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Curling

Chancenlos glücklich

Nicola Stoll beeindruckte in seiner Juniorenzeit mit starken Resultaten und überraschte dann mit einer Sport-Pause. Nun greift der Bieler im St. Galler Dress wieder an; jedoch noch nicht die Spitze.

Fokussiert: Ab Sonntag spielt Nicola Stoll mit St. Gallen an der Schweizer Meisterschaft in Thun. Bild: zvg

Michael Lehmann

Nicola Stoll wäre ziemlich perplex, würde er in der kommenden Woche Schweizer Meister werden. Denn für den Bieler im Team St. Gallen steht eigentlich fest: Noch dieses Turnier, dann ist die Saison zu Ende. Weil der Schweizer Meister das Land an der Weltmeisterschaft vertreten darf, würde sich Stolls Saison gleich um zwei Monate verlängern. Freilich hätte der 22-Jährige nichts gegen eine Reise ins kanadische Lethbridge (ab 30. März). Die Realität ist jedoch, dass für seine Equipe eine WM derzeit weit weg ist.

Die Ausgangslage im Curling lässt sich mit der Situation im Eishockey vergleichen. Der EV Zug und der SC Bern liefern sich einen spannenden Zweikampf an der Spitze, dahinter tummeln sich mehrere Teams, die um den dritten Rang kämpfen. Im Curling sind es Genf (Skip De Cruz) und Bern Zähringer (Schwaller), die sich von der Konkurrenz abgesetzt haben. Nicola Stolls St. Gallen (Schnider) gehört zu den Equipen, die sich Chancen auf den dritten Platz ausrechnen.

Ist es deprimierend, nur um die Ehrenplätze spielen zu können? Der Seeländer verneint. «Wir freuen uns riesig auf diese Woche.» Und man glaubt ihm. Denn Stoll, Schnider (beide 22), Widmer (23), Schmid (28) und Ersatzmann Schneider (20) sind jung, das Team nimmt zum ersten Mal an einer Schweizer Meisterschaft teil. Für sie geht es darum, Erfahrungen zu sammeln und sich im Elite-Feld zu etablieren. Die St. Galler sind chancenlos glücklich.

Juniorenteam wiederbelebt

Dass sie durchaus über Potenzial verfügen, haben die St. Galler vor drei Jahren bewiesen. Damals noch für Schaffhausen erkämpften sich Widmer, Stoll, Schnider und Schneider den zweiten Rang an der Junioren-SM. Für viele etwas überraschend beschlossen die Curler danach, das Team aufzulösen. Nicola Stoll zog sich gar komplett aus dem Elite-Curling zurück. «Ich brauchte eine Pause und wollte mich meiner Ausbildung widmen», erklärt er. Dies tat er denn auch. Im Winter hat er das Wirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen mit dem Bachelor abgeschlossen. Nun wohnt er in Zürich, wo er ein Praktikum bei einem Rückversicherer absolviert. Ob er im Herbst den Master in Angriff nimmt, weiss er noch nicht.

Der Kontakt zu seinen ehemaligen Teamkollegen brach während Stolls Pause nicht ab. Nach einer Saison vermisste er die Wettkämpfe. Im Sommer 2017 beschlossen die Curler, die erfolgreiche Junioren-Formation wiederzubeleben; nun hatte der Curlingclub St. Gallen Unterstützung angeboten.

Nach einer mässigen ersten Saison, in der sie die Qualifikation für die SM verpassten, stiess Schmid zum Team. Für die aktuelle Spielzeit nahm sich die Mannschaft vor, die Top-Fünf zu knacken und sich so direkt für die SM zu qualifizieren. Gesagt, getan. Ohne den ganz grossen Ausreisser, dafür mit konstanten guten Resultaten sammelten die St. Galler genug Punkte, um zu den besten fünf Teams der Schweiz zu gehören.

«Wir sind realistisch»

Dies wollen die St. Galler an der am Sonntag beginnenden SM in Thun einerseits bestätigen und andererseits toppen. Zu den Konkurrenten um den dritten Rang gehören Bern (mit dem Sutzer Matthias Perret) und Luzern (mit dem Porter Tom Winkelhausen). «Es wäre für uns die Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind», sagt Stoll.

Die SM soll nur ein Halt auf einer längeren Reise sein. Die St. Galler haben sich vorerst bis 2022 verpflichtet. Mittelfristig wollen sie zur Spitze in der Schweiz aufschliessen, langfristig wollen sie das Land international vertreten, dabei denken sie natürlich besonders an Olympia. Die Winterspiele 2022 in Peking kommen aber wohl zu früh. «Wir sind realistisch», sagt Stoll. «So bald werden wir nicht an Bern oder Genf vorbeikommen. In drei Jahren werden wir erörtern, was wir erreicht haben und noch erreichen können.» Denn auf ewig ist kein Team chancenlos glücklich.

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Barbezat mit Aarau in der Favoritenrolle

Während bei den Männern ein Zweikampf erwartet wird, gibt es bei den Frauen ein Favoritenteam. Es dürfte kaum ein Weg an Aarau (Skip Tirinzoni) mit der Bielerin Melanie Barbezat vorbeiführen. Das neuformierte Team hat im November mit zehn Siegen in elf Spielen EM-Silber gewonnen. Beim Schweizer Cup in Biel waren die Aarauerinnen den restlichen Teams deutlich überlegen.

Als grösste Herausforderinnen dürften sich Uzwil (Hegner), Langenthal (Feltscher-Beeli) und die von Christine Urech gecoachten Oberwalliserinnen (Hürlimann) hervortun. Obwohl sich auch diese Teams international bewiesen haben, würde es überraschen, wenn an der WM im dänischen Silkeborg (ab 16. März) die Schweiz von einem anderen Team als den Aarauerinnen vertreten würde.

Der Modus an der Schweizer Meisterschaft ist – wie so oft im Curling – ein etwas spezieller: Die ersten drei Teams der Round Robin (Männer und Frauen) spielen untereinander eine zusätzliche Playoff-Runde. Ein Team, das alle Partien gewinnt, steht als Schweizer Meister fest. Ansonsten gelangen die ersten zwei Equipen in die Finalspiele. Dort muss das besser klassierte Team nur eine Partie gewinnen, das schlechter klassierte Team dagegen zwei. leh/sda

Stichwörter: Curling, Nicola Stoll

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