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Filmkritik

"Impulso": Wo der Flamenco wieder erwacht

Der Film erzählt die Geschichte von Rocío Molina, die Geschichte eines alten Tanzes, der sich neu erfindet. Und jene eines Landes, das das auch tun muss.

Sie erfindet den Flamenco neu: Rocio Molina.

von Nadine A. Brügger

1984 wird Rocío Molina im südspanischen Küstenstädtchen Torre del Mar geboren. Während sie zu einer jungen Frau heranwächst, verschuldet sich ihr Vaterland immer mehr. Zudem gräbt sich ein Spalt durch die spanische Gesellschaft. In Katalonien brodelt es. Die Einheit der Iberer wird immer zwiespältiger.

«Sind unsere Traditionen wirklich unsere», fragt man sich.  Zu den angezweifelten Traditionen gehört auch der von Rhythmus, Stakkato und Kontrolle vibrierende Flamenco. Überholt seien die Schritte, zu Kulturerhaltung und Tourismusamusement verkommen auch die typische Kleidung. Wie das Land, verheddert auch der Tanz sich in alten Strukturen.

Doch dann wird an der Costa del Sol aus dem Kleinkind ein Mädchen. Tanzwütig ist sie. Klein wird sie ihr Leben lang bleiben. Die breiten Schultern und kurzen Beine erinnern so gar nicht an die kraftvollen, langbeinigen, schlanken Flamenco-Tänzerinnen. Dass das nichts macht, wird Rocío Molina erst später erkennen. Dann nämlich, wenn ihr klar wird, dass es nicht ihr Impuls ist, in den Schritten ihrer Ahnen zu tanzen, sondern einen neuen Rhythmus zu finden.

Die Dokumentation «Impulso» ist Molinas Geschichte. Dokfilmer Emilio Belmonte spricht mit ihrer Mutter und ihren Freunden. Er spricht auch mit ihr. Denn er will wissen, wie das Mädchen Frau wurde, wie das Mädchen Tänzerin wurde. Wie die Tänzerin den Flamenco revolutionierte und damit zur aktuell wohl einflussreichsten Tänzerin Spaniens werden konnte.

Dazu verweilt Emilio Belmontes Kamerablick auf der Landschaft, auf dem Land, auf den Gesichtern, die Molinas Weg säumen. Hängt ihr und ihren Weggefährten an den Lippen. Vergisst aber auch nicht, den Vergleich zu ziehen. Jene zu Wort kommen zu lassen, deren Tradition Molina revolutioniert: Wie sehen alte Flamenco-Tänzer die Neue? Dann fokussiert Belmonte Kameras auf die kleine Frau mit den breiten Schultern. Lässt sie tanzen und schwitzen, hintern den Kulissen Körper, Geist und Nerven dehnen. Auf der Bühne in einem Funkenregen aus Flamenco und Moderne aufgehen. Denn was Molina macht, scheint manchmal wie ein sich windendes Monster, dann wieder federleicht und ist auch für jene, die das Tanzbein nur ungern schwingen, eine Sehensfreude.

Mit ihrer avantgardistischen Tanzart, ihrer Lust, Risse in der Tradition zu suchen, Grenzen zu ertasten und neu zu ziehen, mit der Wucht, die sie in das Entstehen ihrer Choreographien steckt, ist Molina nicht nur ein Erneuerin des alten Tanzes. Sie steht auch symbolisch für eine Generation von Frauen, die in den verschiedensten Bereichen von Gesellschaft, Kunst, Kultur, aber auch Wirtschaft und Politik das Gleiche tut: Grenzen sprengen. Sich neue Rollen zimmern. Alte Stereotypen über Bord werfen.

Und während der Flamenco sich durch Molina verändert, zeitgemäss wird und wieder greifbar – wünscht man dem Land, das neben der Bühne in der Unschärfe dahin zieht, das Gleiche.

Info: Im Kino Lido 2, Biel, nur 18 Uhr.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Nadine A. Brügger: **** (von 5 Sternen)
- Sonja Wenger: **** (von 5 Sternen)
- Simon Dick: *** (von 5 Sternen)



 

Stichwörter: Filmkritik

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