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Elektrizität

Zeugen aus den Anfängen der Elektrizität

In der ganzen Schweiz stehen heute zahlreiche alte Trafotürmchen. Auch im Seeland. Teils sind sie noch in Betrieb, teils stehen sie leer oder dienen einem ganz anderen Zweck.

Malerisch: Die ehemalige Trafostation am Aarberger Stadtplatz erinnert den Betrachter an eine kleine Kapelle. . ZVG

von Brigitte Jeckelmann
Trafotürmchen oder Turmtrafos stammen aus der Zeit, als die Menschen anfingen, Strom zu nutzen. Dafür brauchte es Transformatorenstationen, kurz Trafos genannt. Das war vor rund 125 Jahren. Damals floss Hochspannungsstrom via Masten in die Trafos. Deshalb baute man diese als kleine Türme. Heute sind sie überflüssig geworden, weil die Stromleitungen grösstenteils unterirdisch verlaufen.
Ihre Aufgabe, die Transformation von Hoch- zu Niederspannungsstrom für die Haushalte, ist  dieselbe geblieben. Doch im Gegensatz zu früher, als man Trafotürme vielfältig und interessant baute, fallen die heutigen, modernen Transformatoren kaum mehr auf. Aus den vielgestaltigen Türmchen sind unscheinbare, graue Kasten geworden.


Clublokal, Gartenhaus, Café
Die Zeitzeugen aus den Anfängen der Elektrizität haben heute zahlreiche Liebhaber. In der Schweiz betreibt eine Gruppe davon die Website «swisstrafos.ch». Weshalb die Trafostationen aus früheren Zeiten derart vielgestaltig sind, ist dort wie folgt erklärt: «Damit eine Trafostation ins Ortsbild passte, wurden auch auf Druck der Heimatschutzvereine Elemente wie verschiedene Dachformen, spezielle Anstriche und detailreiche Zierelemente bei der Planung und Ausführung berücksichtigt.» Schätzungen zufolge sollen heute schweizweit noch rund 2000 Trafotürmchen stehen. Auf «swisstrafos.ch» sind sie nach Ortsnamen übersichtlich und mit Bild aufgelistet. Sie sehen so unterschiedlich aus, wie die Menschen sie nutzen : Manche dienen als Clublokal, Gartenhäuschen oder sind, ausgerüstet mit modernen Gerätschaften, noch immer einfach nur Transformatoren.
Der Fantasie sind allerdings keine Grenzen gesetzt. Das ist sowohl auf «swisstrafos.ch» zu sehen als auch im Buch «Trafoturm - Turmtrafos» der Schwyzer Industriearchäologin Yvonne Scheiwiller (siehe Infobox linke Seite). Das Buch enthält viele Bilder von Trafos, die die Autorin detailliert beschreibt: Ein Trafo an der Vicolo Cappuccini in Locarno zum Beispiel ist zu einem romantischen Café geworden. Im aargauischen Möhlin baute ein Werbefachmann einen Trafo mit einem Anbau sogar zu einem Einfamilienhaus um und in Zürich am Bucheggplatz beherbergt eines dieser alten Türmchen heute die Bierbrauerei «Hirnibräu».
Auch im Seeland stehen noch viele dieser alten Trafos. Sie gehören entweder den Gemeinden, lokalen oder regionalen Energieversorgern oder der BKW (früher Bernische Kraftwerke). Teils sind sie noch in Betrieb, teils stehen sie leer oder dienen einem ganz anderen Zweck. Wie zum Beispiel in Ligerz. Im Trafoturm aus dem Jahr 1910 an der westlichen Dorfstrasse ist eine öffentliche Toilette installiert. Kathrin Botteron von der Gemeindeverwaltung sagt, man habe die WC-Anlage vor einem Jahr erneuert und das Türmchen frisch gestrichen. Das WC sei sehr praktisch für die Touristen. Zudem würde der Werkhof den ehemaligen Trafo auch als Lager für allerlei Materialien nutzen.


«Putzbau im Heimatstil»
Schwadernau trägt dem Trafoturm an der Schulstrasse Sorge: Gemeindepräsident Hansrudolf Mühlheim sagt, der Trafo mit Baujahr 1913, als Zeitzeuge der Elektrifizierung, verdiene es, dass man ihn unterhalte. Obwohl das Türmchen derzeit keinem Zweck dient, hat ihm die Gemeinde kürzlich einen neuen Anstrich verpasst. Mühlheim sagt, er wolle das Trafotürmli bei nächster Gelegenheit im Gemeinderat zum Thema machen. «Vielleicht hat jemand eine gute Idee, wie man es nutzen könnte.»
Am Aareweg in Büren steht ein schmucker Trafoturm aus dem Jahr 1910. Er ist im Besitz der Energieversorgung Büren AG und ist gemäss Rolf Kuster, dem stellvertretenden Geschäftsführer, noch in Betrieb. Erstaunlicherweise verlaufen die Drähte oberirdisch. Rolf Kuster sagt, das Trafohäuschen versorge nur etwa ein Dutzend Bauernhäuser im Ortsteil Reiben mit Niederspannungsstrom. Bei geringen Strommengen brauche es nicht zwingend erdverlegte Leitungen.
Auch der Trafo am Buchsberg in Pieterlen funktioniert noch. Er stammt aus dem Jahr 1925. Zuständig ist die Gemeinde. Bauverwalter Ueli Hofer ist richtig stolz auf das Türmchen, das im kantonalen Bauinventar als «erhaltenswert» aufgeführt ist und wie folgt beschrieben wird: Es sei ein «turmartiger, dem Heimatstil verpflichteter Putzbau». Der «originelle Dachaufsatz» besteht aus vier Blümchen und einer Windfahne. Das Türmchen präge mit seiner Erscheinung die südliche Ansicht des Dorfkerns.
Am Ende der Aarberger Altstadt thront ein besonders schönes Trafohäuschen, das den Betrachter an eine kleine Kapelle denken lässt. Wie Bauverwalter Marc Lehmann sagt, ist es an den lokalen Tambourenverein vermietet und dient als Vereinstreffpunkt und Übungslokal. Lehmann sagt, es sei darin «urgemütlich». Der kantonale Denkmalschutz stuft es im Bauinventar als schützenswert ein.


Für Vögel und Fledermäuse
Nicht nur Gemeinden und kleinere regionale Energieversorger im Seeland halten ihre Trafotürmchen in Schuss. Auch die BKW, die Betreiberin des grössten Verteilnetzes in der Schweiz , unterhält zahlreiche davon. Olivier Périat, der bei der BKW für die Trafostationen zuständig ist, schätzt, dass «heute rund 150 davon im Einsatz sind». Man rüste diese mit modernen Schaltanlagen aus. Ob die BKW ein altes Trafotürmchen saniert oder abreisst, hänge vom Standort ab, sagt Périat. Entscheidet man sich für die Sanierung – wie etwa in Tschugg (Baujahr 1930) und Gals (1900), will auch die Denkmalpflege mitreden.
Für leer stehende Trafos gibt es neuerdings anscheinend eine Nachfrage, wie Périat sagt. Obwohl man die Türmchen nicht ausschreibe, kämen immer wieder Anfragen von ornithologischen Vereinen oder Naturschützern. Diese möchten die Trafos als Unterkunft für Vögel oder Fledermäuse nutzen. Die BKW überlasse ihnen die Türmchen dann zu einem symbolischen Preis.

Stichwörter: Trafo, Elektrizität, Strom

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