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Berner Jura

Raser werden nicht geduldet

Auf den Pisten von Nods, Les Prés-d’Orvin und Bugnenets-Savagnières lernen viele Kinder aus dem Seeland das Skifahren. Sind diese Familienskigebiete sicher? Die Betreiber greifen bei Fehlverhalten durch, Unfälle lassen sich aber nicht gänzlich verhindern.

Kinder vergessen sich leicht und sausen oft ungebremst über die Pisten. Bild: Matthias Käser/ a

Lotti Teuscher

Ein Moment der Unachtsamkeit, womöglich bei hoher Geschwindigkeit. Ein Mann fährt im Januar auf einer Piste in der Lenk in ein kleines Mädchen. Das vierjährige Kind aus Aarberg stirbt später im Spital (es stand im BT). Nach dem tragischen Unfall stellt sich die Frage: Wie sicher sind die Skigebiete in der Region, zumal sie alle als Familienskigebiete gelten?

Auf der kurzen Piste in Nods haben hunderte Seeländerinnen und Seeländer ihre ersten Stemmbögen geübt. Später sind sie mit ihren Kindern oder Enkeln zurückgekommen, um ihnen das Skifahren beizubringen. Martin Grünig, seit der Saison 1992/93 Besitzer des kleinen Skilifts, legt grossen Wert auf Sicherheit. Allerdings ist er sich bewusst, dass Skifahren zu Unfällen führen kann: «Nur wenn jeder Skifahrer immer aufmerksam, umsichtig und allen Regeln entsprechend fahren würde, könnten fast alle Unfälle vermieden werden.»

So wie die Skilifte Bugnenets-Savagnières und Les Prés-d’Orvin ist auch jener in Nods dem Verband der Seilbahnen Schweiz angeschlossen. Diese Skigebiete werden alle drei Jahre auf ihre Sicherheit überprüft. Kontrolliert wird, ob die Pisten korrekt markiert sind; zum Beispiel, ob an den richtigen Orten Slow- oder Kreuzungsschilder auf potenzielle Gefahren hinweisen. Überprüft werden weiter die Organisation des Pistendiensts, die Ausbildung der Rettungshelfer und das Rettungsmaterial.

Rasende Dreikäsehochs
Obwohl auf seiner Skipiste alles korrekt signalisiert ist, muss Grünig regelmässig eingreifen, um die Nutzer seiner Piste auf unverantwortliches Verhalten hinzuweisen.

Ein Problem sind etwa Kinder, die sich vom Lift mit ihrem Bob hochziehen lassen. Manchmal sausen sie, ohne zu bremsen und Kurven zu fahren, die ganze Länge der Piste hinunter und gewinnen dabei eine beachtliche Geschwindigkeit – die Dreikäsehochs werden so schnell, dass sie selbst einen Erwachsenen zum Stürzen bringen könnten. Dann spricht der Skiliftbesitzer nicht allein mit den Kindern ein ernstes Wort, sondern erinnert auch die erwachsenen Begleiter an ihre Aufsichtspflicht.

Ab und zu ermahnen muss Grünig auch Tourenskifahrer, die durch die Waldschneise vom Chasseral hinunterkurven, denn das letzte Stück der Abfahrt führt über die Piste des kleinen Skilifts: «Ich ermahne sie, auf der Skipiste ihre Geschwindigkeit anzupassen.» Carving-Skis, die einfach zu fahren sind und enge Radien zulassen, würden dazu verleiten, schnell zu fahren, sagt Grünig.

Problem Carving-Skis
Eine Beobachtung, die auch Martial Gasser macht, Betriebsleiter des Skigebiets Bugnenets-Savagnières: «Manche Skifahrer realisieren nicht, dass sie dank der einfachen Führung der Carving-Skis schneller unterwegs sind, als sie denken.»

Zum hohen Tempo verleiten auch die gut präparierten Pisten ohne einen einzigen Buckel; oder wie Gasser sagt: «Unsere Pisten sind wahre Boulevards.» Dennoch sagt Gasser, dass das Familienskigebiet auch für Anfänger sicher sei. Denn neben blauen, roten und schwarzen Pisten gibt es mehrere Kinderskilifte, die Mädchen und Buben ein gefahrloses Üben ermöglichen. Das breite Angebot für Anfänger biete das Skigebiet aus gutem Grund, so Gasser: «Kinder, die bei uns das Skifahren lernen, sind die Eltern von morgen, die wiederum ihre eigenen Kinder auf unseren Pisten in diese Sportart einführen.»

Kaum Betrunkene unterwegs
Zurück zur Sicherheit im grössten Skigebiet des Schweizer Juras mit 30 Kilometer Pisten: Wie oft müssen im Familienskigebiet Raser ermahnt werden? In Bugnenets-Savagières sind Pistenpatrouilleure unterwegs. Laut Gasser kommt es «sehr selten» vor, dass Skifahrer wegen überhöhter Geschwindigkeit ermahnt werden müssen.

Noch seltener sind Betrunkene auf den Pisten unterwegs. Gasser erinnert sich an einen einzigen Fall vor zehn Jahren: Ein Mann war so betrunken, dass er mittels eines Rettungsschlittens von der Piste geholt werden musste. Die Infrastruktur im Skigebiet im Berner Jura verleite kaum zum Trinken, sagt der Betriebsleiter.

Am oberen Ende der Pisten gibt es keine Bars wie in den Alpen; wer kalte Füsse hat, kehrt in einem Restaurant am Fuss des Hanges ein.

«Casse-cou» ermahnen
Der Skilift von Les Prés-d‘Orvin betreibt zwar eine Buvette auf dem Spitzberg. Allerdings wird dort kein Alkohol ausgeschenkt. Entsprechend selten müssen dort Betrunkene von der Piste geholt werden; allerdings mit einem Vorhalt: «Zu erkennen, ob jemand zu viel getrunken hat, ist nicht immer einfach», sagt Betriebsleiter Jean-Marc Auroi. Wer hingegen betrunken von einem Patrouilleur erwischt wird, wird von der Piste verwiesen.

Auch in Les Prés-d‘Orvin befindet sich ein typisches Familienskigebiet mit Kinderliften. Raser auf diesen Pisten seien selten, betont Auroi. Werde ein «Casse-cou» ertappt, werde er gebeten, korrekt zu fahren.

Sorgen bereiten Auroi weniger halsbrecherische Abfahrten, sondern Leute, die mit unerlaubten Geräten auf der Piste unterwegs sind. So wie diese Woche, als eine Gruppe Schlittler über die Piste sauste: Die Schlittenfahrer wurden subito von der Piste verwiesen, da sie die Skifahrer gefährdeten.

Vermisster Boarder
Eine Rettungsaktion hat vor wenigen Tagen ein Snowboarder ausgelöst, der zum Nachtskifahren auf den beleuchteten Pisten unterwegs war – bis er die Piste verliess, und zwar ohne Stirnlampe. Als die Mitarbeiter um 22 Uhr den Betrieb schliessen wollten, traf die Meldung ein, dass ein Snowboarder vermisst werde. Eine geschlagene Stunde lang suchten fast 40 Mitarbeiter des Skilifts nach dem Mann, bis sie ihn im finsteren Wald fanden.

Gefährliche Pistenraupen
Die grösste Sorge der Mitarbeiter des Skigebiets Bugnenets-Savagnières betrifft nicht die Alpinskifahrer, sondern paradoxerweise die Skitourengänger – wenn diese nachts die Skipisten für das letzte Stück Abfahrt nutzen. Dann sind auch die Pistenraupen unterwegs; riesige Fahrzeuge, die in Kabel eingeklinkt werden, um sie daran hochzuziehen: Sobald Zug auf die Stahlkabel kommt, schnellen diese innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde in die Höhe.

Würde ein Skitourenfahrer von einem Kabel getroffen, würde dies zu schweren, möglicherweise tödlichen Verletzungen führen.

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Unfallträchtiger Sport
- 2018 waren rund 2,5 Millionen Schweizer auf Skis unterwegs.
- Pro Jahr werden im Schnitt 
47 000 Schneeunfälle verzeichnet; am häufigsten betroffen: Skifahrer und Snowboarder.
- In den letzten 15 Jahren sind die Kosten um 70 Prozent auf 379 Millionen Franken gestiegen.
- Ein Skiunfall kostet im Schnitt 7700 Franken. Skifahrer verletzen sich am häufigsten am Knie oder am Unterschenkel.
- Ein Snowboardunfall kostet im Schnitt 4100 Franken. Boarder verletzen sich meist am Unterarm oder Handgelenk.
- Prävention: Mit einer gut gewarteten Ausrüstung, einem Fahrverhalten, das an die Piste, die Kondition und das eigene Können angepasst ist, liessen sich viele Unfälle vermeiden.
- Das grösste Handlungspotenzial bezüglich Prävention besteht bei der Fitness: Viele Schneesportler sind laut Suva nicht fit genug. LT

Quelle: Suva

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Tödliche Unfälle sind selten
- Zwischen 2000 und 2017 ereigneten sich auf Schweizer Skipisten sechs tödliche Unfälle von Kindern unter zehn Jahren.
- In einem dieser sechs Fälle starb ein Kind aufgrund einer Kollision mit einer anderen Person. Bei den anderen Fällen war der Grund für den tödlichen Unfall je einmal ein Sturz auf den Kopf, ein Sturz beim Abbügeln, ein Sturz aus der Höhe, eine Kollision mit einem Pistenfahrzeug und eine Lawine.
- Verletztentransporte von Kindern unter zehn Jahren machen über die Jahre hinweg zwischen 5 und 8 Prozent aller Verletztentransporte aus (bezogen auf die Unfälle auf der Piste, exklusive Snowparks oder beim Schlitteln). Die Zahlen sind stabil; ein Trend lässt sich nicht erkennen.
- Kollisionen auf der Piste zwischen Personen sind relativ selten: Sie machten 2017/18 lediglich 7 Prozent aller Ski- und Snowboardunfällen aus. Bei Kindern unter zehn Jahren lag dieser Wert während der letzten Saison bei 6 Prozent.
- Der häufigste Unfallhergang ist ein Selbstunfall ohne Sprung (87 Prozent aller Fälle; respektive 85 Prozent bei Kindern unter zehn Jahren). LT

Quelle: BFU

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