Sie sind hier

Abo

Filmkritik

"Peppermint": Eine Frau sieht rot

Ein Mensch verliert alles, greift zur Selbstjustiz und macht Jagd auf die Übeltäter. Das ist nichts Neues, aber Jennifer Garner zeigt sich in diesem Rachefilm besonders rabiat.

In Bestform: Jennifer Garner.

von Simon Dick

Eine Frau verprügelt einen Mann. Knochen brechen, Blut spritzt. Das ist schrecklich, hat aber durchaus seine Gründe.

Rückblick: Riley North (Jennifer Garner) führt eine glückliche Ehe und hat eine zuckersüsse Tochter, der sie jeden Wunsch von den Lippen abzulesen versucht. Doch Ehemann und Tochter werden Opfer einer Gewalttat. Nur mit sehr viel Glück kommt die Mutter mit ihrem Leben davon und realisiert erst im Krankenhaus, dass sie alles verloren hat.

Das Entsetzen und die Ohnmacht werden noch intensiver, als sie die Täter bei einer Gegenüberstellung zwar erkennt, diese jedoch vor Gericht nicht verantwortlich gemacht werden können. Der Hass und die Verzweiflung werden grösser, es brodelt und die geschundene Seele macht sich Jahre später auf einen Rachefeldzug, der blutiger nicht sein könnte.

Ist die Ausübung von Selbstjustiz ab einem gewissen Punkt moralisch legitim? Diese kritische Frage geistert schon seit Jahrzehnten durch die Kinolandschaft und ist immer wieder Ausgangspunkt für zünftige Geschichten, bei denen gefolterte Seelen alles stehen und liegen lassen und nur noch einem Gefühl hörig sind: kaltblütige Rache.

Das Genre-Rad erfindet «Peppermint» überhaupt nicht neu, aber ein paar frische Ideen heben den Film aus dem Einheitsbrei. Allen voran ist es mehr als begrüssenswert, dass nach langer Kino-Abwesenheit endlich wiedermal eine Frau austeilen und aufräumen darf. Und die Wahl hätte nicht besser ausfallen können. In Bestform lässt es Jennifer Garner richtig schön krachen. Sie leidet, geht durch die Hölle, schleppt sich blutig auf dem Boden entlang und hat trotzdem noch in wohl dosierten Momenten einen lockeren Spruch auf Lager, um den Kontrahenten auch verbal die Faust ins Gesicht zu rammen.

Einmal mehr zeigt sich, wie wandlungsfähig diese amerikanische Schauspielerin ist, die mit der Kult-Agentenserie «Alias» ihren Durchbruch feierte und zuletzt als einfühlsame Mutter in «Love, Simon» auch jenseits des Actionfilmgenres überzeugte. Kurz: Madame Garner passt einfach in jede Rolle.

Der französische Filmregisseur Pierre Morel zeigt auch in diesem Rachefilm sein filmsprachliches Können. Mit «96 Hours» bewies er bereits 2008, dass er für düstere Thriller ein besonderes Händchen besitzt und mit einer schnellen aber nicht überbordenden Schnitttechnik die Spannung und den Nervenkitzel auf ein sehr hohes Level heben kann. Er hat es nicht verlernt.

«Peppermint» ist zweifellos nicht immer logisch und hüpft oft zu abrupt von Szene zu Szene. Aber der Rächerfilm war noch nie bemüht darum, mit der Logik nächtelang durchzutanzen. Das muss er auch nicht. Wenn eine Frau knallhart nach Erlösung dürstet und dabei über Leichen geht, sind wir alle automatisch auf ihrer Seite und fiebern dem Schlussakt entgegen.

Info: In den Kinos Rex 1 und Cinedome, Biel. Auch in Grenchen.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Simon Dick: *** (von 5 Sternen)
- Roger Duft: ** (von 5 Sternen)
- Raphael Amstutz: ** (von 5 Sternen)


 

Stichwörter: Filmkritik

Nachrichten zu Kino »