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Eishockey

Was nach viel klingt, könnte für Joan noch mehr sein

Jede Woche sieben Trainings und bis zu zwei Matches: Der zwölfjährige Joan Kyburz aus Scheuren steht für seinen Traum vom Profispieler selbst in der Mittagspause auf dem Eis. Auch die Eltern sind gefordert. Zum einen ist Eishockey ein betreuungsintensiver Sport, zum anderen kann er ins Geld gehen.

Joan Kyburz fühlt sich auf dem Eisfeld zu Hause. Nächste Woche spielt der Scheurener in Kanada. Bild: Raphael Schaefer

Moritz Bill

Eltern eines ambitionierten Eishockeyspielers investierten viel und verzichten gleichzeitig auf vieles. Der Aufwand ist gross, der finanzielle wie auch der zeitliche. Dem widersprechen Daniela und Steve Kyburz nicht, doch der Vater sagt: «Es ist einfach schön, ihm beim Eishockeyspielen zuzuschauen. Allein die Freude in seinen Augen, wenn er zum Beispiel ein Tor schiesst, gibt mir viel zurück.»

Er, das ist Sohn Joan, zwölf Jahre alt, Verteidiger bei den Moskitos des EHC Biel Spirit. Hier gehört er zu den Besten seines Jahrgangs. Neben der Moskito-Top-Meisterschaft absolviert er auch Einsätze auf der nächsthöheren Altersstufe (Mini) mit dem Partnerteam Zuchwil-Regio, dazu kommen Spiele mit der U13-Auswahl Nordwestschweiz. Die Matches, in der Regel einen oder zwei pro Wochenende, sind das eine; die zahlreichen Trainings das andere. Rund sieben Einheiten stehen wöchentlich an. Seit dieser Saison ist Joan im Programm des Sport- und Kulturstudiums der Stadt Biel (SKS), das ermöglicht neben dem Schulbesuch die Fördertrainings über den Mittag.

Was für andere nach viel klingt, könnte für Joan sogar noch mehr sein. Die Tissot Arena ist quasi sein Lebensmittelpunkt, der Grossteil seines Freundeskreises besteht aus Teamkollegen. Wenn er an einem freien Nachmittag kein Training hätte, würde er Schlittschuhlaufen gehen. Joan sagt: «Ich mache das so gerne, Eishockey wird mir nie zu viel.»

20000 Franken pro Saison
Mit dem Sport auf Kufen angefangen hat Joan Kyburz vergleichsweise spät, und zwar mit acht. Das ist wohl mit ein Grund, weshalb er heute umso zielstrebiger seinen Traum vom Profispieler verfolgt. Das Eishockeyfieber packt den Kleinen zwar schon mit fünf, als ihn der Vater erstmals an die Spiele der Grossen mitnimmt. Joan muss sich aber vorerst gedulden, bis die Eltern seinem Wunsch nachkommen. Erst als er achtjährig ist, hält das Eishockey Einzug in den Haushalt in Scheuren. «Wir hatten Respekt vor dem Aufwand. Uns war bewusst, dass dies ein Einschnitt in das Familienleben sein wird», sagt Steve Kyburz.

Eishockey verlangt von den Eltern nämlich mehr Tatkraft als beispielsweise Fussball. Weder kann die Ausrüstung hinten aufs Fahrrad gepackt werden, noch können die Kleinsten diese ohne Hilfe anziehen. Zudem ist das Junioren-Eishockey nationaler ausgerichtet als der Nachwuchsfussball. Auswärtsfahrten ans andere Ende der Schweiz sind keine Seltenheit. Zwar werden diese teilweise mit einem Mannschaftsbus bewältigt, Elterntaxis sind jedoch gang und gäbe. Steve Kyburz legt pro Jahr rund 15000 Kilometer als Joans Chauffeur zurück.
Dieser Kostenpunkt ist ein gewichtiger in den jährlichen Ausgaben, die die Familie in die Karriere des Sprösslings investiert – zwingend ist er in diesem Umfang aber nicht. Kyburz bezeichnet sich als «angefressen», will den Sohn möglichst immer begleiten und managt auch dessen Terminkalender. Die Privatlektionen mit einem Skill-Trainer oder Trainingscamps während der Off-Season, die Joan nebst den obligatorischen des EHC Biel Spirit besucht, fallen ebenfalls in die optionale Kategorie.

Insgesamt beläuft sich das Budget auf rund 20000 Franken pro Saison, wobei Steve Kyburz zum Beispiel bei der rund 2000-fränkigen Ausrüstung bewusst keine Einsparungen eingeht. Occasionen oder Billigmarken lehnt er aus Sicherheitsgründen ab. Der Spareffekt sei ohnehin gering: «Schlittschuhe oder Stöcke sind so oder so teuer.»

Dieser persönliche und finanzielle Einsatz liegt nicht für jede Familie drin. Das weiss Steve Kyburz, der Mitinhaber eines Ingenieurbüros ist, und seine Arbeitszeiten mal mehr mal weniger nach Joans Trainings- und Spielplan ausrichten kann. Mutter Daniela Kyburz weist aber darauf hin, dass Eishockey nicht per se teuer sein muss. «Wenn man das so ambitioniert wie Joan macht, dann ja. Aber es geht auch mit weniger Aufwand.»

Kosten steigen mit Ambitionen
Der Einstieg via Hockeyschule ist durchaus erschwinglich (siehe auch Text Seite 27). Doch wie in anderen Sportarten steigen auch beim Eishockey die Kosten mit höherem Alter und zunehmenden Ansprüchen. Die individuellen Zusatztrainings können zum Beispiel den entscheidenden Unterschied ausmachen, ob es jemand bis zum Profi schafft oder nicht. Der Konkurrenzkampf ist schon bei den Jüngsten gross. Steve Kyburz macht keinen Hehl daraus, dass dies für die Kinder hart sein kann, doch sieht er darin auch Positives: «Das Eishockey ist für Joan auch eine Lebensschule. Disziplin wird im Klub und in der SKS-Ausbildung grossgeschrieben, das wird ihm auch später helfen.» Zudem begrüsse er es, dass sich Joan sportlich betätigt und seine Zeit nicht vor der Spielkonsole verbringt wie andere Kinder in seinem Alter.

Und was, wenn es mit dem angestrebten Ziel nicht klappt? Allein eine schlimme Verletzung kann eine Karriere beenden, noch bevor sie richtig begonnen hat. Steve Kyburz ist sich darüber im Klaren und weiss auch, dass nur sehr wenige den Sprung ins Profieishockey schaffen. Aber allzu viele Gedanken mache er sich darüber nicht, der Weg sei noch weit. «Das Ganze muss ihm einfach weiterhin Spass bereiten. Ich würde nicht darauf pochen, dass er weitermacht, wenn er nicht mehr möchte. Dabei spielt es keine Rolle, wie viel Joan und wir investiert haben.»

In Kanada im Rampenlicht
Erst mal steht der bisher grösste Höhepunkt in Joan Kyburz’ noch jungen Karriere an. Zusammen mit zwei anderen Bieler Moskitos wurde der Scheurener für das internationale «Pee-Wee»-Turnier in Quebec selektioniert. Nächste Woche hebt er in Richtung Kanada ab und wird sich dort mit gleichaltrigen Knaben und Mädchen aus der ganzen Eishockey-Welt messen.

Die Auslagen für den zweiwöchigen Trip belaufen sich auf rund 10000 Franken. Die Eltern wollen dem Sohn dieses  Erlebnis ermöglichen – jedoch mit Lerneffekt. Den Betrag muss Joan via Online-Crowd-funding und persönlichen Sponsorenanfragen selbst zusammenbekommen. Steve Kyburz erklärt: «Für uns ist wichtig, dass Joan begreift, dass dies viel Geld und dementsprechend nicht selbstverständlich ist. Er soll selbst etwas dafür tun.» Das tut er. Joan spricht persönlich bei Bekannten und Firmen vor, und auch das Crowdfunding geht erfolgreich zu Ende. Diese Vorsprechen, sagt der Vater, seien auch im Hinblick auf künftige Bewerbungsgespräche von Bedeutung. «Er muss lernen, sich zu präsentieren. Sei es für einen Beruf oder als Sportler vor Journalistinnen und Sponsoren.»

Vom Center zum Verteidiger
Vorerst steht Joan im Stadion in Quebec, dem Videotron Centre, im internationalen Schaufenster. Je nach Spiel verfolgen bis zu 12 000 Zuschauerinnen und Zuschauer die «Pee-Wee»-Matches vor Ort. «Ich habe nicht wirklich mit der Selektion gerechnet», sagt Joan, er habe ja später mit dem Eishockey begonnen als viele andere. Vielleicht liegt es auch ein bisschen an der neuen Position, dass er in der laufenden Saison einen Schritt nach vorne machen konnte. Mike McNamara trainiert seit dieser Spielzeit die Bieler Moskitos. Der frühere Headcoach des Fanionteams funktioniert Joan sogleich vom Center zum Verteidiger um. Eine Veränderung, welcher der Zwölfjährige erst wenig abgewinnen kann. «Doch ich vertraue auf seine Meinung, Mike McNamara hat so viel Erfahrung. Und mittlerweile spiele ich sehr gerne als Verteidiger», sagt Joan. Mike McNamara muss es wissen. Schliesslich stammt er aus dem Mutterland des Eishockeys.

In Kanada wird der Seeländer bei einer Gastfamilie wohnen. Natürlich freue er sich auf die Matches im grossen Stadion, blick Joan voraus, aber auch auf das ganze Drumherum sei er gespannt – der Vater ebenfalls. Steve Kyburz wird auch nach Quebec reisen. Dieses Erlebnis will er sich nicht entgehen lassen. Und vor allem möchte er die leuchtenden Augen seines Sohnes nicht missen, wenn dieser auf der grossen Bühne Eishockey spielt.

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Trotz den jüngsten Erfolgen: Die Schweiz hinkt hinterher
Trotz den bemerkenswerten Erfolgen in Form von zwei WM-Silbermedaillen (2013, 2018) hinkt die Schweiz im internationalen Vergleich der Konkurrenz weiterhin hinterher. Zwar wurde Nico Hischier 2017 als erster Schweizer als Nummer 1 des NHL-Draft gezogen. Doch insgesamt bleibt der Output von Schweizer Talenten bescheiden. Im letztjährigen Draft sicherten sich vier NHL-Teams die Rechte eines Schweizer Spielers, gleichzeitig wurden 30 Schweden gezogen. Einzig auf die grössere Breite kann das nicht zurückgeführt werden: Schweden, zuletzt zweimal erfolgreicher WM-Finalgegner der Schweiz, zählt «nur» dreimal mehr Juniorinnen und Junioren als die Schweiz.
Fabian Hänni, Chef der Juniorenabteilung des EHC Biel, führt das auf den höheren Stellenwert des Eishockeys in Schweden zurück. In diesem Zusammenhang sieht er vor allem das Zusammenspiel zwischen Schul- und Eishockeyausbildung als Schwedens Vorteil. In der Schweiz würden Talente zwar von einem guten Angebot profitieren, so Hänni, «in Schweden existieren aber Sportgymnasien, die noch einiges besser auf die Bedürfnisse von Eishockeyspielern abgestimmt sind».
Neben einem sportfreundlicheren Schulsystem investieren andere Länder auch mehr finanzielle Mittel in den Nachwuchs. Dank des neuen TV-Vertrags hat die Swiss Ice Hockey Federation ihre Aufwendungen nun auf knapp eine Million Franken erhöht, die sie den Vereinen direkt zukommen lässt. Zudem leiten spezialisierte, vom Verband bezahlte Skill-Trainer einzelne Trainings in den verschiedenen Klubs. Indirekt könnten die Nachwuchsabteilungen auch von den rund 1,5 Millionen Franken profitieren, die jeder NL-Klub infolge der neuverhandelten TV-Rechte erhält. Ob und in welcher Höhe die Klubs das tun, ist ihnen überlassen.
Der EHC Biel hat im Zuge der höheren TV-Einnahmen das Nachwuchs-Budget erhöht. Dadurch konnten weitere Profitrainer angestellt werden, zusätzlich wird das strukturelle Defizit von der EHCB Holding AG gedeckt. Insgesamt beläuft sich das Budget auf 1,2 Millionen Franken. Vor sechs Jahren betrug es noch die Hälfte. Das zahlte sich in den jüngsten Erfolgen aus. Zum einen krönten sich die Novizen und die Mini letzte Saison mit dem Schweizer-Meister-Titel, zum anderen brachte die Organisation in den letzten Jahren mit Gilian Kohler, Janis Moser, Valentin Nussbaumer, Jan Petrig oder Davis Prysi einige Talente hervor. bil

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Eishockey ist nicht naheliegend

Moritz Bill

Fussball spielen ist für Kinder naheliegend. In fast jedem Dorf steht ein Fussballplatz. Darum, und aufgrund der simplen Ausrüstung, liegt die Einstiegshürde tief. Fussball ist in der Schweiz denn auch der meistgenutzte Eintritt ins Sport- und Vereinsleben. Jeder dritte Schweizer Jugendliche zwischen acht und elf Jahren ist Mitglied in einem Fussballverein. Bei den Kindern mit Migrationshintergrund ist es jedes zweite.

Von solchen Zahlen ist das Eishockey weit entfernt. Rund 17000 Juniorinnen und Junioren sind lizenziert, das entspricht nur etwa einem Zehntel der Anzahl im Fussball (rund 155000). Der einfache Zugang ist ein Grund für diesen Unterschied, die kulturelle Verankerung ein weiterer. Fussball ist bei der Allgemeinheit beliebter, Wochenende für Wochenende pilgern mehr Zuschauer und Zuschauerinnen in die Fussball- als in die Eishockeystadien. In aus dem Ausland zugezogenen Familien ist diese Vorliebe oft noch ausgeprägter. Ein weiterer Grund für die Vormachtstellung des Fussballs scheinen die Kosten zu sein. Eishockey ist – so die öffentliche Wahrnehmung – ein teurer, ein elitärer Sport.

Geld dank Sponsoren-Lauf
Ist dem tatsächlich so? Die Frage geht an Fabian Hänni, Leiter der Nachwuchsabteilung Spirit des EHC Biel. Er verneint: «Zweifelsohne ist Eishockey teurer als Fussball. Aber andere Sportarten bewegen sich in einer ähnlichen oder höheren Preisklasse. Und Musikunterricht ist auch nicht billig.» Speziell Einzelsportarten sind in der Regel kostenintensiv. Im Unterschied zum Teamsport wird oft in kleinen Gruppen oder allein trainiert, was die Ausgaben erhöht. Die kürzlich zur Nachwuchssportlerin des Jahres im Seeland und Berner Jura gewählte Amélie Klopfenstein (16) investiert beispielsweise pro Saison über 30000 Franken in ihre Ski-Karriere. So hoch sind die Kosten im Eishockey nicht. Doch belaufen sie sich jährlich auf einen fünfstelligen Bereich, wenn die Kinder neben dem Klubtraining zusätzlich gefördert werden und die Eltern sie auch mit persönlichem Engagement unterstützen (siehe auch Seiten 25 und 26).

Die Fixkosten bestehend aus Mitgliederbeitrag und Sponsoren-Lauf machen einen kleinen Teil des Gesamtbudgets aus. Beim EHC Biel Spirit sind sie im schweizerischen Vergleich eher tief, nehmen nach Altersstufe zu und betragen im Schnitt rund 900 Franken. Sparpotenzial bietet der Sponsoren-Lauf und der damit verbundene Verkauf von Resto-Pässen. Dafür müssen die Junioren einen festgelegten Geldbetrag eintreiben. Sammeln sie mehr, können sie die Hälfte davon behalten und damit den Beitrag für die Mitgliedschaft reduzieren oder das Geld in die Ausrüstung stecken.

Hockeystock ist teurer als Fussballschuhe
Diese macht nämlich einen grossen Kostenpunkt aus. Während die Vereinskosten im Vergleich mit dem Fussball nicht bedeutend höher sind – beim FC Biel zahlt ein elfjähriges Kind einen rund 200 Franken tieferen Mitglieder- und Sponsorenlauf-Beitrag als ein gleichaltriges beim EHC Biel –, ist der Unterschied beim Equipment markant. Allein ein durchschnittlicher Eishockeystock ist teurer als Fussballschuhe. Da sich Kinder bekanntlich im Wachstum befinden, sind diese Beträge keine einmalige Investition, sondern fortlaufende.

Es überrascht deshalb wenig, bezeichnet Fabian Hänni die Kosten für die Ausrüstung ohne Umschweife als «massiv». Der Bieler Nachwuchschef weist aber darauf hin, dass dies kein Hindernis für Anfänger darstelle. Die Hockeyschule, der übliche Einstieg ins Klubeishockey für Fünf- bis Neunjährige, bietet eine komplette Mietausrüstung für 150 Franken an. 100 Franken Depot, 50 Franken Miete: Wer möchte, kann die Ausrüstung für diese 150 Franken am Ende der Hockeyschule behalten.

Dieses Angebot ist auch aufgrund der finanziellen Unterstützung des Schweizerischen Eishockeyverbandes, der Swiss Ice Hockey Federation (SIHF), möglich. Dieser steckt jährlich knapp eine Million Franken in die 106 Rekrutierungs-Vereine. Das Geld soll neben erschwinglichen Ausrüstungen unter anderem auch für kompetente Trainer und für Promotionszwecke verwendet werden. Die schlechtere Verankerung des Eishockeys im Vergleich zum Fussball erfordert eine aktive Rekrutierung.

Je mehr Junioren, umso mehr Talente
Mit Initiativen wie «Hockey goes to School» versucht der SIHF, Kinder für den Eishockeysport zu gewinnen. Im Seeland kamen damit zuletzt insgesamt rund 600 Kinder im Alter zwischen fünf und acht Jahren mittels eines Trainings in der Turnhalle in Kontakt mit Hockey. Wie viele davon dann tatsächlich dem Ruf in die Hockeyschule folgen, ist schwierig abzuschätzen. Was letztlich genau den entscheidenden Anstoss gibt, sei kaum zu erfassen, sagt Fabian Hänni. «Doch schon alleine um ein Bewusstsein fürs Eishockey zu schaffen, sind solche Aktionen wichtig.» Öffentlichkeitswirksame Erfolge wie die beiden WM-Silbermedaillen der A-Nationalmannschaft oder regional der Erfolg des EHC Biel wirken sich zwar positiv auf Neueintritte aus, jedoch in einem überschaubaren Rahmen.

Die Anzahl Junioren nahm in den letzten fünf Jahren jedenfalls fortlaufend zu (siehe Grafik Seite 26), während die demografische Entwicklung abnehmend verläuft. «Das ist sicher positiv zu werten», sagt Markus Graf, Ausbildungschef der SIHF. «Die Spitze benötigt die Breite und die Breite die Spitze.» Je mehr Junioren, umso geringer die Gefahr, dass ein Talent unentdeckt bleibt.

Fachkompetenz und Sensibilität
Jedoch muss dieser Anstieg differenziert betrachtet werden, wenn daraus Schlüsse zur Talentförderung und damit zur Stärkung des Schweizer Eishockeys im internationalen Vergleich gezogen werden. Laut einer Studie von Jugend+Sport wechseln Kinder bis zwölfjährig zwei- bis dreimal die Sportart. Kommen sie erst dann zum Eishockey, sei das für eine spätere Profikarriere in der Regel zu spät. «Eishockey ist ein technisch anspruchsvoller Sport», sagt Markus Graf, «fängt jemand erst mit zwölf Jahren mit Schlittschuhlaufen an, wird das kaum für den Spitzensport reichen.» Der Verband setzt seinen Fokus deshalb auf die frühe Rekrutierung und versucht für gute Bedingungen zu sorgen, um die Austrittsquote möglichst tief zu halten.

Denn dieser herrschende Sportartenwechsel zeigt eben auch das Problem der Drop-outs auf. Nur mit der Rekrutierung sei es nicht getan, sagt Markus Graf. Als Beispiel wählt er ein persönliches: Seinen damals vierjährigen Sohn Luca schickte der frühere Spieler und Trainer (unter anderem beim EHC Biel) in ein Schnuppertraining. Da der Dreikäsehoch noch keine richtige Ausrüstung, dafür ein Skidress trug, wurde er von den anderen Spielern gehänselt – ein einschneidendes Erlebnis. Luca wollte nie wieder in einem Eishockeyclub gehen, heute ist er Unihockey-Nationalspieler. «Von den Trainern ist zusätzlich zur Fachkompetenz viel Sensibilität gefordert, damit die Kinder die Freude am Eishockey nicht verlieren. Das ist eine grosse Herausforderung», sagt Graf.

Scham ist häufig zu gross
Doch was, wenn die Leidenschaft und das Talent zwar vorhanden sind, das Geld während einer Juniorenlaufbahn aber knapp wird? Das kommt vor, bestätigt Fabian Hänni, doch sei wohl die Scham in vielen Fällen zu gross, das Problem offen mit den Klubverantwortlichen anzugehen. Jedenfalls bietet die Nachwuchsabteilung bei Bedarf eine gestaffelte Zahlung des Mitgliederbetrags an. Zudem sind Bestrebungen im Gange, einen Fonds für finanziell schwächer gestellte Familien einzurichten. Bereits jetzt schliesst der EHC Biel mit Spielern mit Potenzial Rückzahlungsverträge ab, die im Fall einer folgenden Profikarriere einen Teil der erlassenen Kosten zurück in die Juniorenkasse fliessen lassen.

Eltern können auch mit persönlichem Einsatz die Kosten senken – vorausgesetzt, sie können Zeit dafür aufbringen. Hilft ein Elternteil beispielsweise im Trainingslager in der Küche aus, ist die Teilnahme des Kindes im Gegenzug billiger. Fabian Hänni sagt: «Wenn es nötig ist, suchen wir nach Lösungen. Wichtig ist aber, dass die Eltern auf uns zukommen.»

Folglich ist Eishockey nicht nur ein Sport für Bessergestellte, gerade der Einstieg scheitert nicht an einer finanziellen Hürde. Billig bleibt Eishockey, wie viele andere Sportarten mit zunehmenden Alter jedoch nicht. Auch im Eishockey gilt: je ambitionierter, desto aufwendiger. Im Gegensatz zum ohnehin kostengünstigeren Fussball verlangt Eishockey mehr Eigeninitiative – sowohl der Kinder wie auch der Eltern. Eishockey ist nicht naheliegend, Eishockeyfelder stehen nicht in jedem Dorf.

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