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Ipsach

Zwei Firmen an einem Ort

Die Digmesa und ihre Schwesterfirma bauen bald aus. Der Neubau an der Keltenstrasse wird die Arbeitsprozesse vereinfachen und weiteres Wachstum ermöglichen.

CEO und Gründer der Digmesa: Stefan Schneider und Heinz Plüss (v.l.). copyright: tobias graden/bieler tagblatt

Tobias Graden

Wer auswärts an einem Automaten einen Kaffee bezieht oder sich zuhause mit seiner Kaffeemaschine das Brühgetränk zubereitet, der schätzt es, dass die Tasse nicht überläuft und die Maschine genau die richtige Menge Kaffee abgibt. Doch wie stellt die Maschine das an, wie weiss sie, wann genug ist? Bis vor gut 35 Jahren gab es dafür verschiedene technische Lösungen. So zum Beispiel ein System, in dem der Kaffee durch einen Zylinder lief, in dem ein Kolben nach oben gedrückt wurde. War die entsprechende Menge erreicht, gab dieser Kolben über einen Endkontakt das Stop-Signal an die Maschine – ähnlich wie bei beim Spülkasten der Toilette, aber kleiner und komplizierter.
Und dann kam Heinz Plüss.

Turbine statt Kolben
Heinz Plüss arbeitete in den frühen 80er-Jahren in der Wassermessungsindustrie, er verkaufte Wasseruhren im Aussendienst. Und er überlegte sich, wie das Messsystem in Kaffeemaschinen einfacher und kostengünstiger zu fertigen sei. Seine Lösung war eine jener Erfindungen, die so einleuchtend sind, dass man glaubt, sie seien immer schon dagewesen: Plüss steckte, vereinfacht gesagt, eine kleine Turbine in das Durchflusssystem und mass, wie schnell sie sich drehte. So lässt sich der Durchfluss berechnen.
Aus der Idee wurde ein Unternehmen, die Digmesa. Heinz Plüss gründete es zusammen mit seinem Sohn, kaufte Maschinen, stellte einen ersten Mitarbeiter ein. Mit Hilfe der Wirtschaftsförderung des Kantons Bern fand Plüss den ersten Firmenstandort in Biel, wo früher die Biella war. Der erste wichtige Kunde kam aus der Romandie: Ein Hersteller von Profi-Kaffeemaschinen in Lausanne kaufte jeweils 500 Durchfluss-Sensoren à je 50 Franken pro Stück. In der Folge war Plüss vor allem in Italien unterwegs, um seine Erfindung bekannt zu machen, mit der Zeit zogen Schweizer Hersteller nach. Die Firma wuchs und bezog einen Neubau an der Keltenstrasse 31 in Ipsach.

Der Bagger steht bereit
Heute hat die Digmesa gut 65 Mitarbeiter, erzielt einen jährlichen Umsatz von gut 20 Millionen Franken und verkauft alleine in die Kaffeemaschinen-Branche mehr als zehn Millionen so genannte «Flow-Sensoren». Auf dem Rasen vor dem Firmengebäude steht ein Bagger – das Unternehmen baut aus, die Vorarbeiten dazu sind gestartet. Zwölf Meter hoch wird der Neubau werden, er wird durch einen Zwischenteil mit Terrasse mit dem bisherigen Sitz verbunden sein. Die Botschaft ist klar: die Digmesa wird weiter wachsen, so wie sie das mit kurzfristigen Ausnahmen in den letzten Jahren stets getan hat.
Der Neubau ist allerdings nicht alleine auf die Bedürfnisse der Digmesa zurückzuführen, sondern auch auf jene der Schwestergesellschaft Digmesa Polyform AG in Sutz. Diese ist spezialisiert auf Teile aus Kunststoffspritzguss und war als vormalige Polyform Kopp AG mit ihrem Dutzend Mitarbeiter schon lange ein wichtiger Zulieferer von Digmesa, bevor sie vor einigen Jahren im Zuge einer Nachfolgelösung von dieser übernommen wurde. Sie wird auch weiterhin Drittkunden beliefern, aber künftig im selben Gebäudekomplex wie die Digmesa untergebracht sein, was für beide Firmen eine Optimierung der Abläufe bedeutet.
Der eigentliche Baustart erfolgt in den nächsten Tagen, Umzug und Bezug des Neubaus sind für Mitte 2020 geplant.

Bier und Spezialchemie
Digmesa-Geschäftsführer Stefan Schneider treibt derweil die Diversifizierung und Erschliessung neuer Märkte voran. Er leitet das Unternehmen seit 2017, als sich Gründer Heinz Plüss auf den Posten des Verwaltungsratspräsidenten zurückzog. Zuvor war Schneider in der Firma 15 Jahre lang in der Entwicklung tätig.
Ziel ist es, die Abhängigkeit von der Kaffeemaschinenbranche zu reduzieren und gleichzeitig weiter von deren Wachstum zu profitieren. Nach wie vor gilt: In einer in Europa verkauften Kaffeemaschine ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Durchfluss-Mess-Sensor verbaut, etwa in jenen der Marke Jura, aber auch in den Maschinen, die in der Starbucks-Kette zum Einsatz kommen. In Frage kommen Produkte von Digmesa jedoch überall dort, wo kleine Flüssigkeitsmengen gemessen werden müssen, beispielsweise im Bierausschank, aber auch in der Spezialchemie, in der Industrie oder in der Medizintechnik verwandten Bereichen wie in Geräten zur Reinigung von Operationsbesteck. Hier sind die Stückzahlen zwar kleiner, die Preise für die einzelnen Sensoren jedoch höher. Mit der Neuentwicklung «Nano» samt der dazugehörigen automatisierten Produktion hat Digmesa zudem ein Produkt geschaffen, das im Vergleich mit herkömmlichen Sensoren nicht nur kleiner ist, sondern auch Patentschutz geniesst.
Zum Thema wird auch bei Digmesa das Internet der Dinge. So hat die Seeländer Firma beispielsweise Sensoren an ein israelisches Unternehmen geliefert, das Bars mit einem neuartigen Betriebssystem ausstattet. Dank der gesammelten Daten wissen die Barbetreiber jederzeit, wo welches Getränk ausgeschenkt wurde, wo wie viel von was übrig ist und wo es Nachschub braucht. So lässt sich der Betrieb viel einfacher und präziser steuern.
Welche Entwicklungen auch noch kommen werden: Wichtig ist für Heinz Plüss und Stefan Schneider die Fertigung in der Schweiz. Eine Auslagerung, etwa nach Asien, stehe nicht zur Diskussion, sagen beide unisono.

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