Sie sind hier

Abo

Suberg

Der Mann mit dem feinen Gespür für Dünger

Hans-Jürg Hauert wird vom Entrepreneur Forum Seeland für sein Lebenswerk geehrt. 55 Jahre lang hat der Unternehmer 
die Hauert AG in Suberg geleitet, getüftelt – und in seinem Labor den Dünger revolutioniert.

Hans-Jürg Hauert, Bild: Nico Kobel

Lotti Teuscher

Die Fabrik ist gross. Sehr gross sogar für ein kleines Dorf wie Suberg. Sie zieht sich links und rechts der Strasse entlang, am Ende führt eine Brücke über die Strasse, darin ein Förderband, das Material vom Lager in die Produktion transportiert. Die Fabrikgebäude sind quasi organisch gewachsen. Organisch wie der Gartendünger, der hier produziert wird.

Das älteste Gebäude wurde 1888 gebaut, es beherbergte einst eine Brennerei; ein anderes gehörte der landwirtschaftlichen Genossenschaft. Hier befindet sich nun das Hauptwerk der Hauert HBG Dünger AG. Hans-Jürg Hauert hat ihm während der Zeit, als er das Unternehmen leitete, mehrere Gebäude hinzugefügt.

 

350 Jahre alt

Das Unternehmen ist einzigartig: Es ist einer der ältesten familiengeführten Betriebe der Schweiz. Gegründet im Jahr 1663 von Adam Hauert als Gerberei. Heute geführt von Philipp Hauert in der zwölften Generation. Dessen Vater Hans-Jürg Hauert wird die höchste wirtschaftliche Ehre zuteil, die im Seeland einmal pro Jahr vom Entrepreneur Forum Seeland vergeben wird: Er wird als Entrepreneur für sein Lebenswerk geehrt.

Es wirkt, als ob der Unternehmer – freundlicher, wacher Blick, Lachfalten um die Augen – diese Ehre kaum fassen kann. Er weist während des Gesprächs mehrmals darauf hin, dass er während seiner aktiven Zeit nichts anderes getan habe als Dutzende andere Firmeninhaber im Seeland: Das Geschäft geführt, technische Probleme gelöst, Bedürfnisse des Marktes aufgespürt, Neues entwickelt, sich um die Mitarbeiter gekümmert, oder wie der Entrepreneur sagt: «Immer auf der Höhe sein und ein wenig Fortune haben. Hätte mein Sohn Philipp nach meinem Rücktritt im Jahr 2006 die Hauert AG nicht so gut geführt, würde ich heute nicht geehrt.»

Hans-Jürg Hauert sagt es mit Nachdruck. Dass das Unternehmen in der Schweiz Marktführer für Spezialdünger ist und – mit Werken in Deutschland und in Holland – heute auch in Europa in dieser Sparte von Bedeutung ist: Dies sei auch der Verdienst seines Bruders Rudolf Hauert, der als Mitglied der Geschäftsleitung und Präsident des Verwaltungsrates Wichtiges geleistet habe.

 

Nahrung für die Pflanzen

Der Geruch, der einem in der ersten Halle die Nase kitzelt, lässt sich nicht beschreiben, er ist mit nichts vergleichbar, trotzdem kennt ihn jeder, der einen Garten oder Blumenkistchen hat: Dünger. Unter Hans-Jürgs Ägide wurde das Sortiment in zwei Linien aufgeteilt. Biorga, der biologische Dünger, enthält Horn- und Federmehl; er ist rein organisch. Die traditionellen Hauert-Dünger sind organisch-mineralisch.

 

Zweimal Sprachen gelernt

Bevor Hans-Jürg Hauert 1966 in das Unternehmen eintrat, absolvierte er eine Landwirtschaftslehre im Welschland. Und lernte nebenbei Französisch. Das ETH-Studium zum Ingenieur-Agronom machte er in Zürich – und musste viele Fachausdrücke erneut lernen. Dieses Mal auf Deutsch.

Da stellt sich die Frage: Warum gerade diese Ausbildung? Hans-Jürg Hauert beginnt die Vorteile seines Werdegangs aufzuzählen: Er eignete sich tiefes Wissen in Agrochemie an; lernte Bodenchemie und -biologie; sammelte Wissen in Botanik und Pflanzenbau. Wissen, das sich ausgezahlt hat, als Hans-Jürg Hauert 1966 als Betriebsleiter in das Unternehmen eintrat und später Besitzer wurde.

 

Granulat statt Mehl

Während zuvor Dünger in Form von Mehl ausgebracht wurde, entwickelten Hauert & Co. während der 60er Jahre gekörnten Dünger. Und die Produktionsanlagen gleich mit dazu.

Während Hans-Jürg Hauert erzählt, führt er durch die Fabrikhallen. Greift nach einer Handvoll Granulat, prüft die Konsistenz, schnuppert daran. Holt mit einer Schaufel feuchten, warmen Dünger aus einer Mischmaschine – Handgriffe, routiniert nach den vielen Jahren im Unternehmen.

 

Bequem und ökologisch

Eine Pioniertat war das Entwickeln der Langzeitdünger. Eine Innovation, die Baumschulen, Topfgärtnereien und Hobbygärtnern die Arbeit enorm erleichtert: Dieser Dünger muss nur einmal pro Saison ausgebracht werden. Die Nährstoffe werden retardiert abgegeben und den Pflanzen nach und nach zur Verfügung gestellt.

Als Mitte der 70er Jahre Bio-Suisse entstand, biologische Landwirtschaftsbetriebe nach den Knospe-Richtlinien zu produzieren begannen und Coop das Bio-Gemüse-Sortiment aufbaute, wurde Hauerts Pioniergeist belohnt: «Wir waren der erste Hersteller, der biologischen Dünger produzierte, da wir das Know-how bereits hatten.»

Allerdings gibt es kaum einen Unternehmer, der immer nur auf dem Wellenkamm reitet. Irgendwann muss jeder sein Unternehmen durch ein Tal führen. Die Hauert Gruppe glitt während der BSE-Krise ins Wellental.

 

Ganze Produktion vernichtet

Zur Erinnerung: Der Rinderwahnsinn wurde auf Kühe übertragen, weil ihnen ungenügend aufbereitetes Fleischknochenmehl verfüttert wurde. Von den Rindern sprang die Krankheit in England in einigen Fällen als Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auf Menschen über.

Im Dezember 2001 wurde Dünger verboten, der Horn- und Knochenmehl enthält – eine wichtige Zutat im Hauert-Dünger. Und dies ausgerechnet vor der Düngersaison, dann, wenn die Lager voll sind und der grösste Umsatz erzielt wird. Der gesamte Dünger im Lager musste verbrannt werden, bereits ausgelieferter ebenfalls.

«Dies war ein gewaltiger Schaden, der nicht versichert werden konnte», sagt Hans-Jürg Hauert. Zum Glück konnte die Firma auf Versuche mit pflanzlichen Grundstoffen zurückgreifen und die Produkte neu produzieren.

Hornmehl wurde bald wieder freigegeben. Die BSE-Krise hatte dennoch Folgen: Seither muss ein grosser Teil der Schlachtabfälle und damit wichtige Nährstoffe verbrannt werden.

 

Auf dem hohen Ross

Auch Fusionen und damit Rationalisierungsmassnahmen hat Hans-Jürg Hauert immer rechtzeitig eingeleitet. Der Entrepreneur könnte stolz auf sein Lebenswerk sein und sich aufs hohe Ross setzen. Dies hat er tatsächlich gemacht – während seines Militärdiensts als Dragoner.

Ansonsten scheint es eher, dass sich Hans-Jürg Hauert als Teil der zwölf Generationen sieht. Als einer der Inhaber, die während 350 Jahren für das Familienunternehmen und seine Mitarbeiter gesorgt haben.

Nachrichten zu Wirtschaft »