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Filmkritik

"Green Book": Eine Fahrt ins Herz der Heuchelei

Und plötzlich ist er da, der Geheimfavorit für die kommende Oscar-Verleihung. Sollte die Komödie gewinnen, es wäre nichts als verdient.

Viggo Mortensen und Mahershala Ali spielen sich gegenseitig an die Wand.

von Mario Schnell

Mit der Qualität des Films hat das auf den ersten Blick nichts zu tun. Doch an einer Vorpremiere Anfang Januar bildete sich tatsächlich vor dem Bieler Kino Beluga eine Warteschlange. Irgendetwas musste das Publikum so zahlreich ins Kino gelockt haben.

Dass «Green Book» am 6. Januar den Golden Globe als bester Film in der Sparte Komödie / Musical gewinnen sollte, war damals noch nicht bekannt. Ging dem Film bereits ein guter Ruf voraus? Oder war es der Trailer, der seit einigen Wochen in den Kinos zu sehen war? Wir wissen es nicht.

Aber sicher ist: Der Film entliess das Publikum mit einem Glücksgefühl aus dem Saal, wie man es in US-amerikanischen Komödien eigentlich selten erlebt. Erzählt wird eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. In den 60er-Jahren sucht der schwarze amerikanische Jazz-Pianist Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) einen Fahrer, der ihn während zwei Monaten auf einer Tournee durch die Südstaaten begleiten wird. Es meldet sich ein ruppiger, ziemlich ungehobelter Italo-Amerikaner, der von Musik etwa so viel versteht wie eine Kuh von Autofahren. Dieser Tony Lip (Viggo Mortensen), ist zwar kulturell völlig unterbelichtet, hat aber ein gutes Herz. Und vor allem löst er Konflikte, wenn es sein muss, auch mal mit den Fäusten. Nach einem kleinen Hin und Her steht der Deal: Tony Lip darf fahren. Zwei Monate lang wird er getrennt sein von seiner Familie und eine Lebensschule durchmachen, die es in sich hat.

In den Südstaaten, muss man wissen, herrschte zu jener Zeit noch die Rassentrennung. Schwarze durften in gewissen Restaurants nicht essen, in gewissen Hotels nicht übernachten, und trafen sie als Autofahrer auf einen Polizisten, drohte Schlimmes. Deshalb nimmt Tony Lip das «Negro Motorist Green Book» mit ins Auto, das den schwarzen Pianisten vor Ungemach schützen soll. Darin sind alle Lokale und Unterkünfte aufgelistet, die von Schwarzen in den Südstaaten problemlos betreten werden können.

Es ist klar, dass die Tournee völlig anders verlaufen wird, als Tour Manager Tony sich das ausgedacht hat. Don Shirley ist nämlich nicht nur ein Spitzenpianist, sondern auch ein reicher, gebildeter Mann, der nicht daran denkt, rassistischen Provokationen und weisser Heuchelei aus dem Weg zu gehen.

Die Komödie, die durchaus auch tragische Seiten hat, schafft es spielend, sich in die Herzen des Publikums zu spielen. Die Dialoge zwischen den beiden unterschiedlichen Reisegesellen sind von einer entlarvenden Komik. Italienische Direktheit trifft auf gepflegte Distinguiertheit, Pizzakultur auf Feinschmecker-Allüren, Schlager-Mentalität auf Jazz und Klassik-Virtuosität. Immer wieder versucht Tony, sich einen Hauch von Kultiviertheit zu geben, doch er hat einfach keine Ahnung. Aber Don Shirley hat zwei Monate Zeit, ihm etwas beizubringen.

«Green Book» ist oberflächlich gesehen eine Buddy-Komödie. Sie ist aber auch eine Geschichtslektion über Rassismus. Sie spielt musikalisch gesehen auf höchstem Niveau und präsentiert zwei Schauspieler in Bestform. Und sie zeigt auf, dass es für die intellektuelle Elite keinen Grund gibt, sich über einfache Leute lustig zu machen – und umgekehrt.

Regie in diesem Meisterwerk des Unterhaltungskinos, das ein bisschen an «Intouchables» mit umgekehrten Vorzeichen erinnert, führte übrigens Peter Farrelly, der bisher eher mit Fäkal- und Spermahumor brillierte («There’s Someting About Mary»). Doch diesmal zeigt er, dass er nicht nur ein begnadeter Erzähler ist, sondern ohne einen einzigen primitiven Gag auskommt. Alles in diesem Film ist darauf ausgelegt, Unterhaltung auf höchstem Niveau zu bieten. Und das ist ihm ohne Einschränkung gelungen.

Info: Im Kino Rex 1, Biel.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Mario Schnell: ***** (von 5 Sternen)
- Raphael Amstutz: **** (von 5 Sternen)
- Roger Duft: **** (von 5 Sternen)
- Sonja Wenger: **** (von 5 Sternen)
- Beat Felber: **** (von 5 Sternen)

 

Stichwörter: Filmkritik

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