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Einwurf

Es darf 
etwas kosten

Bröckelnde Turnhallen an Gymnasien, oft gar keine Sportstätten für Berufsschülerinnen und Berufsschüler oder Unterrichtende ohne fachspezifische-sportdidaktische Ausbildung (teils sogar ohne jegliche Ausbildung als Lehrkraft) stehen an der Volksschule in der Turnhalle. Zustände, die öfters beim eigentlich obligatorischen Schulsport herrschen. Da will die Politik noch behaupten, dass ihr der Schulsport am Herzen liegt…

Andrea Zyrd

Andrea Zryd

Oder noch läppischer das Argument: «Hauptsache etwas Bewegung und Freude für Kinder und Jugendliche.» Das Image des Schulsportes erscheint mir sehr schlicht gehalten. Von der Leibeserziehung zum Turnen bis zu Sport und Bewegung – diese Begriffe haben das Schulfach «Sport» jeweils für ein paar Jahrzehnte geprägt. Es scheint mir, dass mit der begrifflichen Entwicklung jeweils der Stellenwert des Faches abgenommen hat. So genoss die «Leibeserziehung» einen sehr hohen Stellewert, wenn auch nicht immer nur aus edlen Gründen.

Die nationalsozialistisch geprägte Zeit hat leider die «Leibeserziehung» aus ihrem einst sehr visionär stammenden Kontext gerissen und diese für schreckliche, politische Zwecke missbraucht. Trotzdem, dass der Schulsport eine zentrale Rolle für die tägliche Bewegung spielen kann und auch weniger sportliche Kinder und Jugendliche für ausserschulische Bewegung animiert, hat sich bei den Pädagogen und später auch den Gesundheitsspezialisten klar durchgesetzt. Wenn man bedenkt, dass sich das Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren rückläufig entwickelt hat und sich nur gerade 33 Prozent der 11- bis 15-Jährigen täglich mindestens eine Stunde bewegen, ist es umso unbegreiflicher, dass wir nicht alles tun, um einen hervorragenden Schulsport zu garantieren.

Liebe Leserinnen und Leser, eine Stunde Aktivzeit pro Tag wäre nach WHO-Bewegungsempfehlungen das absolute Minimum! Trotz dieses Wissens wird diskutiert, ob der Schulsport beispielsweise an der Berufsschulstufe durchgeführt werden kann. Das Bewegungsverhalten hat einen beachtlichen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden. Nun, die Schweizer Jugendlichen dümpeln im europäischen Vergleich an der kläglichen, drittletzten Stelle und das in einem so reichen Land wie der Schweiz; wobei sich Teenager am wenigsten bewegen. Interessanterweise hat Sport in der Schweiz ein hervorragendes Image und macht sich in jedem Curriculum gut. Umso unbegreiflicher ist es für mich, dass die Politik, Schulen, Eltern, Vereine, Ärzte aber auch Gemeinden nicht auf ganzheitliche Bewegungskonzepte setzen. Sport in der Schule reicht nicht aus, um die Bewegungsempfehlungen zu erfüllen und schon gar nicht, wenn dieser ausfällt oder von unqualifizierten Lehrkräften angeboten wird. Wir brauchen öffentliche Anlagen, Schulhöfe mit Pumptracks, wie es zum Beispiel die Gemeinde Leubringen umgesetzt hat – vorbildlich! Angebote neben der Schule und am liebsten die tägliche Sportstunde oben drauf, wäre, meiner Meinung nach, optimal. Träumen darf man und da sollte man nicht zu bescheiden sein.

Ja, das kostet und es darf etwas kosten, denn es bezahlt sich tausendfach aus. Es ist eine Investition in unsere Jugend, aber eben auch eine die sich positiv «bis ins und im Alter» auswirkt. Es ist lächerlich, dass sich der Kanton Bern überlegen muss, wann er die kantonalen Sporthallen sanieren kann. Es ist gleichzeitig beängstigend, dass man problemlos Millionenkredite für Strassen durchwinken kann und nicht bereit ist, mehr in die Qualifizierung von Lehrkräften und in ihre Entlöhnung zu investieren. Der hohe Stellenwert des Sportes in der Schweizer Gesellschaft ist schön und gut – es darf sich zukünftig aber nicht nur um Spitzensport und Lifestyle handeln. Die bescheidene Wahrnehmung des Schulsportes ist grotesk. Der Schulsport bietet nämlich eine Bewegungschance für alle Kinder und Jugendlichen, egal aus welchem sozialen und sportlichen Umfeld sie stammen. Wollen wir unseren Jugendlichen ernsthaft gerecht werden, brauchen wir Turnhallen und keine bröckelnden Moderschuppen und noch viel mehr haben es alle Kinder verdient, eine fachlich gut ausgebildete und motivierte Lehrkraft zu geniessen.

Info: Andrea Zryd ist Sportlehrerin, EFHS Magglingen, Diplomtrainerin Swiss Olympic und SP-Grossrätin.

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