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Nachruf

Uhren – und Beethoven und die Berge

Pierre Renggli war der letzte Generaldirektor des Uhrenkonzerns Asuag. Sein Leben hatte aber auch viele andere Facetten.

Pierre Renggli im Februar 2016 vor seinem Haus in Biel. Bild: Peter Samuel Jaggi/a

Tobias Graden

Sein letzter öffentlicher Auftritt dauerte nur ganz kurz. Im SRF-Dokfilm «Die Schweizer Uhrenindustrie – Protokoll einer Rettung» war Pierre Renggli zu sehen, für ein paar Sekunden nur, in schwarz-weiss. Es war eine historische Aufnahme, sie datiert aus den frühen 80er-Jahren, Renggli war damals Direktor des Uhrenkonzerns Asuag (Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie AG).

Er war deren letzter Präsident: Kurz nachdem die Bilder gemacht worden waren, wurde die Asuag unter der Regie der Grossbanken Bankgesellschaft und Bankverein mit dem anderen Uhrenkonzern fusioniert, der SSIH (Société Suisse pour l’Industrie Horlogère). Es entstand die SMH (Société suisse de microélectronique et d’horlogerie SA), die spätere Swatch Group. Der Dokfilm ging nicht näher auf Rengglis Rolle ein, und als das Werk kürzlich ausgestrahlt wurde, war der frühere Konzernchef bereits verstorben.

Der Aufruf mit 91
Dabei war es Pierre Renggli gewesen, der im Winter 2016 noch einmal Aufmerksamkeit für die damaligen Ereignisse eingefordert hatte. Im Alter von über 90 Jahren wollte er seine Sicht der Dinge bekannt machen, er nutzte die Medien dafür. Aufgeschrieben hatte er sie bereits 2006, in einer zwölfseitigen maschinengeschriebenen Schrift, die er zusammen mit anderen Materialien dem Schweizerischen Wirtschaftsarchiv in Basel vermacht hatte.

Es stimme nicht, dass der Asuag-Konzern am Boden gewesen sei, hatte er darin beispielsweise geschrieben. Mit buchhalterischen Kniffen sei der Wert der Asuag hinuntergerechnet worden: «Damit war künstlich die Voraussetzung für die Enteignung der Altaktionäre geschaffen, und der Weg frei für die von den Grossbanken angestrebte Fusion», schrieb Renggli. Aus industrieller Sicht dagegen sei die Fusion mit der SSIH keineswegs zwingend gewesen.

Die Schrift machte klar: Im hohen Alter wollte er die Deutung über seine Lebensleistung zurückgewinnen, er wollte nicht bloss als jener Uhrenpatron in die Geschichte eingehen, unter dem die Asuag aufgehört hatte zu existieren. Denn die Asuag, das war auch eine Familienangelegenheit: Bereits Pierre Rengglis Vater Paul führte sie – 1939 wurde dieser auf den Direktorenposten berufen, die bilingue Familie, zuvor in Bern wohnhaft, kehrte nach Biel zurück. Pierre Renggli, am 14. Juli 1926 geboren, besuchte fortan das Gymnasium und fand rasch Kontakte, nicht zuletzt durch die Mitgliedschaft in der Pfadi Orion. Danach wollte er eigentlich Geschichte studieren, auf Rat des Vaters jedoch schlug er den Weg in die Rechtswissenschaften ein.

Doktorarbeit in Paris
Mit dem Anwaltspatent in der Tasche verreiste der junge Pierre Renggli für mehrere Monate nach Paris. Er schrieb dort an seiner Doktorarbeit, die er 1952 erfolgreich abschloss. Der Einstieg in die Uhrenbranche erfolgte vorerst ohne grossen Enthusiasmus: Er arbeitete in der Generaldirektion der Fabriques d’Assortiments Réunies in Le Locle, lernte die Branche durch Einsätze in allen Zweigstellen aber à fond kennen.

Der weitere Aufstieg ging rasch: 1962 kehrte Renggli nach Biel zurück, als Vizedirektor der Asuag. Bald war er Direktor, 1975 schliesslich Generaldirektor, die Herausforderung in der herrschenden Uhrenkrise war gewaltig.

Mit der Verschärfung der Krise verlor Renggli die Macht bei der Asuag, in seiner Rede in der letzten Generalversammlung des Konzerns vor der Fusion zeigte er sich auch selbstkritisch – die Asuag hatte zu viele Reserven aufgebraucht. Sein spätes Vorpreschen und seine Interpretation der Ereignisse im Jahr 2016 wurden denn auch kontrovers diskutiert. Nicht bestritten werden dürfte ein anderer Punkt in seiner Rede vom Juni 1983: «Heute haben aber die Asuag-Firmen, im Zeitalter der Elektronik, dieselbe dominierende Stellung als Basislieferant der schweizerischen Uhrenindustrie erlangt, die sie vor zehn Jahren in der mechanischen Epoche innehatten.» Die Swatch, die gemeinhin als wichtiges Element in der Rettung der Schweizerischen Uhrenindustrie betrachtet wird, war noch zu Rengglis Zeiten in der ETA entwickelt worden.

Afghanistan, Kilimandscharo
Mit der Fusion verliess Renggli die Uhrenbranche. Er widmete sich seinen Leidenschaften, engagierte sich aber auch in der Stiftung Battenberg oder in der Reka. Aus dem von Angehörigen verfassten Lebenslauf geht auch hervor, dass der dreifache Vater ein ausgesprochener Familienmensch war und die Musik liebte: Täglich spielte er Klavier, auch im hohen Alter wurde bei Zusammenkünften der Familie musiziert.

Als Renggli letzten November realisierte, dass sein Zustand das Spiel seines geschätzten Beethovens kaum mehr erlaubte, kam dies für ihn einem Schock gleich. Dabei glänzte er früher – neben seinem Interesse für Kultur – auch durch Fitness: Als Alpinist hatte er 6000er in Afghanistan bestiegen, er war auf dem Kili-
mandscharo und an zahlreichen Trekkings im Himalaya-Gebiet gewesen.

Eine Neubewertung der Umstände der Fusion von Asuag und SSIH werden womöglich künftige Wirtschaftshistoriker vornehmen. Pierre Renggli hat seine Sicht kundgetan, äussern wird er sich nicht mehr. Er ist am 18. Januar zuhause in Biel im Kreise seiner Familie gestorben.

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