Sie sind hier

Abo

Filmkritik

"The Mule": Ein alter Mann auf Abwegen

Ein Rentner bessert seine Finanzen mit Drogenkurier-Fahrten auf und gerät in Teufels Küche. Clint Eastwood ist nach gut zehn Jahren wieder mal Regisseur und Hauptdarsteller – und hat nichts verlernt.

Viel muss er nicht tun: Clint Eastwood beherrscht die Leinwand nachwievor.

von Roger Duft

«Gran Torino» – das war 2008 der letzte Film, bei dem Hollywood-Altstar Clint Eastwood sowohl als Hauptdarsteller vor als auch als Regisseur hinter der Kamera agierte. Mit der Schauspielerei wollte er danach aufhören, und sich fortan ganz auf seine Rolle als Filmemacher konzentrieren.

Als Regisseur war Eastwood denn auch weiterhin fleissig. Filme wie etwa «J. Edgar», «Sully» oder letztes Jahr «The 15:17 to Paris» fanden weltweit grossen Anklang. 2012 juckte es Eastwood dann doch wieder, und er übernahm die Hauptrolle an der Seite von Amy Adams in Robert Lorenz’ Drama «Trouble With The Curve».

Die Kritiken waren gemischt, und so sollte es sechs weitere Jahre dauern, bis sich Eastwood wieder auf seine oft ausgeübte Doppelrolle besann. In «The Mule» spielt er den knapp 90 Jahre alten Earl Stone, einen Koreakrieg-Veteranen, der in seinem Leben vieles richtig gemacht hat. So wurde er zum Besitzer eines Gartenbaugeschäfts, womit er sogar Preise gewann.

Aber Earl hat in seinem Leben auch vieles falsch gemacht. So verpasste er für exakt diese Preisvergabe die zweite Hochzeit seiner Tochter Iris (Alison Eastwood, Clint Eastwoods Tochter). Seither herrscht zwischen den beiden Funkstille. Earls Ex-Frau Mary (Dianne Wiest) hat die Hoffnung auf mehr Aufmerksamkeit und damit ihre Ehe schon lange aufgegeben. Und das Geschäft beginnt mehr und mehr zu darben, weshalb nun die Zwangsschliessung droht.

Als Earl bei einer Hochzeitsfeier seiner Enkelin Ginny (Taissa Farmiga), die er, sehr zur Eifersucht von Iris, nicht verpasst hat, von einem Fremden gefragt wird, ob er mit seinem Truck ein paar Auftrags-Fahrten tätigen würde, willigt er ein. Dass er so über Nacht zum unauffälligen Drogenkurier für ein mexikanisches Drogen-Kartell wird, bemerkt er viel zu spät. Als es innerhalb des Kartells zu einem gewaltsamen Machtwechsel kommt, werden die Kurierdienste für den alten Mann immer unangenehmer, zumal auch das Drogendezernat DEA, in Gestalt von Agent Colin Bates (Bradley Cooper), dem unscheinbaren Drogen-Kurier immer näher kommt.

Wie sein Protagonist macht auch Clint Eastwood in seinem neuen Werk vieles richtig. «The Mule» ist ein ruhiger, bedachter Film, der sich Zeit lässt, Earl und seine Umgebung fein auszuloten. Da gibt es genügend Raum, damit sich auch andere Schauspieler, allen voran Dianne Wiest, wunderbar entfalten können.

Dass es Earl bei seinen Fahrten oft gemütlich nimmt und vorgegebene Regeln ausser Acht lässt, bringt zwar seine Auftraggeber zur Weissglut, sorgt aber für viele sanft-humorige Momente. Eastwood muss dabei gar nicht viel tun. Seine ungebrochene Leinwand-Präsenz und die trocken vorgetragenen One-Liner sitzen meistens tadellos.

Aber der Altstar macht eben auch ein paar Sachen falsch. So ist es schwer zu glauben, dass Earl derart lange nicht bemerkt, was für eine kriminelle Fracht er da herum chauffiert – insbesondere, weil beim Be- und Entladen auch immer jemand mit Gewehr bei Fuss dabei steht.

Dass Earl plötzlich einen teuren Truck fährt und wieder finanziell gut da steht, wird auch nicht wirklich hinterfragt. Besonders schade ist aber, dass Eastwood es sich nicht verkneifen konnte, sich in einigen überflüssigen Szenen mit deutlich jüngeren Frauen als alten Schwerenöter zu inszenieren. So etwas hätte er nun wirklich nicht mehr nötig gehabt.

Trotz allem trüben diese Schwächen den Gesamteindruck nur bedingt, gerade auch deshalb, weil der Rest des Films mit starken Darbietungen und viel Gefühl punktet und die Geschichte zu einem perfekt passenden Ende geführt wird.

Clint Eastwood hat das Filmemachen, vor und hinter der Kamera, wirklich nicht verlernt.

Info: In den Kinos Lido 1 und Cinedome, Biel.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Roger Duft: **** (von 5 Sternen)


 

Stichwörter: Filmkritik

Nachrichten zu Kino »