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Detailhandel

Den Discountern sollen die Kunden folgen

Im Sommer wird Lidl die erste Filiale in der Bieler Innenstadt einrichten. Nach den beiden Aldi-Geschäften ist dies schon der dritte Laden der deutschen Discounter im Zentrum. Das werte die Stadt auf, findet der Delegierte für Wirtschaft.

In Lyss hat sich Lidl gleich vis-à-vis des Bahnhofs einquartiert. Bild: Peter Samuel Jaggi

Manuela Schnyder

So sieht es bald in einer Filiale in der Bieler Nidaugasse aus: Paletten, Kartonkisten und jede Menge Gefriertruhen. Das typische Innere einer Lidl-Filiale. Pragmatisch werden Teigwaren, Müesli, Konservendoesen, Snacks und Spirituosen per Stapler eingereiht und liegen gelassen. Kleider und Alltagsgegenstände liegen aufgewühlt in quadratischen tiefliegenden Sammelbecken. Auf hübsches Aufmachen und Anpreisen der Lebensmittel wird mit Vorsatz verzichtet.

Die Hallen mit meist grauen Metallfassaden und dem bekannten Lidl-Emblem stehen in der Agglomeration an Verkehrknotenpunkten, davor ein grosser Parkplatz. Das verspricht schnelle Transporte und günstige Mieten. Zwei grosse Verteilzentren in Weinfelden (TG) und in Sévaz (FR) sorgen für schnellen Nachschub. Kein Lebensmittelhändler in der Schweiz minimiert die Kosten derart an die Grenze wie die Discounter-Kette Lidl, sein deutscher Bruder Aldi mal ausgenommen. Während der traditionelle Detailhandel angesichts der Sättigungserscheinungen der Branche praktisch auf der Stelle tritt, gewinnt der Discounter Marktanteile. Sein aktuelles Ziel: die urbanen Zentren. Neue Filialen in den Schweizer Innenstädten und an Bahnhöfen mehren sich auffällig. Sprach der deutsche Discounter früher vor allem Hausfrauen aus der Agglomeration an, die ihre wöchentlichen Einkäufe tätigen, will er offenbar auch die hart umkämpften Pendler und Stadtmenschen für sich gewinnen.

Preise bleiben gleich
Aus seinem Vorhaben, die Innenstädte zu erobern, macht Lidl keinen Hehl. Die neuen Standorte in Bern und Biel passten perfekt in die Strategie, freut sich der Discount-Riese über seinen neuesten Coup. Mit der Warenhauskette Loeb zieht er an den wohl besten Standort in Bern, beim «Loeb-Egge», und in die hochfrequentierte Zone in Biel, an die Nidaugasse.

«Ein Meilenstein», kommentiert Lidl die künftige Zusammenarbeit, vor allem in Bezug auf die Filiale im Herzen Berns. Im Sommer beginnen die Einrichtungsarbeiten an beiden Standorten. Wann genau die Filialen eröffnet werden sollen, kann oder will Lidl noch nicht sagen. Was klar ist: Die Preise bleiben gleich wie in den ländlichen Filialen. Lidl werde auch in den Innenstädten den Grossteil der Artikel in Kartonschachteln in die Regale stellen und etwa Getränke auf den Paletten belassen, sagt Corina Milz, Mediensprecherin von Lidl. Mit einem Sortiment von nur 2000 Artikeln begrenze man sich auf die wichtigsten Produkte, was den Aufwand in der Bewirtschaftung reduziere. «Frische Lebensmittel wie Früchte, Gemüse, Brot- und Backwaren sowie gekühlte Milchprodukte und Frischfleisch liegen weniger lang in den Regalen, wenn die Auswahl beschränkt ist», sagt Milz. Sprich, die höheren Mietkosten und den schwierigeren Transport kann Lidl offenbar in der Gesamtrechnung wettmachen.

Die Stadt freut’s
Noch vor Lidl hat sich der ebenfalls deutsche Discounter Aldi in der Bieler Innenstadt positioniert, am Bahnhof und bei der Esplanade. Aldi scheint diesbezüglich eine noch agressivere Strategie zu verfolgen. Das bisherige Filialnetz von knapp 200 soll auf 300 erweitert werden, wie Mediensprecher Philippe Vetterli sagt, und das würden vor allem urbane Standorte sein. Auf die neue Konkurrenz von Lidl in Biel angesprochen, zeigt sich Aldi äusserst selbstbewusst: Man scheue keine Konkurrenz, die den Markt belebe.

Mit der neuen Lidl-Filiale wären es dann schon drei der deutschen Discounter-Läden in Biels Zentrum. Wie ist das aus Sicht der Stadt zu beurteilen? «Aus Innenstadtsicht ist es in jedem Fall besser, wenn die Menschen ihre Einkäufe im Zentrum erledigen und dafür nicht in die Peripherie fahren», sagt Delegierter für Wirtschaft der Stadt Biel, Thomas Gfeller. Daher seien zusätzliche Angebote in der Innenstadt grundsätzlich zu begrüssen. Dass mit den Discountern die Innenstadt an Charme verlieren könnte, verneint er. In Biel investierten ja nicht nur die Discounter, sondern immer wieder auch andere spezialisierte Anbieter und Warenhäuser wie Loeb und Manor, sagt Gfeller. Der Angebots-Mix sei zur Zeit nicht bedroht. Dass damit für die Schweizer Mitbewerber wie Migros und Coop ein neuer Konkurrent auf den Platz tritt, glaubt Gfeller hingegen nicht. Die Leute würden wegen der Discounter ihr Einkaufsverhalten wohl kaum ändern: «Die Discounter-Kunden aus dem Zentrum werden einfach weniger autofahren.» Auch die Bieler Interessensgemeinschaft der Detailhändler sieht die neuen Discounter-Läden als Chance. «Lidl und Aldi ziehen zusätzliche Kunden in die Stadt», sagt Irma Cattilaz Carlehoeg, Vorstandsmitglied von City Biel-Bienne. Das werde die Innenstadt beleben. Migros und Coop wollten sich auf Anfrage nicht äussern.

«Convenience-Food» wächst
Dass sich die deutschen Discounter vermehrt in die Ballungszentrem drängen, überrascht Trendforscherin Marta Kwiatkowski vom Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) nicht. Insbesondere Bahnhöfe seien Hochfrequenzzonen und daher attraktiv für Detailhändler. Der Trend zeige zudem, dass Pendler an der Zahl wachsen und daher die Bequemlichkeit und Geschwindigkeit eine immer grössere Rolle spielt. «Sie schätzen es, wenn sie an Bahnhöfen schnell und gesund Snacks konsumieren können, dafür werden oft auch höhere Preise akzeptiert», sagt sie. Zudem verändern sich die Lebensgewohnheiten. Die Konsumenten kaufen häufiger täglich den nötigsten Bedarf ein als einmal in der Woche einen Grosseinkauf: «Dafür ist ihnen die Freizeit an den Wochenenden zu kostbar». An diese Entwicklung scheinen sich die Detailhändler anzupassen. «Die Händler setzen vermehrt auf kleinere Ladenflächen an verschiedenen Standorten, als auf wenige sehr grosse.»

Aldi und Lidl sind in der Schweiz 2005 und 2009 in den Markt getreten. Während man hierzulande anfänglich noch sehr argwöhnisch auf die Discounter-Läden blickte, werden sie immer salonfähiger. Nicht zuletzt auch, weil die deutschen Detailhändler es verstanden haben, auf regionale Waren und Bio-Produkte zu setzen.

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