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Sprayen als Ärgernis und Leidenschaft

Wenn die Polizei mitten in der Nacht anruft, sie habe den Nachwuchs in flagranti beim Sprayen erwischt, kommen manche Eltern zum ersten Mal mit der Staatsmacht in Berührung. Der Schreck ist dann bei Eltern wie auch Söhnen – seltener Töchtern – gross. Minderjährige erleben plötzlich eine Einvernahme auf dem Polizeiposten und bekommen die ersten Strafen ihres Lebens aufgebrummt – in Form von Bussen oder tageweisen Sozialeinsätzen bei einem Schulhausabwart oder in einem Altersheim. Noch schmerzhafter sind die bisweilen saftigen Rechnungen für die Entfernung der Graffiti. Sprayen gilt als Sachbeschädigung und ist ein Antragsdelikt. Geschädigte können Strafantrag stellen und zivilrechtlichen Schadenersatz verlangen.

Wenn ihre Kinder sprayen, reagieren Eltern bisweilen irritiert. Sie berichten von Gefühlen des Versagens als Erzieher, sie fürchten, dass sich ihre Kinder den Start ins Erwachsenenleben verpfuschen. Und sie realisieren, dass ihr pubertierender Nachwuchs gerade eine Phase besonderer Risikofreude und Unbelehrbarkeit durchlebt.

Über Graffiti gehen die Meinungen auseinander. Gemäss Strafgesetz und für die Mehrheit der Gesellschaft sind es Delikte und Schmierereien, mit denen Privatbesitz verunstaltet wird. Für eine Minderheit aber sind es Kavaliersdelikte und Kunstwerke, mit denen der öffentliche Raum verziert wird.

Graffiti sind längst nicht mehr nur ein städtisches Phänomen, im Kanton Bern leben auch Jugendliche in den Agglomerationen und in grösseren Dörfern ihre gestalterische Rebellion mit der Spraydose aus.

Graffiti beschäftigen derzeit auch das Berner Stadtparlament. Die Stadträte Oliver Berger, Bernhard Eicher, Christophe Weder (alle FDP) und Michael Daphinoff (CVP) fragen in einer Interpellation von Ende März den Gemeinderat nach dem Ausmass «illegaler Sprayereien» in der Stadt Bern. Sie wollen unter anderem wissen, wie viele Sprayereien in den letzten zehn Jahren in Bern zur Anzeige gebracht wurden, ob die Stadt als Hauseigentümerin konsequent gegen Sprayereien vorgehe und was der Gemeinderat gegen Sprayer-Gangs unternehme.

Laut der kürzlich veröffentlichten Kriminalstatistik 2018 der Kantonspolizei Bern ist die Zahl angezeigter volljähriger Sprayer auf hohem Niveau leicht rückläufig, von 4726 im Jahr 2015 auf 4397 im Jahr 2018. Graffiti gehören in die Kategorie Vandalismus, der mit 7117 den grössten Teil der 10701 Anzeigen wegen Sachbeschädigungen ausmacht. Die Zahl verurteilter minderjähriger Sprayer ist im Kanton Bern von einem Rekordwert von 325 im Jahr 2016 auf 233 im letzten Jahr zurückgegangen. svb