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Kunst

Unheilvolle Zeichen

Die Ausstellung «Uwe Wittwer – Die schwarzen Sonnen» im Kunsthaus Grenchen zeigt Gemälde, Inkjets und Aquarelle. Sie setzen das Kopfkino in Gang, ohne explizit Geschichten erzählen zu wollen.

Der Wald steht Kopf: «Menetekel» (2016). Bild: zvg/Uwe Wittwer

Helen Lagger

Der Wald steht schwarz und schweiget, heisst es in einem deutschen Schlaflied. In Uwe Wittwers Gemälde «Menetekel» (2016) steht der Wald – oder zumindest zwei Tannen – Kopf.

Verfremdungstechniken sind typisch für den 1954 in Zürich geborenen Künstler, bei dem Motive häufig in ihr Negativ verkehrt werden. Protagonist des rottonigen Gemäldes, das wirkt, als würde es glühen, ist das ikonische Schloss Neuschwanstein, das im 19. Jahrhundert von «Märchenkönig» Ludwig II im mittelalterlichen Stil gebaut wurde und später in Walt Disneys Filmen «Cinderella» und «Dornröschen» auftauchte. Die Nazis bunkerten hier einst Kunstschätze, die sie aus ganz Europa zusammengestohlen hatten. Hitler wollte das Schloss später lieber sprengen, als das Depot dem Feind überlassen. Doch so weit kam es nicht. Der Bilderschatz konnte von den Alliierten unversehrt geborgen werden.

Krieg geistert durch Bilder
Der Zweite Weltkrieg geistert durch viele Bilder von Uwe Wittwer, dessen Vater während des Krieges in Berlin lebte und erst kurz vor Kriegsende in die Schweiz flüchten konnte. Der Bildtitel «Menetekel» bedeutet «unheilverkündendes Zeichen». Der Begriff stammt aus einer alttestamentarischen Geschichte, in der es um die Macht der Worte geht.

Wort und Bild sind wichtige Komponenten im Werk des figurativ malenden Künstlers, der im Kunsthaus Grenchen mit «Uwe Wittwer – Die schwarzen Sonnen» Bilder und Werkserien aus den letzten zehn Jahren präsentiert. Einige Arbeiten des international bekannten Künstlers sind nun erstmals in der Schweiz zu sehen, nachdem sie in England und Deutschland ausgestellt worden waren. Parallel zur Ausstellung erscheint eine Publikation mit Texten zum Werk oder zu einzelnen Bildern Wittwers. So hat sich etwa die österreichische Schriftstellerin Anna Kim vom Gemälde «Wintertag» (2008) zu einer Erzählung inspirieren lassen, während das Vorwort von Kunsthaus-Leiterin Claudine Metzger stammt.

Schwarze Sonnen
Die schwarzen Sonnen ziehen sich als Leitmotiv durch die faszinierende Schau. Es sind dunkle Flecken, die als Bildstörungen wirken. Statt Licht zu spenden, schlucken sie es. Beim grossformatigen Aquarell «Ruine» (2013) handelt es sich um die Aneignung eines Fotos aus Familienbesitz.

Von dem zerbombten Haus steht nur noch die Fassade. Die vier Hauseingänge wurden mit Nummern versehen. Warum das so ist, bleibt offen. Ob die hier angebrachten «schwarzen Sonnen» Einschusslöcher oder vom Künstler dazu erfunden wurden, ebenfalls.

Der Kritiker und Schriftsteller Brian Dillon charakterisierte Wittwers Kunst als eine Malerei zwischen «historischem Horror und reiner Bildfindung, zwischen Traumbildern und harten Fakten». Das Dargestellte ist zu rätselhaft, um eine eigentliche Geschichte zu erzählen. Das Kopfkino kommt aber beim Betrachten sehr wohl in Gang.

Schreiendes Rot
Das Aquarell «1939» (2009) basiert auf einer Klasse von deutschen Schulkindern. Die auf schreiendem Rot negativ gemalten Kinder haben dunkle Körper und Gesichter – sie sind Schatten ihrer selbst und nehmen den kommenden Schrecken vorweg. Desselben Kniffs bedient sich Wittwer in der Serie «Porträt negativ» (2008). Die grossformatigen Aquarelle basieren auf Fotos aus dem Internet und zeigen Frauen und Mädchen, die während des Kriegs aus Ostpreussen vertrieben wurden. Geisterhaft wirken die dunklen Gesichter aus denen die Augen grell hervorleuchten. An den folkloristisch anmutenden Kleidern und Frisuren kann man erkennen, dass es sich um historische Bilder handelt.

Was bleibt von einem Bild, wenn es in ein anderes Medium übertragen oder in einer anderen Epoche betrachtet wird? Eine Frage, der Wittwer auch in seinen Aneignungen von Film-Stills oder von Meisterwerken aus der Kunstgeschichte nachgeht. Die dreiteiligen Injektprints «Schlacht nach Uccello negativ» (2009) zitieren ein Renaissancegemälde. Indem Wittwer das Gemälde, in dem die siegenden florentinischen Soldaten heroisch und in Zeremonien-Ausrüstung dargestellt sind, negativ malt und auf schwarzweisse Kontraste reduziert, kommt die Gewalt des Gemetzels stärker zum Tragen. Das einstige Propagandabild wird als solches entlarvt.

Erst seit einigen Jahren bedient sich Wittwer auch aus den eigenen Familienalben und Erinnerungen. Beim grossformatigen Aquarell «Der Brief» (2013) hat der Künstler ein Schreiben einer Grosstante in Malerei übertragen. Lesen kann man die spiegelverkehrte Schrift nicht. Auch hier gibt es «schwarze Sonnen», die wirken, als hätte jemand mit Tinte gekleckert.

Info: Ausstellung bis 26. Mai im Kunsthaus Grenchen.

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