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Ausblick

Wettbewerb aus allen Richtungen

Die Digitalisierung wälzt um: Die Trennung zwischen produzierender Industrie und kundenorientierten Dienstleistungen wird obsolet.

3-D-Drucker und damit die additive Fertigung werden nicht nur die Medizintechnik revolutionieren, Copyright: Keystone

von Thomas Straubhaar

Nichts anderes wird die Wirtschaft in den kommenden Jahren so stark verändern wie die Digitalisierung. Elektronische Nutzung und Speicherung, Verarbeitung und Weitergabe von Informationen und Daten vernetzen alles mit allem, in Echtzeit rund um die Uhr und rund um den Globus. Gewaltige Datenmengen versorgen weltweit innerhalb von Millisekunden die Massen mit Nützlichem und Wertvollem - oft auch Sinnlosem oder Schädlichem.

Die digitale Revolution wird im «Internet der Dinge» nicht nur Maschinen, sondern auch Menschen und deren Wissen und Können mit Robotern und deren künstlicher Intelligenz zu völlig neuen Wertschöpfungsketten verschmelzen. Der 3-D-Drucker wird mondäne Luxus-Villen oder massgeschneiderte Anzüge ausspucken. Er wird auch exquisite Diätmenus zubereiten, die in jeder Beziehung Erwartungen, Geschmack und Zusammensetzung der aktuellen Stimmung und Gesundheit der Geniesser gerecht werden.

Selbstfahrende und ferngesteuerte Automaten werden in Produktion, Ver- und Betrieb oder Wartung aber auch im Verkehr oder bei der Pflege komplexe Arbeitsvorgänge bis hin zu Diagnose und Therapie übernehmen. Mehr denn je werden die Trennung zwischen herstellender «Industrie» und kundenorientierten «Dienstleistungen» oder zwischen verschiedenen Branchen obsolet. Es gibt nur noch eng verzahnte und verknüpfte Wertschöpfungsstufen.

Macht von Monopolen bricht

Digitalisierung bedeutet im Kern nichts anderes als eine dramatische Beschleunigung der Informationsverarbeitung und -übertragung. Alles, aber auch wirklich alles, wird noch einmal viel rascher bekannt und weltweit verbreitet sein als es bisher jemals der Fall war.

Dank Big Data, Suchmaschinen, sozialen Medien und Onlineshops werden die Firmen in immer mehr Dimensionen sogar früher als ihre Kunden wissen, was wann wo fehlt und entsprechend nachgefragt werden wird. Oder wo der Schuh drückt, Grippewellen ausbrechen und Kühlschränke gefüllt sein wollen. Wenn Informationen schneller und präziser verbreitet werden, steigt einerseits die Effizienz und andererseits verringern sich Innovationsvorsprünge. Beides freut den Verbraucher, weil beides die Macht von Monopolen bricht und das Einkaufen billiger macht. Beides macht dem Hersteller das Leben schwerer. Ein Wettbewerb aus allen Richtungen zwingt ihn ständig dazu, effektiver, flexibler und damit produktiver zu werden, um die Kosten senken und Marktanteile halten zu können. Und selbst ein innovationsstarker Betrieb kann sich seines Vorsprungs nicht sicher sein, weil ihm die Konkurrenten immer näher auf den Fersen sind.

Chance für die Landwirtschaft

Die Schweiz und auch das Seeland sind für das Zeitalter der Digitalisierung gut vorbereitet. Gerade wurde die Wahl der Schweiz als Partnerland der weltgrössten IT-Messe Cebit in Hannover damit begründet, dass die Eidgenossen beim Einsatz digitaler Technologien führend seien.

So gaben nach einer aktuellen Studie von Ernst&Young 80 Prozent der befragten Schweizer Unternehmen an, dass sie in der Digitalisierung der Wirtschaft eine Chance für das eigene Geschäft sehen - weltweit waren es nur 64 Prozent. Dabei tun sich in Helvetien Finanz- und Versicherungswirtschaft, Maschinen- und Anlagenbau sowie Medizintechnik besonders hervor. Doch auch die Pharmaindustrie und - für das Seeland besonders sichtig - die Landwirtschaft sind zunehmend der Auffassung, dass sie von der Digitalisierung profitieren.

Mit Blick auf die zukünftigen Erfolgsaussichten der hiesigen Betriebe ist es kein Zufall, dass für die Verleihung des renommierten Swisscom Business Award im November 2015 Unternehmen mit wegweisendem Vorbildcharakter im Bereich der Digitalisierung ausgewählt wurden. So haben kleine und mittelständische Firmen wie die Otto Fischer AG Live-Web-Chats zur Beratung von Kunden im Onlineshop implementiert. Oder die Zweifel Pomy-Chips AG hat als Vorreiter in der Produktions- und Dienstleistungsbranche einen grossen Teil der Geschäftsprozesse digitalisiert. Wer bei Zweifel im Aussendienst beschäftigt ist, erhält ein iPad, Drucker und Scanner, damit er per App überall auf Kunden- und Verkaufsunterlagen zugreifen und damit die Beratungsqualität steigern kann. Das erlaubt dem Pommes-Chips-Fabrikanten, Daten rascher und besser auswerten und damit schneller auf Trends reagieren zu können.

KMU sind stärker gefordert

So gross die Chancen der Digitalisierung auch sein werden, so sehr müssen kleine und mittelständische Betriebe rechtzeitig und zielgerichtet reagieren. In einem auf Informationsbeschleunigung getrimmten Umfeld müssen die Unternehmen ihrerseits die Geschwindigkeit erhöhen, mit der sie Informationen verarbeiten und nutzen. Das wiederum wird die Kosten nach oben treiben. Und weil Informationskosten Fixkosten sind, werden sie für mittelständische Firmen zu einer stärkeren Herausforderung als für grosse Konzerne. Als Folge davon werden mikroökonomisch zwei Schlüsselbereiche zu strategischen Erfolgsfaktoren:

• Erstens müssen Mitarbeiterinnen schneller Veränderungen erkennen und klüger darauf reagieren, als das andere tun. Erkennen und Reagieren haben viel mit ständiger, lebenslanger Aus-, Weiterbildung und Förderung zu tun. Mehr noch aber gedeihen sie in einem Betriebsklima, das Mitarbeitenden die Freiräume bietet, sich stetig weiterzuentwickeln und das sie zu innovativem Verhalten ermuntert und dafür belohnt.

• Zweitens müssen auch mittelständische Firmen neben CEO (Vorstandsvorsitzender) und CFO (Finanzvorstand) einen CIO (Chief Information Officer) und früher oder später auch einen CISO (Chief Information Security Officer) in der obersten Führungsebene etablieren. Der CIO muss die Chancen analysieren, die sich daraus ergeben, dass die Kunden «gläsern» werden und alles über ihre Wünsche und Erwartungen lange im Voraus bekannt ist. Der CISO hingegen muss sich um die Risiken kümmern, die durch Cyber War, Hackerangriffe, Missbrauch und dadurch entstehen, dass der nächste Shitstorm nur einen Klick weit entfernt ist.

Info: Der aus Burgdorf stammende Thomas Straubhaar ist Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg. Bis September 2014 war er Direktor und Sprecher der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltwirtschaftsInstituts (HWWI).

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