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Filmkritik

"A Polar Year": Das Eis brechen

Die dokumentarisch erzählte Geschichte der Ankunft eines dänischen Lehrers in einem grönländischen Dorf überzeugt mit schönen Bildern und berührendem Schauspiel.

Anders Hvidegaard ist Lehrer und spielt sich gleich selber.
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von Beat Felber

Ja, was nun? Die Ausbildung ist abgeschlossen, die Sommerferien sind vorbei, die Batterien aufgeladen, die Zukunft wartet.

Für den jungen Dänen Anders (Anders Hvidegaard) ist klar: Er will keinen Normalojob, will ausbrechen aus der Enge seiner Familie und deren Traditionen – er sucht für seine erste Anstellung als Lehrer eine Mischung aus Abenteuer und Exotik und bewirbt sich deshalb um eine Stelle im fernen Grönland. Beim Vorstellungsgespräch mit einer kurz vor der Pensionierung stehenden Rekrutierungsbeamtin gibt er sich enthusiastisch und motiviert und will gar «möglichst schnell Grönländisch lernen». Doch wider Erwarten kommt diese Initiative beim Gespräch eher kontrapdroduktiv an. «Lernen Sie bloss kein Grönländisch – Sie sind dort, um denen Dänisch beizubringen, und nicht umgekehrt», wird ihm beschieden.

Der Junglehrer erhält aber den Job, und so macht sich Anders alsbald auf nach Tiniteqilaaq, einem an der Ostküste Grönlands gelegenen Kaff, in dem gerade mal 80 Menschen in einigen wie hingestreut gelegenen, farbigen Holzhäuschen leben – umgeben und eingerahmt von nichts als weisser Landschaft, Schnee, Eis, Wasser und Himmel.

Und so taucht er ein, der Bauernsohn, in die fremde Welt, und kämpft bald darauf nicht nur um das Vertrauen und die Aufmerksamkeit der Kinder, sondern zuallererst mit den Eltern der Kinder und dem Rest des Dorfs. Denn Anders ist für sie nicht einfach nur ein Lehrer, sondern einer vom Festland, denen man grundsätzlich misstrauisch gegenübersteht, weil sie halt immer so mondän und besserwisserisch daherkommen.
Grönland gehört zum Königreich Dänemark und wird durch das Mutterland gerne «etwas bevormundend» behandelt. So findet sich Anders unvermittelt und unvorbereitet mitten in einem Kulturgraben, beziehungsweise fühlt er sich als Auswärtiger im Abseits statt als einer der ihren mittendrin.

Der französische Regisseur Samuel Collardey erzählt behutsam und dokumentarisch die Auseinandersetzung zwischen zwei Kulturen, die Ablehnung, Annäherung und langsame Integration von Anders in die Inuit-Gemeinschaft. Da ist nichts konstruiert, sondern hat sich so abgespielt, denn Anders Hvidegaard ist tatsächlich Lehrer und spielt sich selber. Collardey hat ihn bei der Vorbereitung seines Films zufällig in Grönland getroffen und um ihn herum dann den auch mit fiktiven Elementen angereicherten Film gedreht. Dass alle Darstellerinnen und Darsteller im Film Laien sind, ist zwar offensichtlich, doch entfaltet dies einen spröden Charme, dem man sich je länger der Film dauert desto weniger entziehen kann.

Denn all die kleinen und grossen Gesten, alltäglichen Geschichten und unaufgeregten Abenteuer werden dadurch in einer einzigartigen und oft humorvollen Direktheit erzählt, wie sie auf der Leinwand sonst kaum zu finden sind. Gleichzeitig werden sie dadurch noch einmal glaubwürdiger und geben darüber hinaus Einblick in das Wesen der Inuit. Sei dies, wenn der alte Jäger Tobias die Schulklasse besucht und dabei mit eindringlichen Worten die Funktion seiner Harpune und seines Jagdgewehrs erklärt. Oder wenn der elfjährige Nasser lieber ein Wort weniger als eines zu viel sagt; in seinen Augen jedoch unzählige unausgesprochene Geschichten erkennbar sind. 

Die Handlung von «A Polar Year» ist angereichert mit fantastisch schönen Aufnahmen rund um die Menschen und die einzigartige Landschaft. Collardey ist ein ebenso runder wie einprägsamer Film über das Aus- und Aufbrechen gelungen – mit einem charismatischen Hauptdarsteller, einer einnehmenden Filmsprache und der simplen Botschaft, dass es besser und klüger ist, aufeinander zuzugehen und verstehen zu wollen, als sich besserwisserisch abzuschotten.

Info: Im Kino Rex 1, Biel. Nur 12.15 Uhr, Lunchkino.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Beat Felber: **** (von 5 Sternen)
- Mario Schnell: **** (von 5 Sternen)
- Raphael Amstutz: *** (von 5 Sternen)

 

Stichwörter: Filmkritik

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