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Uhrenbranche

Es ist nicht der Franken allein

Gemäss der Statistik des Verbands wurden im September deutlich weniger Uhren exportiert. Diese Zahlen sind aber nicht mit realen Verkäufen gleichzusetzen, und Ursachen und Auswirkungen sind vielfältig.

Chinesische Touristen auf dem Titlis: Die Uhrenexporte nach China sind eingebrochen, die Verkäufe in den Schweizer Touristengebieten haben aber laut Nick Hayek zugenommen. Keystone/a

von Tobias Graden

Ein Minus von 7,9 Prozent: Das ist eine grosse Zahl. So stark gingen im letzten Monat die Exporte von Schweizer Uhren zurück, im Vergleich zum September im letzten Jahr. Real betrug das Minus gemäss der Eidgenössischen Zollverwaltung gar 9,9 Prozent, es war also fast zweistellig. Solche «schlechten» Zahlen vernahm man in der Uhrenbranche zuletzt im Krisenjahr 2009.

Ins Auge stechen besonders zwei Hauptmärkte: China und Hongkong (plus einzelne weitere asiatische Länder) sowie die USA. «Hong Kong zeigte keine Anzeichen einer Besserung», schreibt der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie FH in seiner Mitteilung, in den USA habe der schlimmste monatliche Rückgang in fünf Jahren resultiert, wobei aber der generelle Trend seit 2013 deutlich positiv sei.

 

Swatch stark in den USA

Ist also die gesamte Schweizer Uhrenindustrie also geradewegs auf dem Weg in eine tiefe Krise? Und sind die Septemberzahlen die unausweichliche Folge der Frankenstärke, wie dies gestern allenthalben interpretiert wurde?

Das tatsächliche Bild dürfte einiges differenzierter ausfallen. Zuerst gilt es festzuhalten: Die Exportzahlen des Verbandes sind keine Verkaufszahlen. Sie geben schlicht an, wieviele Uhren im letzten Monat die Schweiz verlassen haben, und das zu Preisen ab Werk. Genauso wenig, wie hohe Wachstumsraten in den Monatszahlen der FH einen unmittelbaren Absatzboom anzeigen, deutet ein Minus auf einen ebenso hohen Einbruch an der Verkaufsfront. Bei der Swatch Group, welche die FH-Zahlen üblicherweise nicht kommentiert, heisst es auf Anfrage darum lapidar, die Exportzahlen könnten von Monat zu Monat wieder ändern. Und was den Graben zwischen Export- und Verkaufszahlen betrifft, so nennt die Swatch Group das Beispiel USA: Während die FH ein Minus von 17,6 Prozent nennt, so hätten die Swatch-Group-Marken Swatch, Tissot und Omega im September ein zweistelliges Verkaufswachstum in Lokalwährung erzielt. Zu China sagte Gruppenchef Nick Hayek vor einigen Wochen gegenüber der «Schweiz am Sonntag»: «Bei der Marke Swatch haben wir in Mainland China 15 Prozent Wachstum und andere Marken wachsen weiterhin einstellig in Lokalwährungen und in Stückzahlen.»

 

Chinesen kaufen in Europa

Zweifellos aber hat sich das Wirtschaftswachstum in China in den letzten Monaten abgeschwächt. Hinzu kommen politische Bedingungen: Festlandchinesen ist in letzter Zeit das Einkaufen in Hong Kong erschwert worden. Ein Teil des Wachstums in europäischen Märkten ist denn auch darauf zurückzuführen, dass manche Chinesen ihre Schweizer Uhren nicht mehr in der Heimat, sondern auf ihren Reisen in Europa kaufen. «In Luzern und in Interlaken sahen wir im Juli und August ein Wachstum von teilweise 50 Prozent und mehr bei den Uhrenverkäufen! So gute Zahlen hatten wir noch nie. Und das hat natürlich mit den Chinesen zu tun, die hier Ferien machen», so Nick Hayek im erwähnten Interview.

Weiter kommt hinzu, dass in der aktuellen Situation manche Hersteller ihre Lagerbestände abbauen dürften. Das ist zwar nicht gerade ein Zeichen dafür, dass sie für die kommenden Monate mit einem Anziehen der Nachfrage rechnen - aber auch nicht, dass ihre Verkäufe bereits im selben Mass eingebrochen sind. Zu beachten gilt es fernen den statistischen Basiseffekt: Für manchen Hersteller waren August und September 2014 sehr starke Monate, wie Brancheninsider bestätigen. Damals herrschten noch Mindestkurs-Bedingungen. Nicht erstaunlich ist aber das spektakuläre Minus im letzten Monat in Russland: Der Einbruch um satte 59,3 Prozent hängt sicherlich mit der politischen Grosswetterlage und dem damit einhergehenden Kurssturz des Rubels zusammen.

 

Tendenz zu Konzentration

In ein Gesamtbild einfliessen muss aber auch der Befund, dass es innerhalb der Branche sehr unterschiedliche Situationen geben dürfte. Kleinere Marken dürften mehr Mühe haben, ihre Marktanteile zu halten, als Firmen der grossen Gruppen. Sie sind oft weniger gut in starke Distributionsnetze eingebunden, können in angespannteren Situationen weniger Geld ins Marketing investieren und dürften so Marktanteile verlieren. Gemäss Brancheninsidern sei für grosse Marken im Gesamtüberblick über das Jahr 2015 mit einem tiefen einstelligen Umsatzwachstum zu rechnen. Die aktuelle Weltmarktlage - in welcher der überbewertete Franken natürlich berücksichtigt werden muss - begünstigt also tendenziell Konzentrationsbewegungen in der Uhrenbranche. Die Akteure auf den Finanzmärkten dürften gestern zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen sein: Nachdem beispielsweise die Kurse der Swatch-Group-Aktien am Morgen deutlich einbrachen, erholten sie sich im Lauf des Tages teils wieder.

 

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Aussenhandel mit Problemen

 

Der Schweizer Aussenhandel ist angeschlagen. Das verdeutlichen die Zahlen der Importe und Exporte für das dritte Quartal. Die Schweiz exportierte in den Monaten Juli bis September Waren im Wert von 49,2 Milliarden Franken. Preisbereinigt entspricht dieser Wert einem Rückgang von 5,1 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal. Die Kohlen aus dem Feuer holte einmal mehr die Pharmaindustrie, die mit 20,6 Milliarden Franken (plus 0,4 Prozent) mit Abstand wichtigste Exportbranche der Schweiz. In allen anderen wichtigen Branchen waren die Exporte im dritten Quartal rückläufig. Für Florian Hälg, Aussenwirtschaftsexperte bei der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich, ist der allgemeine Exportrückgang stärker ausgefallen als erwartet. Für die negativere Entwicklung dürfte primär die Abschwächung der Konjunktur in Asien verantwortlich sein. Stellvertretend für die sich überlagernden Effekte können die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sowie die Uhrenindustrie aufgeführt werden. sda

Kommentare

ligerius47

Andauernd wird der Franken zum Sündebock gestempelt. Kaum einer werwendet das Wort Euroschwäche. Viele flüchten in den Franken weil diese Währung stabil und vertrauenswürdig ist.


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