Türkische Würstchenbude im Hafen von Kadiköy, ein Hotdog mit Limonade und Ayran kostet umgerechnet 1.50 Franken. Bild: zvg

von Regina Dürig

Der Taksifahrer am Flughafen gestikuliert, dass es zwei Stunden dauern würde, um auf den asiatischen Teil zu gelangen. Er sagt: «Traffic Problem. Feribot.» Wir nicken und sind froh, dass er uns nicht übers Ohr haut, was er dann natürlich doch noch tut, weil er die entlegenste Fährstation ansteuert. Wir nicken und sind froh.

An der Fährstation essen wir jeder einen Maiskolben mit Salz und sehen das Meer, das die Kontinente verbindet. Denjenigen, die mehr nach Touristen aussehen als wir, verkaufen Händler Selfie-Sticks. Der Mais schmeckt fester als dort, wo wir herkommen.

Auf dem Feribot sitzen wir drinnen, gegenüber von uns sitzen ein Mann und eine Frau, sie sehen türkisch aus und streiten sich in perfektem, leise gehaltenem Deutsch. Er sagt: «Du musst wissen was du tust. Du hast immer gewusst, was du willst, das ist deine Verantwortung.» Kurz vor der Ankunft in Kadiköy fängt sie an zu weinen, er legt einen Arm um sie und klopft kurz auf ihren Rücken, dann geht sie nach draussen. Ihr Portemonnaie lässt sie neben ihm auf der Bank liegen.

Es dauert, bis wir es schaffen, ein Taksi anzuhalten. Wir zeigen dem Fahrer den Zettel mit der Adresse in Moda. «Traffic problem», sagt er und fährt weiter. Ein Junge kommt und möchte uns helfen, aber er kann kein Englisch. Er will unseren Zettel, aber wir lassen ihn nicht los. Ohne unseren Zettel sind wir vollends stumm.

Wir ziehen unsere Koffer durch Moda, an einer kleinen Demonstration vorbei. Die Polizisten stehen Modell für Fotos mit Passanten vor dem Wasserwerfer und probieren Formationen mit ihren Schilden aus. Später sagt uns jemand: «The neighbourhood is not safety now.» Wir behalten unsere Gedanken für uns. Erst zwei Tage später werden die Proteste heftiger sein, aber auf der anderen Seite der Stadt. Davon werden wir in der Zeitung lesen. Wir werden beim Frühstück einen eilig am Kopf verbundenen Mann sehen, dessen Kleider blutig sind. Wir werden einen Zusammenhang nur vermuten können, unfähig zu verstehen, was diejenigen reden, die den Mann umstehen.

Das Viertel ist gut sortiert. Es gibt die Barstrasse, die Tattoo-und-Rockmusik-Strasse, es gibt die Restaurantstrasse, es gibt die Marktstrasse und die Kaffeestrasse. Nur die wilden Katzen sind überall.

Wir sitzen in der Kaffeestrasse und trinken Türk Kahvesi. Mit einer bestimmten Geste streckt uns der Mann am Nebentischlein sein Handy hin und deutet, dass wir sprechen sollen mit demjenigen am anderen Ende. Die Verbindung ist unglaublich leise. Wir verstehen nur, dass die Stimme Deutsch kann. Wir verstehen nicht, was sie uns sagen soll oder will. Nach einigem Hin und Her geben wir dem Mann das Telefon zurück. Als wir später aufstehen, legt er seine Hand an die Brust und neigt den Kopf Richtung Herz.

Auf der Speisekarte verstehen wir nichts ausser Sosisli (Hotdog) und Salatalar. Wir zeigen auf zwei zufällig ausgewählte Stellen und lächeln. Als der Kellner unsere Teller hinstellt, frage ich ihn, was «Thank you» auf Türkisch heisst. «English», antwortet er und lächelt.

 

 

Das Projekt


Regina Dürig, Bieler Autorin, ist gemeinsam mit dem Bieler Musiker Christian Müller Artist in Residence im Halka Art Project in Moda auf der asiatischen Seite Istanbuls.
• Für die Leserinnen und Leser des «Bieler Tagblatts» schreibt sie über ihre Eindrücke und Erlebnisse. Im September geben Dürig und Müller Einblicke in die in Istanbul entstandenen Arbeiten – sie kochen an acht Abenden für jeweils zehn Gäste, die an der grossen Tafel auf der Festi/Ligerz Platz nehmen. Bei den Soirées Festi gibt es von Istanbul inspirierte Geschichten, Klänge und Mezze sowie Gespräche hoch über dem Bielersee. sit

Link: Details und Anmeldung unter: www.butterland.ch/soireesfesti

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