Sie sind hier

Abo

Einwurf

Sportunterricht als Nebensache

Beinahe dachte ich, es seien Fake News, wie es heute so schön heisst. Aber nein, es stand in unserem seriösen «Bieler Tagblatt» und so kann ich als Kolumnist schwerlich am Wahrheitsgehalt zweifeln.

Bild: Walter Mengisen

Walter Mengisen

Da konnte man also wirklich in der Reportage «mein Montag» über einen 24-jährigen Mann lesen, der voller Begeisterung über seine Lehrertätigkeit an zwei Schulen im Seeland berichtet. Die Schulgemeinden sind dem Kolumnisten bekannt. So weit so gut, dachte ich. Beim Weiterlesen kamen mir doch die ersten leisen Zweifel als ich folgende Zeilen las: «Aber eigentlich bin ich gar kein Lehrer. Ich bin einer von denen, die unterrichten, ohne eine Lehrerausbildung abgeschlossen zu haben. Ehrlich gesagt habe ich sie noch nicht einmal angefangen.» Es scheint wirklich ein Bildungsnotstand im Kanton Bern zu herrschen, wenn zu wenig Lehrerinnen und Lehrer vorhanden sind, um den ordentlichen Unterricht zu garantieren. Auch mangelt es augenscheinlich an Lehramtsstudierenden, die in die Bresche springen könnten.

Dieser junge Mann ist also Lehrerassistent und wird gemäss Aussage in den kognitiven Fächern von erfahrenen und ausgebildeten Lehrpersonen unterstützt. Es sei für ihn wie ein Praktikum sagt er, aber nicht zum Praktikantenlohn, sondern zu einem höheren Ansatz, wenn auch nicht ganz zum vollen Lehrerlohn. Es scheint sich auch finanziell für die Gemeinden zu lohnen, nicht ausgebildete Fachpersonen anzustellen. Was mich aber am meisten ärgerte war die Aussage, dass der junge Mann sich im Sportunterricht kompetent fühle und deshalb ohne Aufsicht unterrichte, da er als Junior Eishockey gespielt habe und heute regelmässig mit seinem Bruder Tennis spiele. Mindestens wird er mal einen einwöchigen J+S-Leiterkurs besucht haben, hoffte ich. Aber weit gefehlt. Heute ist es fast undenkbar, ohne J+S-Leiterausbildung in einem Verein ein Training zu geben. In bernischen Schulen scheint dies möglich. Dies zeigt einmal mehr den Stellenwert, den einige Schulbehörden dem Sportunterricht geben, trotz gegenteiliger Beteuerungen. Sportunterricht scheint nicht ein integrales Bildungsfach zu sein, sondern im besten Fall ein kompensatorisches Anhängsel. Welche Bedeutung das Fach für die motorische, kognitive, gesundheitliche und soziale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen hat, geht oft vergessen. Damit sich jemand überhaupt als Lehrperson im Sport bezeichnen kann, muss er je nach Schulstufe ein drei- oder fünfjähriges Studium absolvieren. Ich will dem jungen Mann keineswegs sein Engagement und vielleicht sogar seine Eignung als Sportlehrer absprechen. Ich finde es nur schlicht verantwortungslos von Schulbehörden, jemanden ohne minimale Ausbildung unterrichten zu lassen in einem Fach, das erhöhte Sicherheitsanforderungen stellt, um die körperliche Unversehrtheit der Schülerinnen und Schüler zu garantieren. Die pädagogisch-psychologische Unterrichtsführung ist auch nicht ganz ohne, da die Schülerinnen und Schüler immer einem direkten Leistungsvergleich ausgesetzt sind.

Hier sei nicht der junge Mann an den Pranger gestellt, der hoffentlich sein Lehrerstudium bald beginnt, sondern Behörden, die den Sportunterricht als untergeordnetes Fach sehen. Ich setze mich gerne dafür ein, dass der junge Mann mindestens einen J+S-Leiterkurs besuchen kann, damit er eine Grundausbildung in der Vermittlung von Sport hätte. Es wäre mir wohler dabei.

Info: Walter Mengisen ist stellvertretender Direktor des Bundesamts für Sport Baspo und war langjähriger Präsident des SC Lyss.

Nachrichten zu Aktuell »