Sie sind hier

Abo

Filmkritik

"Ben Is Back": Die vielen Gesichter der Drogensucht

Wenn der drogensüchtige Sohn überraschend heimkehrt, ist Weihnachten in Gefahr. Julia Roberts und Lucas Hedges brillieren in diesem aufwühlenden Mutter-Sohn-Drama.

Die Sucht wird immer Teil seines Lebens sein: Ben (Lucas Hedges).
  • Video

von Roger Duft

Am Anfang überwiegt noch kurz die Freude. Als Holly Burns (Julia Roberts) zu Hause ankommt, steht da ihr Sohn. Ben (Lucas Hedges) sollte eigentlich noch in der Entzugsklinik sein. Egal. Die Umarmung ist herzlich, die Freude gross. Tochter Ivy (Kathryn Newton) bleibt im Auto. Verängstigt schreibt sie eilig mehrere Textnachrichten.

Hollys Freude über den Überraschungsbesuch ist zwar nicht gespielt, aber sofort wird reagiert. Wertvolle Gegenstände werden verwahrt, Medikamente hastig versteckt. Als Hollys Ehemann Neal (Courtney B. Vance) nach zig flehenden SMS endlich da ist, hofft Ivy, dass nun die Vernunft siegt und Ben wieder in die Klinik zurückgeschickt wird.

Allein diese ersten Minuten von «Ben Is Back» reichen aus. Sofort ist klar, was diese Familie in den letzten Jahren durchgemacht hat, augenblicklich ist man als Zuschauer in dieser Geschichte drin und gepackt. Ben weiss um seine Sucht. Er weiss, dass er früh, für andere zu früh, wieder zu Hause ist. Die Erinnerungen an seine dunkelsten Momente der Drogensucht, und damit die Versuchungen, wieder high zu werden, sie sind überall und schreien förmlich nach einem Rückfall.

Ben kann trotz Neals und Ivys eindringlichen Einwänden seine Mutter überzeugen, für die Weihnachtsfeier bleiben zu dürfen. Holly stellt eiserne Regeln auf. Sie weiss, wie gross das Risiko ist.

Während sich die Familie langsam und vorsichtig wieder an Ben herantastet, kämpft dieser mit den Erinnerungen: Frühere Verstecke für Drogen, der Ort, wo er sich fast den goldenen Schuss gesetzt hatte – die Sucht ist allgegenwärtig. Der Besuch bei den anonymen Drogenabhängigen gerät zum heiklen Moment, als ein Mädchen mit Ben gerne nochmal high werden würde vor dem Entzug.

Dass eine Drogensucht auch eine äussere Vergangenheit hat, wird Ben und seinen Liebsten bewusst, als sie von einer Weihnachtsfeier aus der Kirche nach Hause kommen und das Haus verwüstet vorfinden. Der Christbaum liegt umgekippt am Boden. Weihnachten und die Hoffnung, dass das Fest tatsächlich stattfinden könnte, stirbt mit einer einzigen Einstellung.

Als Ivy feststellt, dass Familienhund Ponce nicht mehr da ist, machen sich Ben und Holly auf die Suche. Die Nacht wird zur abenteuerlichen, schmerzhaften und gefährlichen Reise in Bens Drogengeschichte.

«Ben Is Back» ist kein konventionelles Drogen-Drama. Der Weg in die Sucht, der wurde im Kino schon zur Genüge gezeigt. Oft hatte man auch gleich noch Platz für den Weg aus der Sucht. Aber was kommt danach?

Diese Lücke schliesst Regisseur und Drehbuchautor Peter Hedges. Sein Film zeigt eindrücklich, wie allgegenwärtig und lebensbestimmend eine Drogensucht für immer bleibt. An jeder Ecke wird Ben von seiner Geschichte und den Erinnerungen eingeholt, trifft auf Menschen, die durch seine Taten schwer gelitten oder profitiert haben. Gebrochenes Vertrauen ist fast unheilbar, vor allem in der Familie.

Wer Gesichter gut lesen kann, wird dank der bis in die kleinste Nebenrolle starken Schauspieler-Leistungen einige richtige Schlüsse ziehen, bevor der Film sie preisgibt. Das ist in diesem Fall keine Schwäche, sondern ein Zeugnis von Qualität.

Julia Roberts und Lucas Hedges («Manchester By The Sea», «Lady Bird») sind in ihren Hauptrollen eine Klasse für sich. Holly ist eine starke Frau, die, gezeichnet von vielen schlimmen Erfahrungen, stetig zu zerbrechen droht. Hedges serviert mit Bens innerem Kampf und dem Wunsch nach einem wieder besseren Leben mit seiner Familie die gesamte Palette an Emotionen. Kathryn Newton und Courtney B. Vance haben es aufgrund ihrer weniger gewichtigen Nebenrollen schwer, da mitzuhalten.

Zum Ende hin will Hedges dann etwas zu viel. Die Handlung gerät mehr und mehr zum Thriller, was zwar unterhaltend ist, aber inhaltlich den Tiefgang merklich vermissen lässt.

Das Ende, das eigentlich wieder ein Anfang ist, mag auf den ersten Blick zu beschönigend wirken, ist bei reiflicher Überlegung aber konsequent. Eine Drogengeschichte ist nie ganz vorbei. Nach dem Leid kann zwar auch mal wieder die Freude überwiegen. Aber wahrscheinlich nur kurz.

Info: Im Kino Rex 1, Biel. Nur 12.15 Uhr, Lunchkino.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Roger Duft: **** (von 5 Sternen)

 


 

Stichwörter: Filmkritik

Nachrichten zu Kino »