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Landesstreik

«Ich wollte die Menge beruhigen»

Die Vorfälle beim Bahnhof Biel am letzten Tag des Landesstreiks sind eher auf Kommunikationsprobleme zurückzuführen denn auf besondere Gewaltbereitschaft. Eine Replik.

Der letzte Streikzug in Biel am 14. November 1918; aufgenommen vom Bieler Fotografen F. M. Gaesslen. memreg

Christoph Lörtscher

Stefan von Bergens Artikel vermittelt einen eindrücklichen Einblick in die verheerende Wirkung der Spanischen Grippe, die auch unter den mobilisierten Truppen viele Opfer forderte. Mit Recht erinnert er an das Ausmass dieser Tragödie.


Nicht bedingungslos
Aus meiner Sicht wurden jedoch mehrere Handlungsverläufe des letzten Streiktags ungenau dargestellt. So schrieb von Bergen, Robert Grimm und die übrigen Streikführer hätten auch nach dem beschlossenen Streikende versucht, beim Bundesrat noch Konzessionen herauszuholen, um ihre Niederlage in ein besseres Licht zu rücken. Diese Darstellung blendet aus, dass das Oltener Aktionskomitee kurz vor dem Beschluss zum Streikabbruch wichtige sozialpolitische Versprechungen der Bundesräte Haab, Müller und Calonder zur Kenntnis nehmen durfte. In gedruckter Form ist zwar nur die Zusicherung des Bundesrats vorhanden, für den Fall eines sofortigen Streikabbruchs auf Strafmassnahmen zu verzichten. Doch im Verlauf des Landesstreikprozesses betonten mehrere Streikführer des gemässigten Flügels übereinstimmend, der Widerruf des Streiks sei nicht so bedingungslos erfolgt, wie Bundespräsident Calonder es am 14. November 1918 dargestellt hatte.

Dass das Dokument zum Streikabbruch mit Klassenkampfvokabular gespickt war, ergab sich aus der damaligen politischen Konstellation. Schliesslich konnte die Vertiefung des sozialen Grabens 1914 bis 1918 durchaus als «Klassenkampf von oben» verstanden werden. Zudem trug das Programm der Sozialdemokratischen Partei seit dem Jahr 1904 marxistische Züge. Eine Botschaft der Streikführer an die Arbeiterschaft wäre ohne Bekenntnis zur Fortführung des Klassenkampfes von der Basis wohl kaum als authentisch anerkannt worden. Auch das Ende des Seilziehens um den Wortlaut des Streikabbruchs ist bei von Bergen anders dargestellt als in Gautschis Standardwerk zum Landesstreik. Gautschi zitiert Konrad Ilgs Aussage, wonach die Botschaft an die Streikenden erst gedruckt wurde, nachdem der Bundesrat beschlossen hatte, das Militär zurückzuziehen und dem Komitee die Räumlichkeiten der Tagwacht wieder vollumfänglich zur Verfügung standen.


«Es kam kein Bericht»
Die Ereignisse des letzten Streiktags in der Nähe des Bahnhofs Biel zeugen von der Gewaltbereitschaft der Armee, aber auch eines Teils der Streikenden. Doch bei näherer Betrachtung legen sie vor allem Zeugnis ab von den Risiken, welche die Beeinträchtigung der Kommunikation zwischen dem Oltener Komitee und den lokalen Streikführungen zur Folge hatte. Ernst Jakob, der Präsident des Streikkomitees der Eisenbahner in Biel, erinnerte sich: «Wir waren in Biel jede Minute fahrbereit, ebenso auf anderen Stationen, aber es kam kein Bericht. Die Ursache, warum er erst verspätet eintraf, haben wir nachträglich vernommen: Die Streikleitung war konsigniert und quasi in Schutzhaft genommen worden. Hätte man ihr Gelegenheit gegeben, die Organisationen rechtzeitig zu verständigen, dann hätte sich der Vorfall in Biel nicht ereignet.

Was ist nun geschehen? Etwas nach ein Uhr nachmittags, als infolge der sich widersprechenden Meldungen nicht nur das Personal, sondern auch in der übrigen Arbeiterschaft eine ziemliche Gärung vorhanden war, ertönte das Glockensignal von Brügg her. Wir haben uns erkundigt, ob ein Zug komme. Die Bahnhofleitung verneinte es. Hätten wir Bescheid gewusst, hätten wir die nötigen Sicherheitsmassnahmen getroffen, angesichts der Unruhe und der Möglichkeit des Auftretens von Provokateuren. Doch trotz der Verneinung bewegten sich mehrere hundert Personen von der Passerelle in die Richtung, aus der der Zug kommen könnte. Auch das Truppenkommando im Bahnhof hatte keine Kenntnis von diesem Zug, sonst hätte es das Geleise abgesperrt.

Als die ersten Reisenden sichtbar wurden und sie erklärten, sie seien einem blockierten Zug entstiegen, begaben wir uns sofort nach Madretsch. Wir sahen den von der Bevölkerung angehaltenen Zug, besetzt von drei Soldaten. Uns wurde klar, dass geschossen worden war, ein Heizer war am Arm verwundet. Dieses Schiessen hatte die Massen in Gärung gebracht. Das Personal gab sich alle Mühe, die mit dem Zug angekommenen Personen zu schützen, auch den Führer. Diesem Mann boten wir unseren Schutz an, gaben ihm freies Geleit und begleiteten ihn bis nach Brügg. Dort gaben wir ihm den Rat, über Worben oder Jens heimzukehren, allein er folgte dem Bahngeleise und wurde dann zu unserem Bedauern auf der Strecke gegen Busswil angegriffen und verletzt.»


Von Exzessen abhalten
Noch detaillierter äusserte sich der Weichenwärter Ernst Studer, ein anderes Mitglied der Streikleitung, das den blockierten Zug unmittelbar nach der Schussabgabe erreicht hatte: «Ich rannte zu einer kleinen Erhöhung, wo ich einen Mann in Zivil erblickte, mit grossen Steinen, die er wohl gegen die etwa zehn Meter entfernte Lokomotive zu werfen gedachte. Ich hinderte ihn daran und übernahm die Aufgabe, die anwesende Menge zu beruhigen und sie davon abzuhalten, Exzesse zu begehen. (…) Ich verfolgte gleichzeitig zwei Ziele: Ich wollte die Menge beruhigen und die Soldaten daran hindern, die Menge zu provozieren.»

Wie viele andere Anwesende rief Studer den Soldaten zu, nicht zu schiessen. Unmittelbar darauf erteilte ihm ein Zugspassagier eine heikle Aufgabe: «Kurz darauf erblickte ich Herrn Moll, den Nationalrat, der sich im Zug befunden hatte. Er kennt mich seit etwa fünfzehn Jahren. Als er sah, dass ich versuchte, die Gemüter zu beruhigen, wandte er sich an mich, um mich zu bitten, Ruhe zu ermöglichen, damit er verkünden könne, dass der Streik beendet sei. Es war aber nicht möglich, Ruhe in die Menge zu bringen. Trotzdem fuhr ich weiter in meinen Bemühungen, das Publikum zu beruhigen. Dann begleitete ich die Soldaten zum Bahnhof, damit niemand sie belästige. (…)»


Der Abbruch um halb fünf
Studers Aussagen vor dem Militärgericht wurden von Zeugen bestätigt, deshalb konnte er nur wegen einer viertelstündigen Befehlsverweigerung in den ersten Minuten des Landesstreiks verurteilt werden. Der Beschluss des Oltener Komitees, den Streik abzubrechen, wurde den 500 streikenden Eisenbahnern auf dem Platz Biel an einer Versammlung erläutert, die Ernst Jakob nachmittags um halb fünf im Café Emch einberufen hatte. Erst ab diesem Zeitpunkt, nach der geordneten Kommunikation durch die Streikleitung und der anschliessenden Diskussion, war an eine geordnete Wiederaufnahme der Arbeit zu denken.

Info: Christoph Lörtscher ist Geschichtslehrer bei Akad College Bern und Mitarbeiter von Mémreg, dem Internetportal für historische Dokumente.Die Ausstellung «1918: Krieg und Frieden» ist im Neuen Museum Biel noch bis am 30. Dezember zu sehen. Die Plakatausstellung zum Landesstreik ist noch bis morgen am Walserplatz und anschliessend auf dem Neumarktplatz zu sehen.


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Quellen

- Das Zitat von Ernst Jakob stammt aus dem «Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern, Jahrgang 1918, Bern, Buchdruckerei Lierow & Cie, Waisenhausstrasse». Jakob sprach an der Sitzung vom 8. Dezember 1918. Diese Quelle kann im Staatsarchiv Bern eingesehen werden.

- Das Zitat von Ernst Studer stammt aus den Gerichtsakten der Landesstreikprozesse in Murten (Armee Suisse, Justice Militaire, séance du 14 décembre 1918, procès-verbal de l’audition).

Stichwörter: Landesstreik, Biel, Geschichte, 1918

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