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Einwurf

Es ist die Zeit der Mätzchen

Alle zeigten wieder einmal mit dem Finger auf Chris Mc Sorley, weil er sich erdreistete, in Spiel Nummer 4 der Viertelfinal-Serie gegen Bern den Stock eines generischen Spielers vermessen zu lassen. In der Tat galt im Schweizer Eishockey ein ungeschriebenes Gesetz, keine Stöcke vermessen zu lassen.

Reto Bertolotti

Reto Bertolotti

Ein Gentlemen’s Agreement also, indes nicht das einzige: Die Ausländer-Beschränkung würde einer gesetzlichen Überprüfung wohl nicht standhalten und ich bin überrascht, dass sich noch kein Klub darüber hinweggesetzt hat. Playoffs haben ihre eigenen Gesetze, so werden gezielt Verletzungen nicht kommuniziert und Trainings, sofern es die Umgebung überhaupt zulässt, hinter verschlossenen Türen abgehalten. Coaches mutieren zu Micro-Managern und ziehen alle Register. Bob Hartley, zum Beispiel, wollte von den Linienrichtern mittels Handzeichen angezeigt bekommen, auf welcher Seite das nächste Anspiel durchgeführt wird, um entweder einen Links- oder einen Rechtshänder als Center aufs Eis schicken zu können.

Das Stockvermessen ist nun mal das Recht des Trainers und ist im Regelbuch auch so vorgesehen. Kanadische Übungsleiter legen deshalb auch äussersten Wert darauf, dass die Stöcke ihrer eigenen Spieler korrekt sind, um nicht kurz vor Schluss eine Strafe zu kassieren. Dass das Messwerkzeug, das vom Heimklub den Schiedsrichtern zur Verfügung gestellt wird, nicht den aktuell gültigen Massen entspricht, stellt dem Klub und auch der Liga nicht eben ein gutes Zeugnis aus. In meiner Karriere in diesem Sport habe ich schon manches gesehen, und das Stockvermessen ist noch das Harmloseste. Ein kanadischer Trainer in Deutschland hat während eines Spiels einen Kreislaufkollaps vorgespielt, damit sein wichtigster Spieler Zeit hatte, eine gebrochene Kufe am Schlittschuh reparieren zu lassen. Vor ein paar Jahren wurden die Schiedsrichter jeweils für zwei Spiele nacheinander in der gleichen Serie aufgeboten. Nach einer Niederlage und entsprechender Unzufriedenheit mit der Schiedsrichterleistung hat der Trainer, in der Annahme, dass derselbe Ref das nächste Spiel leiten würde, die Schiedsrichtergarderobe mit Plakaten tapeziert, auf der alle angeblichen Benachteiligungen und Fehlentscheide aufgelistet waren. Unglücklicherweise gab es einen Wechsel und der aufgebotene Ref staunte nicht schlecht, als er das Gekritzel sah.

Es kam auch schon vor, dass man die gegnerische Mannschaft mit Verzögerung ins Stadion, beziehungsweise in die Gästegarderobe liess, um diese zu verunsichern oder drehte gar den Warmwasserhahn oder die Heizung zu. Es ist die Zeit der Mätzchen, über die man sich ärgern oder auch schmunzeln kann. Die Mehrheit der Trainer in der Schweiz kommt unterdessen nicht mehr aus Übersee, sondern aus Nordeuropa und denen ist das Spiel wichtiger als irgendwelche Showeffekte und «Nebenkriegsschauplätze». Weniger lustig ist jedoch, dass Trainer nach einem verlorenen Spiel über die Schiedsrichter und die Liga herziehen können, ohne dafür von der Liga beziehungsweise von der Verbandsjustiz dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, wie dies in der Serie Biel gegen Ambri geschehen ist. Der Präsident hat hinterher auch noch erzählt, dass die Liga sich bei ihm entschuldigt habe – ich frage mich nur für was?

Man nimmt sich gerne die nordamerikanische Profiliga NHL als Beispiel, aber eben nur da, wo es gerade passt. Ein ungebührliches Verhalten eines Trainers oder Funktionärs wird in Nordamerika umgehend mit einer fünfstelligen Busse geahndet. Playoff-Zeit ist die Meisterschaftsphase der Emotionen, Tricks und auch ein wenig Show. Das macht es für die Öffentlichkeit auch interessant und lässt niemanden wirklich kalt. Fragwürdig ist jedoch eine Playout-Serie, bei der es nur um die «goldene Banane» geht. Nachdem bekannt wurde, dass beide Swiss-League-Vertreter im Finale nicht aufsteigen können, hätte man die Übung abbrechen können, doch nun verzichtet Langenthal freiwillig auf die Aufstiegsspiele, die eine Farce wären.

Was auffällt ist, dass die meisten Spiele in der Regel fair und korrekt ausgetragen werden. Schlachten wie noch vor ein paar Jahren gibt es kaum mehr und auch der Einzelrichter hat erfreulicherweise kaum etwas zu tun. Selbst das Derby zwischen dem EHC Biel und dem SC Bern ist geprägt von hochstehendem Eishockey, ohne schmutzige Aktionen, sieht man von der Aktion von Sciaroni gegen Moser ab, die aber eher in die Kategorie «übermotiviert» einzugliedern ist. Bleibt zu hoffen, dass dies so weitergeht und der EHC Biel noch mindestens zwei Wochen Eishockey spielen kann.

Info: Reto Bertolotti, Inhaber eines Architekturbüros in Brügg, leitete zwischen 1988 bis 2005 800 NL-Partien als Schiedsrichter, ab 1997 als Profi-Ref, 2005 bis 2014 Referee in Chief beim SIHF. Seit 2006 ist er Instruktor und Supervisor beim internationalen Verband mit Einsätzen an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

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